Stolperstein-Verlegung und Gedenkfeier für Leo Adler (1898-1939)

Berliner wurde 1938 ein Opfer der ersten Massendeportation aus dem Deutschen Reich

Nr. 351/2015 vom 06.11.2015

Zum Gedenken an das Schicksal des von den Nationalsozialisten ermordeten Berliner Pelzhändlers Leo Adler (1898–1939) wird am 16. November in der Heinrich-Heine-Straße in Kreuzberg ein Stolperstein verlegt. Leo Adler, polnischer Staatsbürger, war wie mehrere tausend Berliner Jüdinnen und Juden polnischer Staatsangehörigkeit ein Opfer der von den Nationalsozialisten als solche bezeichneten Polenaktion, der ersten großen Massendeportation aus dem Deutschen Reich zwischen dem 27. und 29. Oktober 1938. Der Verlegung um 14.15 Uhr wohnen Adlers letzte noch lebende Tochter, Rita Berger, und seine Enkelkinder bei. Bei Stolpersteinen zum Gedenken an Opfer der NS-Zeit handelt es sich um Messingtafeln, die der Kölner Bildhauer Gunter Demnig vor deren letztem selbst gewähltem Wohnort auf dem Bürgersteig verlegt. Allein in Berlin wurden bisher mehr als 5000 dieser Gedenksteine verlegt.

Initiiert wurde die Stolpersteinverlegung für Leo Adler von der Studentin Véronique Mickisch von der Freien Universität Berlin, die im Rahmen eines Seminars zu dem Verbrechen an Familie Adler recherchierte und Rita Berger in Long Beach bei New York besuchte. Das Seminar zur sogenannten Polenaktion in Berlin wurde im vergangenen Wintersemester am Osteuropa-Institut von Prof. Dr. Gertrud Pickhan und Alina Bothe angeboten und mit einem Lehrpreis ausgezeichnet.

Nach der Verlegung des Stolpersteins wird es gemeinsam mit der Familie eine Gedenkveranstaltung für Leo Adler im naheliegenden Friedrichshain-Kreuzberg-Museum geben. Univ.-Prof. Dr. Gertrud Pickhan vom Arbeitsbereich Geschichte im Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin wird über Leo Adler und die „Polenaktion“ in Berlin sprechen.

Leo Adler und seine Frau Sabina zogen um die Jahrhundertwende mit ihren Familien nach Berlin. Sie bauten gemeinsam ein Pelzgeschäft in Kreuzberg auf, das bis 1933 sehr gut lief. Durch die Rassegesetze der Nationalsozialisten konnten sie ihr Geschäft nur noch mit Einschränkungen betreiben. Gemeinsam hatten sie drei Kinder: Norbert (1922–2011), Fedor (1925–2006) und Rita (*1929). Kurz vor der „Polenaktion“ erhielt Leo Adler von einem Bekannten einen Hinweis und verbrachte die Nacht mit seinem ältesten Sohn Norbert bei Bekannten. So entgingen sie der Verhaftung. Als sie aber nach Hause zurückkehrten, war Sabina Adler so von der Polizei eingeschüchtert worden, dass Leo und Norbert sich freiwillig stellten, um die Familie nicht in Gefahr zu bringen. Vater und Sohn wurden daraufhin nach Zbąszyn abgeschoben. Norbert durfte als Minderjähriger nach einigen Tagen zu Verwandten nach Dynów in Südpolen weiterreisen, Leo musste in Zbąszyn bleiben. Am 28. März 1939 wurde auch Sabina Berger mit den beiden jüngeren Kindern zu Hause von der Polizei zur Ausreise nach Polen gezwungen. Bei Kriegsbeginn waren Norbert und Sabina in Warschau, wo sie sich vergeblich um eine Ausreise in die USA bemühten. Fedor und Rita reisten hingegen mit ihrem Vater ins südpolnische Dynów. Dort wurde Leo Adler am 16. September 1939 bei einem der ersten Massaker der Einsatzgruppe Woyrsch zusammen mit 200 weiteren jüdischen Männern ermordet. Nach einer beschwerlichen Flucht in den sowjetisch besetzten Teil Polens fanden Fedor und Rita wie durch ein Wunder ihre Mutter und Norbert in Przemyśl wieder. Im Frühjahr 1940 wurde die gesamte Familie vom sowjetischen Geheimdienst, NKWD, nach Sibirien deportiert, wo sie bis 1946 bleiben.

Für Rita Berger, geborene Adler, ist die Stolpersteinverlegung für ihren Vater von großer Bedeutung. Sie reist nicht allein, sondern gemeinsam mit ihrem Mann und etwa 15 Verwandten, darunter mehrere Enkel und Urenkel Leo Adlers, nach Berlin. Leo Adlers Enkel hat die Bedeutung des Ereignisses so zusammengefasst: “Memorials are meant to mark a person's life and final resting place – but, like most Holocaust victims, Leo Adler has no personal grave. This project and this memorial stone therefore serves as a permanent, remarkable and worthy recollection of Leo's life as a family man, a Jew and a Berliner." (Gedenksteine sind dazu gedacht, um an eine Person und ihren Begräbnisort zu erinnern, doch wie die meisten Opfer des Holocaust hat Leo Adler kein eigenes Grab. Dieses Projekt und dieser Stolperstein dienen daher der dauerhaften, bemerkenswerten und würdigen Erinnerung an Leo als Familienmensch, Jude und Berliner.)

Aus dem Seminar über die von den Nationalsozialisten als „Polenaktion“ bezeichneten Verbrechen hat sich eine studentische Initiative entwickelt; die Studierenden haben es sich zur Aufgabe gemacht, für die aus Polen stammenden Juden und Jüdinnen, die 1938 aus Berlin ausgewiesen und von den Nationalsozialisten ermordet wurden, Stolpersteine verlegen zu lassen. Zur Finanzierung dieser Steine haben die Studierenden eine Crowdfunding-Initiative auf der Website Betterplace gestartet und eine Facebook-Seite angelegt. Die Stolperstein-Verlegung für Leo Adler am 16. November wird die erste der Initiative sein.

Prof. Dr. Gertrud Pickhan hebt die Bedeutung des Themas und die Leistungen der Studierenden hervor. „Mit der Lehrveranstaltung und der geplanten Ausstellung schließen wir eine Forschungslücke zur Geschichte der Verfolgung in Berlin. Es ist beeindruckend, wie engagiert die Studierenden im Seminar gearbeitet haben und wie sich ihr Einsatz dann in der eigenständigen Beantragung der Stolpersteine fortgesetzt hat.“

Die sogenannte Polenaktion war die erste Massendeportation im Dritten Reich. Reichsweit wurden zwischen dem 27. und dem 29. Oktober 1938 mehr als 17.000 Jüdinnen und Juden polnischer Staatsangehörigkeit verhaftet und nach Polen abgeschoben. In den meisten Städten wurden ganze Familie deportiert; in Berlin vor allem Männer und männliche Jugendliche. Die Deportierten wurden in Zügen bis zur polnischen Grenze gebracht und verbrachten die kalte und nasse Nacht im Niemandsland. Da die polnische Regierung die Einreise verweigerte, strandeten etwa 9.000 Menschen im deutsch-polnischen Grenzort Zbąszyn, entlang der Zugstrecke Berlin-Warschau. In dieser kleinen Stadt mit weniger als 5.000 Einwohnern mussten etliche Tausend bis zum Sommer 1939 ausharren. Am Vorabend des deutschen Überfalls auf Polen wurde ihnen die Weiterreise nach Polen gestattet. Manchen gelang auch die Emigration. Nach einem deutsch-polnischen Abkommen durften nach einigen Monaten jeweils bis zu 1.000 der deportierten Menschen kurzfristig nach Deutschland zurückkehren, um ihre Wohnungen und Geschäfte aufzulösen und ihre Familien nachzuholen. Unter den Deportierten war auch die Familie Grynszpan aus Hannover, deren ältester Sohn Herschel am 7. November 1938 das Attentat auf den Botschaftsangehörigen vom Rath in Paris verübte, das von den Nationalsozialisten als Vorwand Novemberpogrome genommen wurde. Zu den Betroffenen in Berlin zählte der junge Marcel Reich-Ranicki, der allerdings nicht in Zbąszyn bleiben musste, sondern zu seiner Familie nach Warschau weiterreisen durfte. In seinen Memoiren „Mein Leben“ erzählt er ausführlich über seine Erfahrungen der „Polenaktion“.

Im Wintersemester 2014/2015 fand am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin ein Forschungsseminar zur sogenannten Polenaktion in Berlin unter der Leitung von Prof. Dr. Gertrud Pickhan und Alina Bothe statt. Ziel des Seminares war es, dass die Studierenden eigenständig biografische Skizzen zu von der „Polenaktion“ betroffenen Berliner Familien recherchierten. Insgesamt konnten bisher 13 Familiengeschichten erschlossen werden, unter ihnen die der Familie Adler, deren Geschichte Véronique Mickisch recherchierte. Das Seminar ist mit einem Lehrpreis der USC Shoah Foundation, dem Teaching Fellowship 2015/2016, ausgezeichnet worden und wird in modifizierter Weise in diesem Semester erneut angeboten. Die Recherchen der Studierenden sollen in eine für 2017 geplante Ausstellung zur Geschichte der „Polenaktion“ in Berlin einfließen, die vom Arbeitsbereich Geschichte am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin gemeinsam mit dem Aktiven Museum vorbereitet wird.

Zeit und Orte

  • Montag, 16. November 2015, 14.15 bis 15.15 Uhr Verlegung, anschließend Gedenkveranstaltung im Friedrichhain-Kreuzberg-Museum ab 15.45 Uhr
  • Stolpersteinverlegung Heinrich-Heine-Straße gegenüber der Hausnummer 54, 10179 Berlin, nahe U-Bahnhof Moritzplatz;
  • Gedenkfeier im Friedrichshain-Kreuzberg-Museum, Adalbertstr. 95A, 10999 Berlin, U-Bhf. Kottbusser Tor (U1, U8), Bus M29, 140

Pressefoto

Leo und Sabina Adler mit ihren Kindern Norbert, Fedor und Rita in Zbąszyn, 1939. Abdruck honorarfrei bei Angabe der Quelle „aus dem Besitz der Familie Berger“.

Leo und Sabina Adler mit ihren Kindern Norbert, Fedor und Rita in Zbąszyn, 1939. Abdruck honorarfrei bei Angabe der Quelle „aus dem Besitz der Familie Berger“.

Weitere Informationen

  • Alina Bothe, Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin E-Mail: alina.bothe@fu-berlin.de
  • Prof. Dr. Gertrud Pickhan, Arbeitsbereich Geschichte im Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin, Telefon: 030 / 838-52469 /, E-Mail: pickhan@zedat.fu-berlin.de

Informationen zur Crowdfunding-Aktion im Internet