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Mexiko zwischen gestern und heute

Der Historiker Ricardo Pérez Montfort und der Soziologe Marco Estrada Saavedra sind Gastwissenschaftler am Lateinamerika-Institut der Freien Universität

12.01.2016

Der Soziologe Marco Estrada Saavedra entwickelt ein neues Staatsmodell, indem er das Verhältnis zwischen Politik und Gesellschaft vor allem anhand von Protestbewegungen analysiert.
Der Soziologe Marco Estrada Saavedra entwickelt ein neues Staatsmodell, indem er das Verhältnis zwischen Politik und Gesellschaft vor allem anhand von Protestbewegungen analysiert. Bildquelle: Stefanie Hardick
Der Historiker Ricardo Pérez Montfort steht kurz vor dem Abschluss der ersten Biografie über den mexikanischen Präsidenten Lázaro Cárdenas.
Der Historiker Ricardo Pérez Montfort steht kurz vor dem Abschluss der ersten Biografie über den mexikanischen Präsidenten Lázaro Cárdenas. Bildquelle: Stefanie Hardick

„Die Atmosphäre hier ist perfekt, um sich der Forschung zu widmen“, sagen die beiden Wissenschaftler übereinstimmend. Ricardo Pérez Montfort ist am Centro de Investigaciones y Estudios Superiores en Antropología Social (CIESAS) und an der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) stark in die Lehre eingebunden, auch die Verwaltung nehme viel Zeit in Anspruch. Marco Estrada hat am Colegio de México, einer Forschungs- und Lehreinrichtung, die eng mit dem Lateinamerika- Institut der Freien Universität zusammenarbeitet, eigentlich hervorragende Bedingungen für die Forschung. Während seines durch den DAAD geförderten Aufenthalts in Berlin bietet Estrada drei Lehrveranstaltungen für Studierende am LAI und am Graduiertenkolleg „Zwischen Räumen“ an. Obwohl er also stärker in den Universitätsbetrieb eingebunden ist, genießt auch er seine Auszeit vom wissenschaftlichen Alltag in Mexiko, während der er in Ruhe nachdenken und lesen kann.

Ihr Gastsemester bis Ende Februar nutzen die Wissenschaftler, um ihr jeweiliges Projekt einen großen Schritt voranzubringen. Der Historiker Ricardo Pérez Montfort steht kurz vor dem Abschluss der ersten Biografie über den mexikanischen Präsidenten Lázaro Cárdenas. Der Soziologe Marco Estrada entwickelt ein neues Staatsmodell, indem er das Verhältnis zwischen Politik und Gesellschaft vor allem anhand von Protestbewegungen analysiert. „In Deutschland und Mexiko gibt es ganz unterschiedliche Protestkulturen, sodass ein direkter Lernprozess in beide Richtungen schwierig ist“, sagt Estrada.

"Staat und Gesellschaft als voneinander getrennte Einheiten nicht mehr zeitgerecht"

Anknüpfungspunkte gibt es dennoch. Estrada hat sich lange mit der revolutionären Bewegung der Zapatisten im mexikanischen Bundesstaat Chiapas beschäftigt, die für Teile der deutschen Linken durch ihre medienwirksamen Aktionen in den 1990ern zum Vorbild wurden. „Die Zapatisten waren eine der ersten Protestbewegungen, die das Internet genutzt haben, um ohne große Kosten Anhänger zu mobilisieren“, erläutert Estrada. In Deutschland verfolgt er mit großem Interesse die andere Seite des politischen Spektrums: „Ich würde gerne die rechtsextremistischen Bewegungen untersuchen, aber das ist für mich nicht machbar. Ich betreibe Feldforschung. Hier wäre das für mich gefährlich, weil ich Ausländer bin und eindeutig dunkelhäutig.“

Zumindest fällt sein Aufenthalt in eine Zeit, die für seine Arbeit interessant ist: Die Erwartungen der Bevölkerung an den Staat in der Flüchtlingskrise und die eigenständige Übernahme von gesellschaftlichen Aufgaben durch ehrenamtliche Helfer bestätigen ihn in seiner These, dass die bisherigen Modelle von Staat und Gesellschaft als voneinander getrennte Einheiten nicht mehr zeitgerecht sind. An einem neuen Modell will er in Berlin arbeiten und im Januar dazu ein Kolloquium abhalten.

"Berlin ist viel ruhiger als Mexiko-Stadt und viel menschlicher“

Ein völlig neues politisches Modell hatte auch jener Mann im Sinn, über den der Historiker Ricardo Pérez Montfort forscht: Lázaro Cárdenas war von 1934 bis 1940 mexikanischer Präsident. „Er gilt als Begründer des modernen Mexikos“, erläutert Pérez Montfort. Cárdenas gründete die Einheitspartei PRM-PRI, verteilte in einer großen Reform Millionen von Hektar Land an die Bauern, bekämpfte die Armut der Indios und verstaatlichte die Ölindustrie. „Und trotzdem gibt es noch keine Biografie über ihn“, sagt Pérez Montfort. Cárdenas habe sehr lange gelebt. Um ihn zu verstehen, müsste man im Grunde eine Geschichte Mexikos des 20. Jahrhunderts schreiben: „In dieser Zeit hat sich das Land sehr verändert, und viele dieser Entwicklungen hat er beeinflusst.“

Seit 15 Jahren beschäftigt sich Pérez Montfort mit Cárdenas. Dabei sei die politische Biografie eine Ausnahme in seiner Forschung. Intensiver beschäftige er sich mit der Kulturgeschichte Lateinamerikas. Pérez Montfort forschte unter anderem zu nationalen Stereotypen, zu Fandango-Festen im Bundesstaat Veracruz und drehte gemeinsam mit seiner Frau, einer Anthropologin, Dokumentarfilme über die Indios im mexikanischen Urwald. Sein letztes Buch über die Geschichte der mexikanischen Drogenpolitik hat er ebenfalls während eines Aufenthalts in Berlin begonnen. „Durch das Graduiertenkolleg 'Zwischen Räumen', an dem deutsche und mexikanische Studierende und Wissenschaftler beteiligt sind, war ich schon oft in Berlin und habe mittlerweile richtig gute Freunde hier. Berlin ist viel ruhiger als Mexiko-Stadt und viel menschlicher.“

Bei der Frage, ob es nicht doch etwas gibt, was die beiden Wissenschaftler derzeit fern der Heimat vermissen, müssen sie trotzdem nicht lange überlegen. Pérez Montfort sagt: „Meine Hunde. Die konnte ich nicht mitnehmen.“ Und Estrada spricht wohl auch den meisten Berlinern aus der Seele, wenn er lachend ruft: „Die Sonne!“