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Der Fotograf als Vermittler

Journalistik-Student Nick Jaussi stellt bis 22. Juni auf dem Lumix Festival für Jungen Fotojournalismus in Hannover aus

18.06.2014

Mit seiner Kamera fing der junge Fotojournalist Nick Jaussi intime Momente der „Maricas" ein. Seine Bilder sind auf einer Ausstellung in Hannover zu sehen.
Mit seiner Kamera fing der junge Fotojournalist Nick Jaussi intime Momente der „Maricas" ein. Seine Bilder sind auf einer Ausstellung in Hannover zu sehen. Bildquelle: Nick Jaussi
Blick auf die Straßen von Bogotá. Nick Jaussi begleitete die „Maricas" fast einen Monat lang im Alltag.
Blick auf die Straßen von Bogotá. Nick Jaussi begleitete die „Maricas" fast einen Monat lang im Alltag. Bildquelle: Nick Jaussi
Nick Jaussi, Student an der Freien Universität, erzählt mit seinen Bildern Geschichten.
Nick Jaussi, Student an der Freien Universität, erzählt mit seinen Bildern Geschichten. Bildquelle: Nick Jaussi

Manche Bilder erzählen Geschichten. Sie fangen einen Augenblick ein und sind doch viel mehr als eine Momentaufnahme. Hinter jedem lebendigen Foto steht ein Fotograf, der geduldig und empathisch nach dem perfekten Motiv sucht. Zu ihnen gehört der 26-jährige Nick Jaussi, der an der Freien Universität Journalistik und Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Neben seinem Studium arbeitet er als Fotojournalist. Seine Bilder waren schon im „Stern“ oder der „Jungen Welt“ zu sehen, im Moment berichtet er aus Kolumbien. Auf dem Lumix Festival für Jungen Fotojournalismus der Fachhochschule Hannover stellt Jaussi vom 18. bis 22. Juni seine Reportage-Reihe „Maricas“ aus. Sie zeigt transsexuelle Männer, die gemeinsam im Rotlichtviertel der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá leben.

Herr Jaussi, wie kam es dazu, dass Sie auf dem Lumix Festival für Jungen Fotojournalismus ausstellen? Was bedeutet das für Sie persönlich?

Die Freude war natürlich riesig. Ich habe den Professor für Fotojournalismus an der FH Hannover, der auch das Fotofestival organisiert, 2012 kennengelernt. Danach haben wir mehrfach geskypt und über Projekte und Bilder gesprochen. Er hat mir schließlich dabei geholfen, die endgültige Bildauswahl zusammenzustellen. Oft ist es im Journalismus wie bei einer Blackbox: Man bietet Bilder an, bekommt keine Antwort und muss sich immer wieder motivieren, weiterzumachen. Daher ist es schön, einen solchen Erfolg zu haben und beim Festival neue Kontakte knüpfen zu können.

Wieso haben Sie sich entschieden, die „Maricas“, transsexuelle Männer in Bogotá, zu porträtieren?

Das war mehr Zufall als bewusste Entscheidung. Ich habe in Bogotá bei einem jungen Regisseur gewohnt. Er hat mir von dem Haus der Maricas erzählt, das er beim Dreh eines Dokumentarfilms entdeckt hatte. Wir waren zusammen dort, und das Thema hat mich direkt eingefangen. Während der Semesterferien habe ich fast einen ganzen Monat mit den Trans*Frauen zusammen gelebt und etwa fürs Abendessen gekocht. Dabei sind die Momente entstanden, die ich gerne zeigen möchte.

Was begeistert Sie an der Fotografie?

Das Medium als solches hat große Kraft. Wenn ich eine Nachricht lese, brauche ich einen Kontext, eine Beziehung. Die Fotografie stiftet sie. Ganz persönlich begeistert mich die Möglichkeit, eine Vielzahl von interessanten und spannenden Menschen kennenzulernen. Ich hoffe, dass ich durch die Fotografie zu einem besseren Verständnis in der Welt beitragen kann, da ich glaube, dass dieses Medium die Möglichkeit zur Vermittlung hat.

Thematisch liegt Ihr Fokus auf sozialen Problemen. Wie viel können Fotos bewegen?

Ein Foto als solches kann viel bewegen – allerdings hängt es immer davon ab, wer es wie anschaut. Früher wurden Fotojournalistinnen und –journalisten als Aufklärer betrachtet. Fotos aus dem Vietnamkrieg etwa führten zu einer Antikriegsbewegung in den USA.

Heute wissen wir dank des Einsatzes vieler Fotografen, was in Syrien passiert. Trotzdem gibt es von politischer Seite nur wenig Anstrengung, diesen Konflikt zu entschärfen. Ich versuche nicht, das eine Bild zu machen, das das Grauen dieser Welt zeigt. Meistens wissen wir doch eh schon Bescheid, was alles in der Welt passiert. Ich sehe mich eher als anthropologischen Fotografen: Ich möchte verstehen und vermitteln.

Was fasziniert Sie an der kolumbianischen Hauptstadt und an Lateinamerika?

Ich war vor fünf Jahren zum ersten Mal in Kolumbien. Damals noch mit dem Bild im Kopf: Kolumbien, das bedeutet Guerilla, Entführungen und Kokain. Als ich merkte, wie menschlich und offen die Leute dort sind, war ich direkt fasziniert. Ich habe eine Woche in einem Nationalpark im Süden Kolumbiens mit Straßenarbeitern verbracht, das waren wundervolle Begegnungen.

In der Hauptstadt Bogotá ist es ähnlich, nur etwas stressiger. Als ich neu dort war, habe ich so viele freundliche Menschen getroffen, die mir ihre Hilfe angeboten haben. Und das, obwohl ich sie gerade erst in den Straßen der Hauptstadt kennengelernt hatte.

Erst vor zwei Wochen habe ich soziale Proteste im Süden Kolumbiens dokumentiert. Abends kam ich nicht mehr zurück zu meiner Unterkunft. Ein Bauer hat mir ein Bett in seinem Haus angeboten, und ich habe dort geschlafen. Es gibt dort eine wirklich unglaubliche Gastfreundschaft, die mich jedes Mal aufs Neue berührt.

Wie lassen sich Ihre Arbeit als Fotojournalist und Ihr Studium vereinbaren?

Ich werde mein Studium wohl nicht in der Regelstudienzeit abschließen, aber die Fotografie ist für mich wie eine Praktikumserfahrung. Ich kann das Gelernte direkt in meine Lebensrealität umsetzen und habe dadurch viel für mein Fach, die Anthropologie, gelernt.

Die Fragen stellte Krishan van der Kooi