Ernst Reuter-Preis 2007

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Von links nach rechts: Walter Rasch, Dr. Mark-Georg Dehmann, Dr. Anna Holzscheiter, Dr. Jutta Rogal, Dr. Athanasios Typas, Prof. Keitel-Kreidt Bildquelle: Ulrich Dahl

Festveranstaltung zum Gründungstag der Freien Universität Berlin

News vom 29.11.2007

Am 4. Dezember 2007 feiert die Freie Universität gemeinsam mit der Ernst-Reuter-Gesellschaft den Ernst-Reuter-Tag 2007. Die Festveranstaltung im Henry-Ford Bau erinnert an die Gründung der Hochschule am 4. Dezember 1948, an der der damalige Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter entscheidend beteiligt war. Im Rahmen der Feierlichkeiten werden auch in diesem Jahr wieder vier junge Wissenschaftler der Freien Universität mit dem Ernst-Reuter-Preis ausgezeichnet. Die Preise sind mit jeweils 5.000 Euro dotiert.

Die Ernst-Reuter-Gesellschaft der Freunde, Förderer und Ehemaligen der Freien Universität Berlin e.V. zeichnet jedes Jahr am 4. Dezember die vier besten Dissertationen des Vorjahres aus. In diesem Jahr geht der Ernst-Reuter-Preis an folgende Wissenschaftler:


Dr. Mark-Georg Dehrmann Dr. Mark-Georg Dehrmann

Die Arbeit von Mark-Georg Dehrmann verfolgt die allmähliche Aufnahme der Schriften von Anthony Earl of Shaftesbury in der deutschen Theologie, Gelehrsamkeit, Literaturkritik und Literatur im 18. Jahrhundert. und zeichnet die komplexen Kommuniaktionswege nach. 

„Dehrmanns Arbeit Shaftesbury und die deutsche Aufklärung setzt nunmehr zu einer umfassenden Revision an“, erklärt der Betreuer der Arbeit, Prof. em. Hans-Jürgen Schings. „In doppelter Hinsicht wird damit der Anspruch der Disseration deutlich: Sie nimmt es mit einem der großen und verwickelten Komplexe des Dix-huitième auf, einer Wirkungsgeschichte Shaftesburys in Deutschland, und sie tut dies im Bewusstsein, gegen den Strich vorgehen zu müssen, mit einer erklärten Herabstimmung nämlich der alten geistesgeschichtlichen Spekulation und ihrer emphatischen Ergebnisse.

Um es gleich vorweg zu sagen“, betont Schings, „Dehrmanns Arbeit wird ihren hohen Ansprüchen vollauf gerecht.“ „Wir haben hier eine Studie vor uns“, so die Gutachter, „die alle Vorzüge einerherausragenden akademischen Schrift vereint: Quellenkenntnis und –kritik,methodische Schärfe, argumentative und interpretative Brillanz, den Blick fürübergeifende historische Zusammenhänge, viele neue Einsichten in die behandelten Gegenstände – ein innovativer Beitrag zur Frühgeschichte unserer Wissenschaft.“


Dr. Anna Holzscheiter Dr. Anna Holzscheiter

Die Dissertation von Anna Holzscheiter, „Power of  Discourse and Power in Discourse. An Investigation of Transformation and Exclusion in the Global Discourse on Childhood“, betreut von Prof. Thomas Risse, geht auf die Geschichte der Rechte des Kindes ein wie auch auf die Einstellungen zum ‚Kind‘ und zur ‚Kindheit‘.

Die Preisträgerin arbeitet die institutionalisierte Entwicklung in internationalen Verträgen auf, wobei es ihr ausgezeichnet gelingt, den Einfluss der unterschiedlichen Ideologien zu Kindheit und Kind in Dokumenten und Verträgen aufzuspüren.

„Es handelt sich um eine ausgezeichnet recherchierte Geschichte der Verhandlungen über die internationale Kinderrechtskonvention“, schreibt Prof. Thomas Risse in seiner Beurteilung, die aufzeigt, wie sich am Ende die liberalen Ideologien des Westens und der skandinavischen Länder durchsetzen, ohne dass beispielsweise später hinzugekommene Delegationen aus der Dritten Welt noch eine argumentative Chance hätten.

„Nicht genug, dass sie die theoretische Leistung vollbringt, Habermas’sche und Foucault’sche Ansätze der Diskursanalyse zu integrieren und zu einem kohärenten Konzept des Trichtermodells zusammenzuführen und für die Theorie der Internationalen Beziehungen fruchtbar zu machen“, betont Thomas Risse. „Die Arbeit enthält darüber hinaus eine vorzüglich gelungene empirische Fallstudie, die schon allein für sich genommen eine Prädikatsnote verdient.“


Dr. Jutta Rogal Dr. Jutta Rogal

Chemische Reaktionen an Festkörperoberflächen sind verantwortlich für so wichtige Vorgänge wie das Rosten von Eisen, die Herstellung von Kunstdünger, das Funktionieren eines Katalysators im Auto sowie für den Abbau der Ozonschicht. Um entsprechende Prozesse entweder kontrolliert unterdrücken zu können, wie im Falle der Korrosion oder des Ozonabbaus, oder zu verbessern wie etwa bei Katalysatoren, bedarf es eines mikroskopischen Verständnisses, das bislang oft nur ansatzweise vorhanden ist.

„Die Schließung der sogenannten Drucklücke zwischen dem Ultrahochvakuum und realen Umgebungsdrücken ist ein hochaktuelles Forschungsthema“, sagt der Betreuer der Arbeit und Laudator PD Dr. Karsten Reuter, „sowohl von experimenteller wie auch von theoretischer Seite.

Genau eine solche Schließung hat Dr. Jutta Rogal in ihrer Arbeit „Stability, Composition and Function of Palladium Surfaces in Oxidizing Environments: A First-Principle Statistical Mechanics Approach“ erstmals erreicht. Die Arbeit der Preisträgerin beeindruckt durch ihre enorme methodische Breite, die Ausmaße der numerisch gerade noch machbaren Rechnungen, sowie durch die Klarheit der Argumentation“, so Reuter.


Dr. Athanasios Typas Dr. Athanasios Typas

Bakterien müssen als einzellige Lebewesen, die überall auf diesem Planeten vorkommen, in der Lage sein, ihre Physiologie und ihren „Lebensstil“ schnell an ständig wechselnde und oft für sie schädliche Umweltbedingungen anzupassen. Krankheitserregende Bakterien nutzen diese Fähigkeiten auch, um den für sie sonst tödlichen Attacken des Immunsystems ihrer Wirtsorganismen zu entgehen. Derartige Anpassung beruht auf schnellen Veränderungen im genomweiten Genexpressionsmuster, wobei oft Hunderte von Genen koordiniert hoch- oder herunterreguliert werden. Beim Modellorganismus Escherichia coli ist bekannt, dass eine Vielzahl von Stressbedingungen dazu führen, dass bis zu 500 Gene aktiviert werden (ca. 10 % der Gene im E. coli-Genom), was zu einer Wachstumsreduktion zu Gunsten multipler Stressresistenz, zu einer drastischen Stoffwechselumstellung und einer verstärkten Neigung zu Biofilmbildung führt.

Im Laufe seiner Doktorarbeit „Deciphering the way Sigma-S-containing RNA polymerase (E-Sigma-S) targets its promoters in Escherichia coli konnte der Preisträger zeigen, dass es zwischen vegetativen und Stress-Promotoren und der Art, wie vegetative und Stress-RNAP diese erkennen, im Unterschied zu früheren Annahmen eindeutige Unterschiede gibt. „Mit diesen Ergebnissen ist nicht nur das sogenannte ‚Sigmafaktor-Promotor-Selektivitäts-Paradox‘ und damit eine zentrale Frage beim bakteriellen ‚Lifestyle-switching‘ gelöst“, betont die Lausdatorin und Betreuerin der Arbeit Prof. Regine Hengge, „sondern man wird damit nunmehr auch Stresspromotoren nach Wunsch gentechnisch ‚maßschneidern' können".


Den öffentlichen Festvortrag hält Frau Prof. Dr. Ulla Haselstein, Direktorin der gerade eröffneten und im Rahmen der Exzellenzinitiative ausgezeichneten Graduate School of North American Studies der Freien Universität Berlin. Sie spricht zum Thema „Kontaktzone Amerika“.