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„Musik ist Partner, nicht Begleiter“

Der Choreograf und Regisseur Joachim Schloemer übernimmt im Wintersemester 2015/2016 die Valeska-Gert-Gastprofessur

21.10.2015

Die Musikalität des Körpers verstehen und praktizieren ist Gegenstand der Arbeiten von Joachim Schloemer. Das Foto zeigt zwei Tänzer aus seinem Stück „Tango X“ aus dem Jahr 2011.
Die Musikalität des Körpers verstehen und praktizieren ist Gegenstand der Arbeiten von Joachim Schloemer. Das Foto zeigt zwei Tänzer aus seinem Stück „Tango X“ aus dem Jahr 2011. Bildquelle: Laurent Ziegler (Bildrecht)
Der Choreograf und Regisseur Joachim Schloemer übernimmt die Valeska-Gert-Gastprofessur im Wintersemester 2015/2016.
Der Choreograf und Regisseur Joachim Schloemer übernimmt die Valeska-Gert-Gastprofessur im Wintersemester 2015/2016. Bildquelle: Privat

Tanz in Kunst und Wissenschaft zusammenzubringen und theoretische Ansätze praktisch anzuwenden: Das ist Gegenstand der Valeska-Gert-Gastprofessur an der Freien Universität, bei der renommierte Künstler mit Studierenden der Tanzwissenschaft zusammenarbeiten. In diesem Wintersemester übernimmt der ausgebildete Tänzer und Choreograf Joachim Schloemer die Gastprofessur. Schloemer war unter anderem Direktor verschiedener Tanztheater und arbeitet derzeit als freischaffender Regisseur und Choreograf für Theater, Oper, Tanz und Film. Im Interview mit campus.leben berichtet Joachim Schloemer von seinen Plänen am Institut für Theaterwissenschaft.

Herr Schloemer, woran werden Sie mit Ihren Studierenden im kommenden Wintersemester arbeiten?

Gegenstand meiner Arbeit sind Formen der Musikalisierung, also die Auseinandersetzung mit Musik und dem Körper. Im Kern geht es um die Frage: Was bedeutet es, mit dem Körper eine eigene Musikalität zu entwickeln? Ohne, dass dabei Musik gespielt wird, sondern allein durch rhythmische Strukturen von Bewegung oder Sprache. Das Weglassen von Musik, die durch den Rhythmus des Körpers kompensiert wird, schafft Raum für einen anderen Zugang zur Musik.

Heißt das, dass Sie Choreografien ganz ohne Musik erarbeiten?

Nein. Dass ich ab und an bewusst auf Musik verzichte, bedeutet nicht, dass keine Musik zum Einsatz kommen kann. Bei meiner Arbeit als Regisseur und Choreograf frage ich mich: Brauchst du überhaupt Musik? Und warum muss es eine ganz bestimmte Musik sein und keine andere? Was fügt sie hinzu, was man nicht allein mit dem Körper, dem Ausdruck oder der Sprache erzeugen könnte? Mit der Rhythmisierung des Körpers lassen sich Gefühle ausdrücken oder Geschichten erzählen. Es ist mir ein wichtiges Anliegen, die eigene, innere Musik kennenzulernen. Für mich ist Musik immer Partner, nicht Begleiter. Wie im sozialen Umfeld oder in einer Liebesbeziehung sollte man sich bewusst entscheiden, welchen Partner man sich wünscht.

Sie haben bislang an verschiedenen Theatern als Choreograf und Regisseur gearbeitet, zuletzt immer wieder auch im Film. Welche Erwartungen haben Sie an die kommenden sechs Monate?

Bestimmte Erwartungen habe ich keine. Das wird sich vermutlich ändern, wenn ich die Studierenden treffe und unsere Reise losgeht. Wie eine Inszenierung oder Performance zum Abschluss aussehen könnte, ist aber noch völlig offen. Wichtig ist mir, die Studierenden auf einer persönlichen Ebene kennenzulernen. Wir wollen und werden unseren Rhythmus in der kurzen Zeit finden und Freude dabei haben.

Die Fragen stellte Annika Middeldorf


Weitere Informationen

Joachim Schloemer im Gespräch mit Gabriele Brandstetter: Einführung zur Valeska-Gert-Gastprofessur Wintersemester 2015/2016

Zeit und Ort:

Mittwoch, 21. Oktober 2015 um 19.00 Uhr         

Im Clubraum der Akademie der Künste am Pariser Platz, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin          


Die Valeska-Gert-Gastprofessor für Tanz und Performance besteht seit 2006 an der Freien Universität Berlin in Kooperation mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und der Akademie der Künste. 14 verschiedene Künstler und Künstlerinnen haben die Gastprofessur bisher besetzt und im Masterstudiengang Tanzwissenschaft gelehrt.

Namenspatronin der Gastprofessur ist eine der innovativsten Tänzerinnen der historischen Avantgarde, Valeska Gert (1892–1978). In ihrer experimentellen Praxis, in der Selbstreflexion des eigenen choreografischen Wirkens, der kritischen Revision bestehender Körperbilder und in der originellen Verbindung von Bewegung, Medien (Film) und Performance steht Valeska Gert stellvertretend für Tänzer und Choreografen, die es zu entdecken gilt und deren Geschichte noch zu schreiben ist. Darin liegt eine wichtige Aufgabe der noch jungen Disziplin der Tanzwissenschaft.