"Otto Suhr als Gewerkschafter; von der Arbeiterbildung zur Politikwissenschaft"

Das OSI der Freien-Universität stellt seinen Namenspatron vor

Nr. 121/1999 vom 15.06.1999

Die Arbeitsstelle Nationale und Internationale Gewerkschaftspolitik des Otto-Suhr-Instituts am Fachbereich für Politik- und Sozialwissenschaften an der Freien Universität stellt den Namenspatron des Institutes in einem neuen Katalog vor. Der entstand im Rahmen einer Ausstellung und trägt den Titel: "Otto Suhr als Gewerkschafter; von der Arbeiterbildung zur Politikwissenschaft". Die ausführliche Einleitung von Prof. Dr. Siegfried Mielke und Dipl. pol. Britta Herweg beschreibt den politischen und gewerkschaftlichen Werdegang von Otto Suhr, der sich schon als Student in der Gewerkschaft engagiert und als einer der ersten akademisch gebildeten Mitarbeiter eine Ausnahme in der freien Gewerkschaftsbewegung darstellt.

Die Bildung der Arbeiter liegt Otto Suhr besonders am Herzen. Er beginnt ab 1922 als Arbeitersekretär des ADGB, des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, in Kassel an einer Betriebsräteschule zu lehren. Um die Verfassung der Weimarer Republik mit Leben zu erfüllen, hielt er es für notwendig, daß Arbeiter ihre Rechte und Pflichten als Gewerkschaftsmitglieder ebenso kennen wie die als Republikaner. Rückblickend macht Otto Suhr die mangelnde politische Bildung verantwortlich dafür, daß sich das deutsche Volk durch das "nazistische Gift" hat infizieren lassen. Im Wirtschaftsplan – ein Redebeitrag Otto Suhrs auf dem Bundesausschuß des AfA, des Allgemeinen freien Angestelltenbundes, (S. 75) – setzt sich Otto Suhr für eine planende, lenkende Wirtschaft ein. Jedoch ist er sich der Gefahr einer Planwirtschaft bewußt, denn "jede Planung und Lenkung bedarf eines Apparates, jeder Apparat aber birgt die Gefahr einer Machtausnutzung für fremde Zwecke in sich." (S. 87). Im Jahr 1946 wird er Hauptabteilungsleiter in der Zentralverwaltung der Industrie der sowjetischen Besatzungszone. Die Schwierigkeiten, die aus der Zusammenarbeit mit den sowjetischen Machthabern entstand, schildert er anschaulich in einem Brief an amerikanische Freunde (S. 89)

1949 konzentrieren sich seine Aktivitäten auf Politik und ihre Wissenschaft. So initiiert er die Wiederbegründung der Deutschen Hochschule für Politik mit. Seine Rede zur Wiedereröffnung findet sich am Ende des Kataloges. Hier faßt er seine Visionen einer politischen Gesellschaft, in der Politik res publica – die Sache aller – ist. Auch seine damalige Kritik an der inneren Emigration, in der sich gerade geistige Menschen aus der großen Not der Gegenwart in die Philosophie und in die Psychologie flüchten, ist in einer Zeit in der der Begriff innere Emigration durch den der Politikverdrossenheit ersetzt worden ist, wieder hochaktuell.

Weitere Informationen

Der Katalog umfaßt 142 Seiten und kann für DM 10,- zzgl. DM 1,50 Versandkosten bei Prof. Dr. Siegfried Mielke, Sekretariat Frau Reiter, Ihnestr. 22, 14195 Berlin, Tel.: (030) 838-5900 erworben werden.