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Friedensforscher und Atomkraftgegner

Politikwissenschaftler Lutz Mez vom Otto-Suhr-Institut der Freien Universität ist 70 geworden

23.10.2014

Gerne erinnert sich Lutz Mez an die Zeit der Anti-Atomkraft-Bewegung der 1970er und 1980er Jahre zurück. Poster und Plakate aus dieser Zeit hat der heute 70-Jährige aufbewahrt.
Gerne erinnert sich Lutz Mez an die Zeit der Anti-Atomkraft-Bewegung der 1970er und 1980er Jahre zurück. Poster und Plakate aus dieser Zeit hat der heute 70-Jährige aufbewahrt. Bildquelle: Annika Middeldorf

Der Politikwissenschaftler Lutz Mez vom Berlin Centre for Caspian Region Studies der Freien Universität forscht seit Jahrzehnten zur Energiepolitik im internationalen Vergleich. Die Atompolitik bildet einen seiner Forschungsschwerpunkte. Kürzlich feierte der Wissenschaftler seinen 70. Geburtstag.

„Leute wie Mez sind das Schlimmste, was der deutschen Atomindustrie passieren konnte“, schreiben Mez‘ Kollegen in einem Sammelband zu seinem 70. Geburtstag. Lutz Mez lacht, wenn er daran erinnert wird. Ja, das könne man so sehen, sagt er, immerhin hätten seine Gutachten und Veröffentlichungen der Atomindustrie mitunter schwer zugesetzt.

Seit gut 40 Jahren engagiert sich der Politikwissenschaftler gegen Atomenergie: Als Protestler mit wissenschaftlichem Auftrag in der Anti-Atomkraftbewegung der späten siebziger und frühen achtziger Jahre, als Gründungsmitglied des Forschungszentrums für Umweltpolitik (FFU) der Freien Universität Berlin, als politischer Berater und immer – auch auf internationaler Ebene – als engagierter Dozent und Netzwerker.

Vom Friedensforscher zum Atomkraftgegner

Zum Widerstand gegen Atomenergie kam Mez nach seinem Studium der Politikwissenschaft an der Freien Universität, das er 1971 mit dem Diplom abgeschloss. Als Assistent der Studiengruppe „Soziale Verteidigung“ der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler und Stipendiat der Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung plante er den Sprung nach Skandinavien, landete aber bei der Berliner Berghofstiftung für Konfliktforschung (heute Berghof Conflict Research). Mez war dort in dem Projekt „Gewaltfreier Widerstand in Europa“ als Wissenschaftlicher Mitarbeiter beschäftigt.

Als die Friedensforscher auf die Proteste gegen das Kernkraftwerk Wyhl am Kaiserstuhl aufmerksam wurden, unterstützte Mez‘ Forschungsteam den Widerstand durch aktive Teilnahme: „Wann immer in Wyhl eine Demo gegen die geplanten Atomkraftwerke im Dreiländereck war, waren wir Friedensforscher mit dabei“, sagt Mez.

Mit Schlafsack und Zelt im Gepäck fuhren die Wissenschaftler dann nachts mit dem Auto von Berlin nach Wyhl. Die Proteste waren erfolgreich, das Atomkraftwerk in Wyhl wurde nie gebaut. Damals entwickelte Mez seine „Atomspezialität“, wie er seinen Forschungs- und Interessenschwerpunkt nennt. Das Thema sollte ihn zukünftig ständig begleiten.

1976 wurde Mez an der Freien Universität zum Thema „Ziviler Widerstand in Norwegen“ promoviert. In den Folgejahren war er Projektleiter und schließlich Direktor des bis 1982 bestehenden Instituts für Zukunftsforschung und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin, bis er 1984 wieder ans Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität kam. 1986 gründete er gemeinsam mit Martin Jänicke und Thomas Ranneberg die Forschungsstelle für Umweltpolitik (heute: Forschungszentrum für Umweltpolitik), deren Geschäftsführer er bis April 2010 war.

„Unerschöpfliche Energiequelle“

Als Gastprofessor lehrte und forschte Mez an den Universitäten in Danzig und im dänischen Roskilde. 2001 folgte die Habilitation im Fach Politikwissenschaft. Seit 2009 koordiniert er das Berlin Centre for Caspian Region Studies. Kein Wunder, dass seine Kollegen ihn als „unerschöpfliche Energiequelle“ beschreiben. Ein Ruhepol ist sein Haus in Dänemark, in dem er mit seiner Frau zwei bis drei Monate im Jahr verbringt.

Seine Fachkenntnisse über die internationale Energie-, Klima- und Atompolitik sind weltweit gefragt. Erst im Sommer beriet er den iranischen Energieminister zum Thema erneuerbare Energien, im Oktober referiert er in Japan und in Mexiko. Dass in Deutschland das Thema Atomenergie in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, freut Mez: „In den 1980er Jahren war noch jeder verdächtig, der über 40 Jahre alt war und an den Anti-AKW-Demonstrationen teilgenommen hat. Heute trifft man bei Demonstrationen wie vor dem Bundeskanzleramt 2011 Jung und Alt.“

Der Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland bringt die Frage nach der Atommüll-Entsorgung mit sich – und natürlich beschäftigt sich Mez auch mit diesem Thema. Niemand habe bislang eine Lösung gefunden, wie mit der Erblast der Atomenergie umzugehen sei. Die Atommüll-Entsorgung sei ein „wicked problem“, sagt Mez – ein Problem, bei dem man die Lösung erst kenne, nachdem man sie gefunden habe. Auf die Frage, was er sich zu seinem 70. Geburtstag von der Atomindustrie wünsche, muss Mez nicht lange überlegen: „Dass sie die Anlagen so schnell wie möglich abschalten.“