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„Altersarmut bekämpfen, wo sie entsteht: am Arbeitsmarkt“

Neue Studie zum erwarteten Renteneinkommen der geburtenstarken Jahrgänge vorgestellt / Poltikwissenschaftlerinnen der Freien Universität Berlin fordern Korrekturen in der Arbeitsmarktpolitik

Nr. 15/2012 vom 24.01.2012

Die Biografien und Erwerbsverläufe der heute 45- bis 50-jährigen Frauen sind im Vergleich zu denen vorheriger Generationen vielfältiger geworden. Diese Vielfalt wirkt sich nicht nur unterschiedlich auf die Alterssicherung der Frauen aus, sondern führt zu „Klassenbildung“ – nicht nur zwischen Mann und Frau, Ost und West, sondern auch innerhalb der Gruppe der Frauen. Das ist ein Ergebnis der neuen Renten-Studie, die die Politikwissenschaftlerinnen Prof. Dr. Barbara Riedmüller und Ulrike Schmalreck vom Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft an diesem Dienstag vorgestellt haben. Sie forderten von Politikern,  verstärkt Anreize zu schaffen, damit auch Frauen mit Kindern in Vollzeit arbeiten und so ihr Rentenkonto auffüllen könnten.

Für die von der Deutschen Rentenversicherung geförderte Studie „Die Lebens- und Erwerbsverläufe von Frauen im mittleren Lebensalter. Wandel und rentenpolitische Implikation“ werteten die Wissenschaftlerinnen Daten des Sozioökonomischen Panels – einer repräsentativen Wiederholungsbefragung von über 12.000 Privathaushalten in Deutschland – aus sowie der Versichertenkontenstichprobe – einer ständigen Sondererhebung der gesetzlichen Rentenversicherung. Wie der Vergleich zu früheren Generationen zeigt, weisen die „Babyboomerinnen“ eine höhere Bildungs-und Erwerbsintegration auf. Auch der Anteil der reinen Hausfrauenbiografien ist im Westen mit 19 Prozent geringer als bei früheren Generationen (25 Prozent). Immer mehr Frauen vereinbaren Beruf und Kinder miteinander. Als „Trendsetterinnen“ zeigen sie, dass ein qualifizierter Job erstrebenswert ist und finanzielle Unabhängigkeit bis ins Alter garantiert. Von diesen Entwicklungen gehen positive Effekte aus, die zu einer höheren eigenständigen Alterssicherung führen.

Gleichzeitig wirkt sich der Strukturwandel im Arbeits- und Beschäftigungssystem negativ auf die Sicherung im Alter aus. Die Frauen sind stärker als vorherige Jahrgänge von der Ausweitung der Teilzeit- und geringfügigen Beschäftigung und den längeren und häufigeren Phasen der Arbeitslosigkeit betroffen. Nur 21 Prozent der westdeutschen und 43 Prozent der ostdeutschen Babyboomerinnen weisen eine Vollzeiterwerbskarriere auf. Anders als frühere Rentnergenerationen können die Frauen nicht darauf hoffen, ihre Versorgungslücken in der gesetzlichen Rente durch die Einkommen der Ehepartner zu kompensieren. Sinkende Renten der Männer, geringe Witwenrenten und die erhöhte Scheidungsrate lassen das Versorgermodell bröckeln.

Um die von Altersarmut bedrohten Frauen zu schützen, bestehe dringender Handlungsbedarf, sagt Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Barbara Riedmüller: „Die Politik muss sich endlich dazu durchringen, Altersarmut dort zu bekämpfen, wo sie entsteht: am Arbeitsmarkt. Das heißt, die volle Integration der Frauen ins Erwerbsleben muss gefördert werden. Wie die Analyse der Konzepte der Parteien und gesellschaftlichen Akteure zeigt, sind wir weit davon entfernt, dieses Ziel zu erreichen.“

Kritik der Wissenschaftlerinnen

  • Durch die Mitversicherung der nicht oder nur geringfügig erwerbstätigen Ehefrau in der Krankenversicherung werde kein Anreiz zur Aufnahme oder Ausweitung der Erwerbstätigkeit geschaffen. Das Beamtenrecht ist noch großzügiger und fördere den „Zuverdiener-Status“ der Ehefrau, indem sie bis zu einer jährlichen Einkommensgrenze von 18.000 Euro eine Beihilfeberechtigung erhält.
  • Gleiches gelte für das Ehegattensplitting, welches sich besonders für Ehemänner mit hohem Einkommen und deren nicht erwerbstätige Ehefrau lohne. Diese großzügige Subventionierung der Ehe – unabhängig von Kindern – setze finanzielle Fehlanreize und wirke der Erwerbstätigkeit der Frau entgegen.
  • Familienpolitische Maßnahmen wie das Elterngeld und die Erziehungszeit seien Faktoren, die lange Erwerbsunterbrechungen von Müttern herbeiführten.

Forderungen an die Politik

  • Die abgeleiteten Ansprüche in der Rentenversicherung suggerierten der Ehefrau eine finanzielle Sicherheit im Alter, die die Witwenrente jedoch bekanntlich nicht mehr leisten werde. Hier wäre den Wissenschaftlerinnen zufolge eine Änderung der Renteninformation sinnvoll. Frauen sollten neben ihrer eigenen Rente auch die zu erwartende abgeleitete Rente ihres Ehepartners in ihrer Renteninformation erfahren. Bisher wüssten sie wenig über die Höhe der Witwenrente und überschätzten ihre Ansprüche häufig. Familienorientierten Frauen mit geringen eigenen Rentenansprüchen könne so der Glaube genommen werden, dass der Ehepartner für sie eine sichere Altersvorsorge darstellt.
  • Die Abschaffung der Steuer- und Sozialversicherungspflicht sowie die Erhöhung der Entgeltgrenze von 325 Euro auf 400 Euro für Minijobs haben zur massiven Ausweitung der geringfügigen Beschäftigung geführt. Diese Entwicklung entwerte die Erwerbsarbeit von häufig gut qualifizierten Frauen und führe zu geringen Altersrenten. Deshalb müssten an erster Stelle die Niedriglohnjobs bekämpft werden. Eine sinnvolle Maßnahme wären die Einführung der Sozialversicherungspflicht vom ersten Euro an und die Abschaffung der Geringfügigkeitsgrenze. Auch ein flächendeckender Mindestlohn könne helfen, die Türen zum Niedriglohnsektor zu schließen.

Weitere Informationen

Die Studie im Internet.