Wie wirkt sich ein bedingungsloses Grundeinkommen auf den Arbeitsmarkt und die Einkommensverteilung aus?

Studie von Wirtschaftswissenschaftlern der Freien Universität: Bedingungsloses Grundeinkommen durch Einkommenssteuersatz von 70 Prozent finanzierbar

Nr. 250/2015 vom 20.08.2015

Ein bedingungsloses Grundeinkommen in Höhe von 800 Euro monatlich für Volljährige sowie 380 Euro monatlich für Minderjährige könnte in Deutschland durch eine Besteuerung des Arbeitseinkommens mit einem pauschalen Steuersatz von knapp 70 Prozent einschließlich aller Arbeitnehmersozialversicherungsbeiträge finanziert werden. Dies ist das Ergebnis einer Studie von Wirtschaftswissenschaftlern der Freien Universität Berlin um Viktor Steiner, Professor für Empirische Wirtschaftsforschung und Wirtschaftspolitik. Insbesondere einkommensschwache Männer würden mit dem vorgestellten Grundeinkommenskonzept den Sprung aus der Arbeitslosigkeit schaffen, weil der finanzielle Anreiz zu Arbeiten deutlich höher wäre als unter Hartz IV: Bei Empfängern von Arbeitslosengeld II wird ein zusätzlich verdienter Euro oberhalb relativ geringer Hinzuverdienstgrenzen zu 100 Prozent eingezogen. Die Studie wurde in der Reihe Economics des Fachbereichs publiziert.

Insgesamt würde das Beschäftigungsniveau allerdings zurückgehen, wie die Ökonomen Robin Jessen, Davud Rostam-Afschar und Viktor Steiner bei ihrer Untersuchung der Auswirkungen eines bedingungslosen Grundeinkommens feststellten: „Die höhere Abgabenlast für Haushalte mit mittleren und hohen Einkommen führt dazu, dass sich die Gesamtzahl aller Arbeitsstunden um etwa fünf Prozent verringert“, erläutert Rostam-Afschar.

Hinsichtlich der Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt könnte es Bedenken gegenüber der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens geben: Frauen würden etwa acht Prozent weniger Erwerbsstunden erbringen. Sie arbeiten im Verhältnis zu Männern überproportional häufig in Teilzeit, für einen großen Teil von ihnen würde sich Arbeit nicht mehr lohnen.

Auch Bezieher hoher Einkommen würden Nachteile erfahren: Während Haushalte im einkommensschwächsten Zehntel der Bevölkerung durchschnittlich im Jahr etwa 4.300 Euro gewännen, würde das Einkommen im obersten Zehntel um jährlich durchschnittlich 10.400 Euro sinken.

In der Schweiz findet im Jahr 2016 eine Volksabstimmung zur Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens in Höhe von 2.500 Franken (etwa 2.325 Euro) statt. Würde ein Grundeinkommen in dieser Höhe in Deutschland eingeführt, träten deutlich stärkere Effekte auf.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Viktor Steiner, Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der Freien Universität Berlin, Telefon: 030 / 838-54371, E-Mail: viktor.steiner@fu-berlin.de

Publikation

Robin Jessen, Davud Rostam-Afschar und Viktor Steiner: Getting the Poor to Work: Three Welfare Increasing Reforms for a Busy Germany (Diskussionsbeiträge des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaft der Freien Universität Berlin, Reihe Economics, 2015/22, Juli 2015).

Im Internet

Die vollständige Studie "Getting the Poor to Work: Three Welfare Increasing Reforms for a Busy Germany"