Sicherer Kapitän in schwerer Zeit

Nach erfolgreichen jahres als Präsident der FU wechselt Peter Gaehtgens zur Hochschulrektorenkonferenz

Sicherer Kapitän in schwerer Zeit

Nach erfolgreichen Jahren als Präsident der FU wechselt Peter Gaehtgens zur Hochschulrektorenkonferenz

Der Lotse geht von Bord. So karikierte eine englische Zeitung den Abschied Bismarcks vom Reichskanzleramt im Jahr 1890. Der erfolgreiche Präsident der Freien Universität, Peter Gaehtgens, geht von Bord und wird vom 1. August an Präsident der Hochschulrektorenkonferenz werden. Stimmt die Metapher vom führerlos gewordenen Schiff, wenn Gaehtgens die Brücke verlässt? Keineswegs, denn sein Nachfolger Dieter Lenzen hat sich jahrelang als Vizepräsident erprobt. Der Kapitän verlässt das sinkende Schiff: Stimmt diese Metapher? Die Freie Universität wäre nur dann ein sinkendes Schiff, wenn die Sparvorschläge von Finanzsenator Thilo Sarrazin Wirklichkeit würden, aus den drei Universitäten 200 Millionen Euro oder mehr nach dem Jahr 2006 herauszusparen. Die FU ist jedoch kein sinkendes Schiff.

Im Leistungsvergleich schickt sich die FU an, in dem Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Humboldt-Universität den ersten Platz zu erringen. Vorbei sind die Zeiten, da Wissenschaftssenator Manfred Erhardt (CDU) nach der Wiedervereinigung aus der Eliteuniversität der DDR eine neue internationale Eliteuniversität machen wollte. Erhardt gab den so schwerfällig gewordenen Großtankern, der Freien und der Technischen Universität, mit der Herausforderung in Mitte neuen Drive. Selten hat der Wettbewerb so schnell Früchte getragen.

Den Wandel begreift man erst im Rückblick. Noch bis Mitte der 80-er Jahre hatte an der Freien Universität der akademische Bürgerkrieg als Folge der lang anhaltenden Studentenrevolte getobt. Erst der Amtsantritt von Dieter Heckelmann 1983 schien die Fraktionsgrenzen langsam aufzuweichen. Doch jede der großen Fraktionen versuchte, beim wissenschaftlichen Nachwuchs und bei Studenten und Dienstkräften das Fraktionsdenken wachzuhalten. Zum labilen Frieden konnte die Universität nur unter Bewahrung des Status quo zurückfinden. Eine Stärken- und Schwächenanalyse wurde erst unter dem extremen Spardruck seit 1996 möglich. Zuvor nahm man es als gegeben hin, dass die Studienzeiten immer länger, die Abbrecherquoten höher und die Abschlussnoten für die examinierten Studenten immer besser wurden.

Heute gibt es keine Fraktionsuniversität mehr. Und die Freie Universität ist sich ihrer Position unter den Spitzenuniversitäten in Deutschland sicher. Dies ist mit ein Verdienst ihrer beiden letzten Präsidenten: des Juristen Johann Wilhelm Gerlach, der von 1991 bis 1998 die Freie Universität leitete, und des Mediziners Peter Gaehtgens. Berliner Politiker, die nach dem glanzvollen FU-Jubiläum immer noch am alten Jammerbild festhalten, pflegen bestenfalls die eigenen Vorurteile – nicht zuletzt um ihre rigide Sparpolitik zu begründen.

Aus dem schwerfälligen Tanker einen dynamischnen Kreuzer gemacht

Einst hatte der Wettstreit zwischen den Präsidenten der FU und der HU die Öffentlichkeit belustigt. Auf die Frage „Spieglein, Spieglein an der Wand, welche Uni ist die beste im ganzen Land?“, antwortete der damalige Präsident der Humboldt-Universität, Hans Meyer, selbstverständlich die Humboldt-Universität. Auf diese stolze Attitüde konnte Gaehtgens, seit 1999 gewählter FU-Präsident, nur ironisch antworten: Er beneide die Humboldt-Universität nicht, da sie jetzt weitere Nobelpreisträger produzieren müsse, wenn sie nicht nur auf ihre Ahnengalerie von 29 Nobelpreisträgern in der Geschichte verweisen wolle. Heute hört man von Meyers Nachfolger, Jürgen Mlynek, solche Selbsteinschätzungen nicht mehr. Beide Universitäten wollen internationale Spitzenuniversitäten werden und sich nicht von Berliner Politikern im norddeutschen Ländervergleich auf Regionalliganiveau stutzen lassen. Manchmal scheint der Weg vom Roten Rathaus bis nach Dahlem weiter als der Weg von der Freien Universität nach Stanford. Das liegt daran, dass man im Ausland die Berliner Universitäten nach ihrem Ruf in der Forschung, nach ihren Gelehrten und Leibniz-Preisträgern sowie danach bewertet, ob sie als Forschungsstandort für international herausragende Wissenschaftler eine gute Adresse sind. Und das sind sie. Im Roten Rathaus zählen die Berliner Politiker hingegen nur lange Studienzeiten und Abbrecherquoten zusammen, betrachten Nachwuchspflege als kostentreibend und die Berliner Universitäten im Vergleich zu norddeutschen Hochschulen als überausgestattet und zu teuer. Als neuer Maßstab gilt die Provinzialität, gemessen am Bedarf der Landeskinder.

Der Stolz einer Universität beruht auf der Zahl der Sonderforschungsbereiche. Heute hat die Freie Universität elf Sonderforschungsbereiche, die Humboldt-Universität acht. Bei den forschungsorienterten Graduiertenkollegs zur Doktorandenförderung ist das Verhältnis umgekehrt: Die HU kommt auf den Spitzenplatz mit 17 Graduiertenkollegs, die FU hat zehn. Dafür nimmt seit Jahren die Freie Universität im Wechsel mit der Ludwig-Maximilians-Universität in München und der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg die Spitzenstellung unter den Stipendiaten der Alexander-von-Humboldt-Stiftung ein. Unter den Stipendiaten der Fulbright-Commission ist die Freie Universität die beliebteste Uni in Deutschland. Das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den beiden Berliner Universitäten hat Früchte getragen und aus dem schwerfälligen Tanker Freie Universität ist ein dynamischer Kreuzer geworden.

Mit der Humboldt-Universität den Schulterschluss erreicht

„Ja“, sagt Gaehtgens, „es lässt sich mit Haushaltszahlen beweisen, dass die Humboldt-Universität von den Einsparungen der Freien Universität profitiert hat.“ Die Freie Universität hat im Jahr 2002 13 Prozent weniger Haushaltsmittel als 1992 und die Humboldt-Universität hat in diesem Zeitraum 26 Prozent mehr Zuschüsse erhalten. Der Staatszuschuss der FU ist von 344 Millionen Euro auf 299 Millionen Euro gesenkt worden, während der Staatszuschuss der Humboldt-Universität von 199 Millionen Euro im Jahr 1992 auf 251 Millionen Euro im Jahr 2002 gestiegen ist (jeweils ohne die Medizin). Dahinter verbirgt sich die enorme Kostenexplosion durch die Angleichung der Ostgehälter an das Westniveau. Gaehtgens kommentiert: „Es ist sehr gut, dass es so gekommen ist. Der enorme Leistungsaufschwung in Berlin ist das Ergebnis des Wettbewerbs zwischen den Universitäten. Die Freie Universität hat die Humboldt-Universität im Nacken, und die Humboldt-Universität hat die Freie Universität im Nacken. Heute preist Peter Gaehtgens das gewachsene Vertrauen: „Ich habe mit Jürgen Mlynek den Schulterschluss erreicht. Berlin sollte stolz sein, dass wir heute der Konkurrenz mit den Universitäten in München und Heidelberg standhalten.“

Peter Gaehtgens musste sich langsam an die Rolle gewöhnen, als Wissenschaftler in das Amt des medizinischen Vizepräsidenten von 1991 bis 1994 hineinzuwachsen und nach dem Unfall von Johann Wilhelm Gerlach diesen seit 1998 als Präsidenten zu vertreten. Ein politischer Präsident wollte Gaehtgens nie sein, aber als Präsident kommt man nicht darum herum, auf dem politischen Parkett mitzuspielen und den Politikern in der Stadt auch mal mit drastischen Drohungen zu antworten, wie mit der jüngsten Forderung, den Botanischen Garten zu schließen. Um seinen hochschulpolitischen Kurs zu verdeutlichen, scheut Gaehtgens nicht vor dem Tabubruch zurück: „An den heutigen wissenschaftlichen Leistungen müssen wir uns messen lassen und nicht an 29 Nobelpreisträgern, an Rudi Dutschke oder der amerikanischen Gründung von 1948.“

Das hat Gaehtgens bereits in den Jahren 1995 bis 1997 als Dekan der Medizinischen Fakultät der Freien Universität bewiesen. Damals verkündete der Wissenschaftsrat, dass er angesichts der prekären Haushaltslage in Berlin der Charité die Priorität zuerkennen wollte. Dem Klinikum Benjamin Franklin, das damals keinen medizinischen Sonderforschungsbereich besaß, wies der Wissenschaftsrat unter den deutschen Hochschulklinika nur eine durchschnittliche Position zu. Während die FU-Mediziner das nicht glauben wollten, drängte Gaehtgens auf Änderung. Heute hat die Freie Universität drei medizinische Sonderforschungsbereiche, und es ist ihren Forschungsleistungen zu verdanken, dass mit einem neuen Votum des Wissenschaftsrats im Rücken den Schließungsplänen des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit so ein scharfer Wind aus der Wissenschaft ins Gesicht bläst. Das Klinikum Benjamin Franklin konnte gerettet werden und wird vielleicht eines Tages zum Modell für eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen zwei Universitäten: eine gemeinsame medizinische Fakultät und ein Klinikum, verantwortet von der Freien Universität und der Humboldt-Universität.

von Uwe Schlicht