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Graben zwischen den Geschlechtern

Die iranische Archäologin Leila Papoli Yazdi besetzt die internationale Gastprofessur für Geschlechterforschung an der Freien Universität

30.10.2014

Gastprofessorin an der Freien Universität Berlin: die iranische Archäologin Leila Papoli Yazdi
Gastprofessorin an der Freien Universität Berlin: die iranische Archäologin Leila Papoli Yazdi Bildquelle: Homa Papoli

Weil sie für freie Forschung eintrat, durfte Leila Papoli Yazdi in ihrem Heimatland Iran nicht mehr als Universitätsprofessorin arbeiten: Bei einer Ausgrabung war die Wissenschaftlerin auf unterirdische Räumlichkeiten gestoßen, die sie für ein Gefängnis aus den fünfziger oder sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hielt. Als man ihr nahelegte, den Fund zu verschweigen, weigerte sie sich – und verlor in der Folge ihre Stelle an der Universität Hamadan. Entmutigen ließ sich die Iranerin davon nicht: „Weil ich nicht mehr öffentlich auftreten durfte, habe ich meine Wohnung in ein Konferenzzimmer umgewandelt und von zu Hause aus gearbeitet.“ Im Wintersemester 2014/2015 besetzt die Archäologin die internationale Gastprofessur für Geschlechterforschung an der Freien Universität.

2010 waren nur 23 Prozent der Studierenden und nur 13 Prozent der Mitarbeiter an iranischen Universitäten weiblich. Umso ungewöhnlicher ist die akademische Karriere der Archäologin Leila Papoli Yazdi, die bereits mit 23 Jahren eine Professur übernahm. Damit war sie bis zum Entzug ihrer Arbeitserlaubnis eine von nur acht Frauen, die an iranischen Universitäten Archäologie unterrichteten. Bei ihrer Antrittsvorlesung an der Freien Universität stand die Wissenschaftlerin vor der schwierigen Herausforderung, nicht nur sich als Person vorzustellen, sondern darüber hinaus ein Schlaglicht auf die Geschichte des Irans zu werfen und über die Stellung von Frauen im dortigen Wissenschaftsbetrieb und in der Gesellschaft zu reflektieren.

Lage der Frauen im Iran nicht auf Kopftuchdebatte reduzierbar

Man mache es sich zu einfach, wenn man den Iran ausschließlich als System betrachte, in dem Frauen eine untergeordnete Rolle spielen, sagte Papoli Yazdi: „Unser Erbe ist eine Revolution gegen eine 2500 Jahre alte Monarchie.“ Dass dieses schwierige Vermächtnis nicht auf die Kopftuchdebatte reduzierbar ist, machte die Wissenschaftlerin in ihrem Vortrag deutlich. „Es ist nicht wichtig, welche Art von Kleidung Frauen tragen. Es geht um Gedankenkontrolle“, sagte Leila Papoli Yazdi. „Es kursieren viele Bilder von schwarz verschleierten, vermeintlich unterdrückten Frauen, aber auch solche von sehr bunt angezogenen, westlich wirkenden Iranerinnen. Beides ist Propaganda.“ Ausschlaggebend für die Lage der Menschen im heutigen Iran seien wirtschaftliche, ökologische und soziale Faktoren wie die starke Urbanisierung, der Klimawandel und eine durch den Ölhandel vollständig veränderte Gesellschaftsstruktur. So sei etwa die Nachfrage nach Arbeit, die traditionell von Frauen geleistet wird, im Iran in den vergangenen Jahrzehnten stark gesunken.

Veränderung durch Wissen

An der Arbeit in Deutschland interessiert Papoli Yazdi nicht nur die akademische Freiheit: „Die Geschichte des Totalitarismus in Deutschland interessiert mich sehr. Es gibt einige Gemeinsamkeiten mit der politischen Geschichte meiner Heimat“, sagt die Wissenschaftlerin. Darum wolle sie sich gerne eingehender mit dem Thema beschäftigen. „Das Einzige, was die Dinge ändern wird – nicht nur in meinem Land, sondern auf der ganzen Welt – ist Wissen.“