Freie Universität Berlin


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Studie: Schüler halten Demokratien und Diktaturen für gleichwertig

Wissenschaftler der Freien Universität präsentieren Ergebnisse eines Forschungsprojektes zu zeitgeschichtlichen Kenntnissen und Urteilen

Nr. 181/2012 vom 27.06.2012

Viele Jugendliche können einer Studie der Freien Universität Berlin zufolge nicht zwischen Demokratie und Diktatur unterscheiden. Wie die Befragung des Forschungsverbundes SED-Staat der Freien Universität unter knapp 7.500 Schülern in fünf Bundesländern ergab, halten viele Schüler den NS-Staat und die DDR nicht für eine Diktatur; die (alte) Bundesrepublik und das wiedervereinigte Deutschland werden häufig nicht als Demokratie eingestuft. Ursache dieser Fehleinschätzungen ist den Forschern um den Politikwissenschaftler Prof. Dr. Klaus Schroeder zufolge das geringe politisch-historische Wissen von Schülern, denn – so ein weiteres Ergebnis der Studie – zwischen Kenntnissen und Urteilen besteht ein direkter Zusammenhang. Der Einfluss von Kenntnissen auf die Systembeurteilung ist deutlich stärker als etwa die Herkunft der Eltern, die besuchte Schulform oder die Parteipräferenz.

Für das vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, den beteiligten Bundesländern sowie dem Forschungsverbund SED-Staat finanzierte Forschungsprojekt wurden Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 9 und 10 in Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Thüringen befragt. In verschiedenen Untersuchungsteilen wurden das Wissen und die Urteile über den Nationalsozialismus, die DDR sowie die Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung erfragt. Außerdem wurden der Einfluss von Gedenkstättenbesuchen sowie in einer Längsschnittuntersuchung die Veränderung zeitgeschichtlichen Wissens und Urteilens über den Zeitraum von eineinhalb Jahren untersucht. Dabei wurden die Jugendlichen beispielsweise gefragt, was am 8. Mai 1945 geschah oder wie die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland heißt.

Insgesamt ist das politisch-historische Wissen vieler Schüler gering, wie die Studie weiter ergab. Am besten schnitten Schüler aus Thüringen und Sachsen-Anhalt ab, am schlechtesten Schüler aus Nordrhein-Westfalen. Quer durch alle Bundesländer und Schulformen zieht sich der Befund, dass die Schüler am meisten über den Nationalsozialismus wissen, deutlich weniger dagegen über die Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung sowie die DDR.

Aus diesem geringen Wissen resultiert vor allem die Unfähigkeit, zwischen Demokratie und Diktatur unterscheiden zu können. So ordnet nur etwa die Hälfte der Schüler den NS-Staat zweifelsfrei als Diktatur ein, in Bezug auf die DDR vermag dies sogar nur etwas mehr als ein Drittel. Die Identifikation einer Demokratie gelingt den Jugendlichen kaum besser: Nur rund die Hälfte der Befragten schätzt die Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung als demokratisch ein, lediglich rund 60 Prozent halten das wiedervereinigte Deutschland für eine Demokratie.

Insgesamt glauben rund 40 Prozent der Schüler, dass kaum Unterschiede bestehen zwischen Nationalsozialismus, der DDR sowie der Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung. Diese Schülergruppe ist der Auffassung, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und Selbstbestimmung seien in allen vier Systemen etwa gleich ausgeprägt.

Schüler mit DDR-Eltern oder mit mindestens einem ausländischen Elternteil (sogenannte Migrantenkinder) sehen den Nationalsozialismus und die DDR positiver als ihre Altersgenossen mit BRD-Eltern. Die alte Bundesrepublik und das wiedervereinigte Deutschland sehen sie hingegen negativer als diese.

Zusätzlich wurde der Einfluss von Gedenkstättenbesuchen erforscht. Dabei konnte kein eindeutig positiver Effekt dieser Besuche festgestellt werden. Hauptgrund hierfür ist nach Einschätzung der Wissenschaftler die mangelnde Kontextualisierung der in den Gedenkstätten angebotenen Informationen. Hier seien vor allem die Schulen gefordert, weniger aktionistisches „Gedenkstättenhopping“ zu betreiben, sondern mehr in soliden Geschichtsunterricht einschließlich Vor- und vor allem Nachbereitung von Gedenkstättenbesuchen zu investieren.

Die auf rund 18 Monate angelegte Längsschnittuntersuchung zeigt den Wissenschaftlern zufolge eindeutig, dass der Unterricht die entscheidende Wissensquelle für Jugendliche ist und zu einem Kenntnisgewinn führt. Auch in diesem Untersuchungsteil gingen mit höherem Wissen angemessenere Urteile einher. So konnten die Schüler beispielsweise besser einordnen, ob in einem System Meinungs- und Pressefreiheit gewährleistet waren. Aber auch hier zeigen sich befremdliche Einschätzungen, wenn etwa in der ersten Befragung rund ein Drittel der Schüler die DDR als Demokratie charakterisiert. In einer zweiten Befragung wuchs in den alten Bundesländern – nach der Behandlung im Schulunterricht – der Anteil derer, die die DDR als Demokratie einstuften, auf über 40 Prozent. Im Osten ging der Anteil der Schüler mit einem solchen Urteil nach der Behandlung im Unterreicht dagegen leicht zurück.

Als Konsequenz dieser Ergebnisse halten die Wissenschaftler eine wertorientierte Kenntnisvermittlung im Sinne der freiheitlich-demokratischen Grundordnung im Schulunterricht dringend geboten.

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