Versteckter Schmerz

Depression – Volkskrankheit im Schatten

Depressionen
Depression

Anne S. hatte das, was Psychiater eine „Major Depression“ nennen. Sie war niedergeschlagen und desinteressiert, hatte Schlafstörungen und eine negative Selbstsicht – bis hin zu Selbstmordgedanken.

Nach langem Zögern wendete sie sich an einen Psychiater, der ihr ein Antidepressivum und eine begleitende Psychotherapie verschrieb. Etwa zwei Wochen später sollte das Medikament Wirkung zeigen. Aber die Stimmung der Patientin blieb düster. Erst nach drei weiteren Versuchen fanden die Ärzte das richtige Medikament. Anne S. ging es daraufhin bald besser.

Prof. Armin Szegedi
Prof. Armin Szegedi Geschäftsführender Oberarzt

Adäquate Behandlung äußerst selten

Nicht bei allen Patienten dauert es so lange, bis die Ärzte das passende Medikament finden. Dennoch: „Weniger als 10 Prozent der Depressiven in Deutschland werden adäquat medikamentös behandelt“, sagt Prof. Armin Szegedi, Geschäftsführender Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie der Charité-Universitätsmedizin Berlin. Denn nicht jeder Patient spricht auf jedes Mittel gleich gut an. Die Psychiater haben deshalb ein pharmakogenetisches Forschungsprojekt mit Beteiligung des Max-Delbrück-Zentrums für Molekulare Medizin in Berlin-Buch ins Leben gerufen. Ziel ist es, Gentests zu entwickeln, mit denen man die Reaktion eines Patienten auf die gängigen Antidepressiva zuverlässig vorhersagen kann. Das könnte die Leidenszeit der Patienten deutlich verringern.

Genetische Voraussetzungen und Umweltfaktoren entscheiden über Depressionsanfälligkeit

Die Molekulare Genetik hat längst in das Gebiet der psychischen Erkrankungen Einzug gehalten. Studien zur Häufung psychischer Störung in Familien und die Beobachtung unterschiedlich erzogener eineiiger Zwillinge, die an Depressionen erkrankt waren, weisen auf eine genetische Grundlage für die Erkrankung hin. Spielen also Erziehung und Umweltfaktoren keine Rolle? Liegt alles in den Genen? „Dieser Dualismus zwischen „Nature und Nurture“ ist überholt“, sagt Prof. Isabella Heuser, die Leiterin der Psychiatrischen Klinik. Inzwischen weiß man, dass ein komplexes Zusammenspiel aus genetischen Voraussetzungen und Umweltfaktoren entscheidet, ob ein Mensch für Depressionen anfällig ist oder nicht.

Prof. Isabella Heuser
Prof. Isabella Heuser ist Leiterin der Klinik für Psychiatrie

„Depressionen entstehen vor allem dann, wenn der Mensch konstantem Stress ausgesetzt ist und nicht angemessen darauf reagieren kann“, sagt Heuser. Hat zum Beispiel ein Lehrer Angst vor seiner Klasse, reagiert sein Körper mit der Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin und Cortisol. „Der Körper wird aktiviert wie ein Turbolader“, beschreibt sie den Zustand. „Bei Menschen, die Stress schlecht verarbeiten können, schaltet sich der Turbolader nicht mehr aus.“ Bei Depressiven liegt der Level der Stresshormone weit über dem Normbereich, Puls und Blutdruck sind stark erhöht. Meistens wirken die Patienten trotz dem innerlichen Erregungszustand nach außen unauffällig und eher zu ruhig: Ihre Krankheit wird deshalb häufig nicht ernst genug genommen. Und das, obwohl Depressionen auch erhebliche körperliche Einschränkungen mit sich bringen. „Häufig sind sie sogar stärker als bei körperlichen Krankheiten“, sagt Armin Szegedi. Zusätzlich ist das Risiko für andere Erkrankungen, insbesondere für Herz-Kreislauf-Krankheiten, stark erhöht.Aus einem Bericht  der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2001 geht hervor, dass Depressionen unter den Ursachen für durch Krankheit eingeschränkte Lebenszeit den vierten Rang belegen, Tendenz: steigend. Doch die Depression führt weiterhin ein Schattendasein im Licht der Öffentlichkeit. „Psychische Erkrankungen sind nach wie vor ein Tabuthema“, sagt Armin Szegedi. „Wenn sich jemand ein Bein bricht, lässt er seine Freunde und Kollegen auf dem Gips signieren, ein Depressiver hingegen schämt sich für seine Krankheit.“

Von Dietrich von Richthofen