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Epoche noch relativ unerforscht

Vortragsreihe „Griechenland unter deutscher Besatzung (1941 – 1944)“ startet am 27. Oktober / Zusammenarbeit von Freier Universität und Dokumentationszentrum Topographie des Terrors

26.10.2015

Das Vorgehen der Wehrmacht in Griechenland gilt als besonders brutal. Hier sieht man  Generalfeldmarschall Walther von Brauchitsch mit Begleitern auf der Akropolis.
Das Vorgehen der Wehrmacht in Griechenland gilt als besonders brutal. Hier sieht man Generalfeldmarschall Walther von Brauchitsch mit Begleitern auf der Akropolis. Bildquelle: Bundesarchiv, Bild 101I-165-0412-14A / Rauch / CC-BY-SA 3.0
Konstantinos Kosmas vom Centrum Modernes Griechenland ist zuständig für die Vortragsreihe "Griechenland unter deutscher Besatzung (1941-1944)".
Konstantinos Kosmas vom Centrum Modernes Griechenland ist zuständig für die Vortragsreihe "Griechenland unter deutscher Besatzung (1941-1944)". Bildquelle: Manuel Krane

Am 27. Oktober startet eine Vortragsreihe zur deutschen Okkupation Griechenlands im Zweiten Weltkrieg. Das Centrum Modernes Griechenland (CeMoG) der Freien Universität hat diese in Zusammenarbeit mit dem Dokumentationszentrum Topographie des Terrors ins Leben gerufen. Campus.leben sprach im Vorfeld der Reihe mit Konstantinos Kosmas, promovierter Neogräzist am CeMoG der Freien Universität.

Herr Kosmas, was erwartet die Besucher der Vortragsreihe?

Wir möchten eine nüchterne und sachliche Untersuchung des Verhältnisses zwischen Deutschland und Griechenland vornehmen, die Besatzungszeit ist dabei ein Knotenpunkt. Wenn es zu Spannungen zwischen beiden Ländern kommt, wird schnell auf die Nazizeit zurückgegriffen. Dabei ist die Zeit der deutschen Besatzung Griechenlands noch relativ unerforscht. Im Mittelpunkt der Vortragsreihe steht auch die systematische Ermordung der Juden durch die Nationalsozialisten. Griechenland hat die große Mehrheit seiner Juden im Zweiten Weltkrieg verloren, dort sind Wehrmacht und SS besonders brutal gewesen.

Der Nürnberger Rechtsprofessor Klaus Kastner geht in seinem Vortrag der Frage nach, warum gerade in Griechenland im Vergleich zu anderen nichtslawischen Staaten so viele Juden deportiert worden sind. Ein weiteres Thema ist das Griechenland-Bild der Nazis: Die Nationalsozialisten haben ideologische Vorstellungen auf Griechenland projiziert, Athen fand dabei wenig Beachtung, Sparta dafür umso mehr.

Neben Griechenland sind im Zweiten Weltkrieg viele weitere Länder von Deutschland besetzt worden. Was unterscheidet die Besetzung Griechenlands von den Besetzungen anderer Länder?

Der deutsch-griechische Professor Hagen Fleischer, der ebenfalls im Rahmen der Vortragsreihe sprechen wird, hat die These aufgestellt, dass die deutsche Wehrmacht in Griechenland besonders brutal zugegriffen hat. Das zeigen vor allem die Massaker in griechischen Kleinstädten und Dörfern, die, im Vergleich zu denen in Frankreich oder der damaligen Tschechoslowakei nicht so bekannt sind. Dort hat die Wehrmacht auf den griechischen Widerstand mit besonders brutalen Gegenmaßnahmen reagiert.

Eine weitere Besonderheit in Griechenland sind die Kämpfe zwischen linken und rechten Widerstandsgruppen. Einige von ihnen haben dabei mit den Nazis kollaboriert. Die Aufarbeitung dieses Sachverhaltes war sehr lange ein Tabuthema, über das nicht gesprochen wurde. In den vergangenen Jahren hat sich das jedoch geändert, inzwischen wird dazu geforscht. Die Debatte wird allerdings recht kontrovers geführt, da es unterschiedliche Meinungen zu der Frage gibt, ob Organisationen gewissermaßen zur Kollaboration „gezwungen“ wurden oder nicht. Aus einigen Widerstandsgruppen sind später rechte Organisationen entstanden, die über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinaus aktiv waren.

Die Debatte um Reparationszahlungen Deutschlands an Griechenland ist in diesem Jahr wieder aufgeflammt. Wird dies auch Thema der Vortragsreihe sein?

Dazu wird es am 8. Dezember eine Podiumsdiskussion geben. Die Debatte um Reparationsleistungen kommt immer hoch, wenn es zwischen beiden Ländern politisch brodelt. Das zeigt, dass es ungelöste Fragen gibt, die sachlich besprochen werden müssen. Wichtig in der Debatte ist dabei eine Trennung zwischen Reparationen und Zwangsdarlehen sowie zwischen politischen und juristischen Fragestellungen.

Wie sind die Debatten der Vortragsreihe in die Forschung des CeMoG eingebunden?

Die Vorträge sind Teil unserer Forschungen: Wir wollen das Material, das bei der Vortragsreihe entsteht, in unser Editionsprogramm integrieren, ein Sammelband dazu ist schon in Vorbereitung. Demnächst erscheint übrigens unsere erste Veröffentlichung – die Übersetzung des Romans „Steuerlose Städte“ von Stratis Tsirkas. Die Vortragsreihe ist somit Teil der Forschung, die wir an der Freien Universität betreiben.

Weitere Informationen

Zeit und Ort

Vortragsreihe „Griechenland unter deutscher Besatzung (1941-44)“

27. Oktober, 19 Uhr: Griechenland im Zweiten Weltkrieg

3. November, 19 Uhr: Okkupation, Widerstand und Kollaboration in Griechenland 1941-1944

24. November, 19 Uhr: Die Verfolgung und Vernichtung der sephardischen Juden Thessalonikis

1. Dezember, 19 Uhr: Hitler und das Griechentum

8. Dezember, 19 Uhr: Kriegs- und NS-Verbrechen in Griechenland. Die Entschädigungsfrage nach 1945

Dokumentationszentrum Topographie des Terrors, Niederkirchnerstraße 8, 10963 Berlin (S+U-Bhf. Potsdamer Platz, S-Bhf. Anhalter Bahnhof)

Die Romantrilogie „Jerusalem, Alexandria, Kairo: Steuerlose Städte“ von Stratis Tsirkas erscheint im November erstmals in deutscher Sprache in einer Übersetzung von Gerhard Blümlein (Direktor des CeMoG). Die Buchvorstellung findet am 23. November um 20 Uhr im Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße 23, 10719 Berlin (U-Bhf. Uhlandstraße) statt.