Altäre, Tore, Kleinigkeiten

Die musealen Präsentationen der Antike

Bénédicte Savoy ist Juniorprofessorin am Fachgebiet Kunstgeschichte der Technischen Universität Berlin
Bénédicte Savoy ist Juniorprofessorin am Fachgebiet Kunstgeschichte der Technischen Universität Berlin Bildquelle: Schurian
thumbnail_savoy
thumbnail_savoy

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts waren die bedeutendsten Wissensspeicher für „reale“ antike Räume gelehrte Abhandlungen, Reiseberichte, voyages pittoresques, Kartensammlungen oder Aufrisse, kurz: Flachware. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts änderte sich dies, und schließlich erwuchs aus der Faszination für das Große im Kleinen eine bisher kaum beachtete Museumsgattung, die mit klarem pädagogischem Impetus, möglichst treu, aber verkleinernd, antike Räume für das allgemeine Publikum erlebbar machen wollte: das Spezialmuseum für antike Architektur. Es waren mehr oder weniger gelungene Raumfiktionen mit aus heutiger Sicht anregenden Irritationsmomenten: absurd vereinheitlichende Proportionalität, fehlende Kontextualisierung, surrealistisches Nebeneinander von antiken Stilen und Baugattungen aus verschiedenen Gegenden und Zeiten und perspektivische Umkehrung der Sehverhältnisse: die Antike in Tischhöhe.

Zeigten die frühen Architekturmuseen die Antike wie im iPod, so sollte bald vor dem Hintergrund der großen Ausgrabungserfolge des 19. Jahrhunderts das home cinema kommen: die Rekonstruktion im Maßstab 1:1 von originalen antiken Räumen in eigens dafür geschaffenen Museumssälen. Die weltweit eindruckvollsten Beispiele dafür befinden sich auf der Berliner Museumsinsel. Der Pergamonaltar, die Prozessionsstrasse und das Ischtar-Tor von Babylon sowie das Markttor von Milet. Diese Präsentation der Funde in ihrem räumlichen Kontext, veranschaulicht anhand von Rekonstruktionen architektonischer Monumente, ergänzt durch Modelle und Wandgemälde, die die Ausgrabungssituation verdeutlichen, sind einmalig in der Museumsgeschichte.

Troja versandet in 13 Minuten

Das Bewusstsein für Fragen der Proportionalität und der Perspektive als Koordinate der Wissenskonstruktion über die Antike scheint besonders wichtig in einer Zeit, in der eine vierte Dimension massiven Einzug ins archäologische Museum hält. Gehörten nämlich schon in der Mitte der 1990er-Jahre rechnergestützte, optisch mehr oder weniger überzeugende Rekonstruktionen antiker Räumen zum Pflichtprogramm einer jeden archäologischen Ausstellung, so sind es mittlerweile ganze Zeiträume, die in fotorealistischer, zum Teil atemberaubender Qualität virtuell erlebbar und international vernetzbar gemacht werden. Das, was kein Holzmodell und auch kein Kino verdeutlichen konnte, ist jetzt digitaler Alltag geworden: Troja versandet auf Leinwänden vor unseren Augen in 13 Minuten – ein Raumgefühl wie in Second Life.

Dass die rasende Entwicklung von 3D-Anwendungen und -Infrastrukturen eine unerhörte Chance für die archäologische Grundlagenforschung ist, steht außer Frage. Über die didaktischen Folgen ihres Einsatzes im Museum besteht aber Diskussionsbedarf.

Besondere Gefühle

„Empfangen von dem allmächtigen Weben des griechischen Genius trittst du in diesen Tempel der Kunst. Schon deine erste Überraschung hat etwas ehrwürdiges, heiliges. Eine unsichtbare Hand scheint die Hülle der Vergangenheit vor deinem Aug wegzustreifen, zwei Jahrtausende versinken vor deinem Fußtritt, du stehst auf einmal mitten im schönen lachenden Griechenland, wandelst unter Helden und Grazien, und betest an, wie sie, vor romantischen Göttern.“ (Friedrich Schiller über den Mannheimer Antikensaal, 1785)

Das Museum als Tempel, die Kunst der Antike als Religion: Das sind Topoi, die seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert den Diskurs über Museen bestimmen. Hier geht es um die besonderen Gefühle, die die räumliche Präsentation von antiken Objekten und antiken Architekturen im Museum hervorzurufen in der Lage ist – oder auch nicht. Es geht um die Macht der Gefühle als Werkzeug der Erkenntnisgewinnung und Wissensvermittlung über antike Räume und Objekte im Museum, um die Kategorie der Ergriffenheit und Würde des musealen Raumes, an der Schnittstelle zwischen ästhetischem Erlebnis, pädagogischen Intentionen und wissenschaftlichem Bestreben. Wie erleb(t)en Besucher der großen antiken Sammlungen der Welt in London, Paris, Berlin den Gang ins archäologische Museum? Wie störend ist etwa der an eine Badeanstalt der 1970er-Jahre erinnernde Fußboden einiger Antikensäle des British Museum für die Betrachtung einer nachgebauten antiken Weihestätte?

Wenn aber der Besucher die antiken Säle der Neuen Eremitage in Petersburg betritt, hält er ergriffen den Atem an – verjährte Kategorien für die ernüchternden Visualisierungsformen der Gegenwart?

Von Bénédicte Savoy