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„Er gibt der unaufgeklärten Welt Sprache“

Hans Joachim Schädlich ist mit dem Berliner Literaturpreis ausgezeichnet und auf die Heiner-Müller-Gastprofessur an der Freien Universität berufen worden

27.02.2014

Hans Joachim Schädlich (2.v.l.), Walter Rasch (Vorstandsvors. Preußische Seehandlung, l.), Laudator Lothar Müller (3.v.l.), Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (2.v.r.), Peter-André Alt (Präsident der Freien Universität, r.)
Hans Joachim Schädlich (2.v.l.), Walter Rasch (Vorstandsvors. Preußische Seehandlung, l.), Laudator Lothar Müller (3.v.l.), Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (2.v.r.), Peter-André Alt (Präsident der Freien Universität, r.) Bildquelle: gezett

Es hatte etwas von einem Familientreffen: 18 Verwandte – darunter Töchter und Enkel – begleiteten Hans Joachim Schädlich zu seiner Ehrung vor großem Publikum in den Wappensaal des Berliner Roten Rathauses, was auch Walter Rasch als Vorstandsvorsitzender der Preußischen Seehandlung, die den Berliner Literaturpreis seit 15 Jahren stiftet, in seiner Begrüßung hervorhob. Mit der Auszeichnung ist seit zehn Jahren die Berufung des Preisträgers auf die Heiner-Müller-Gastprofessur am Peter-Szondi-Institut der Freien Universität verbunden.

Es sei ein Glück für die Studierenden, dass sie Hans Joachim Schädlichs Autorenkolleg im Sommersemester besuchen könnten, sagte Universitätspräsident Peter-André Alt. Das Arbeiten in einer solchen literarischen Werkstatt eröffne jene akademische Freiheit, die in dem eng getakteten Studienalltag oft zu kurz komme. Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden Berliner und Brandenburger Studierende sein, die neben einem Lebenslauf einen vier- bis zehnseitigen Text vorgelegt haben. Und zwar zum Thema Verrat.

Ein Sujet, das Hans Joachim Schädlich persönlich betrifft: Durch die Einsicht in seine Stasi-Akten erfuhr der 1979 aus der DDR ausgebürgerte Schriftsteller 1992, dass ihn sein eigener Bruder jahrzehntelang bespitzelt hatte. Diese „aus den Akten gezogene Geschichte“, so Laudator Lothar Müller, verarbeitete Schädlich noch im selben Jahr in der Erzählung „Die Sache mit B.“.

Von einem Hawaiianer in Preußen

Wie er Geschichte in Literatur zu verwandeln vermag, demonstrierte Hans Joachim Schädlich mit seiner Replik: Als Antwort auf die Frage eines Freundes, was die Preußische Seehandlung, die Stifterin des Berliner Literaturpreises, eigentlich sei, erzählte Schädlich von deren Anfängen. Die 1772 unter Friedrich dem Großen zur Beschleunigung des Handels und Gewerbes gegründete Aktiengesellschaft erlebte unter der Präsidentschaft des Geheimen Oberrechnungsrats Christian Rother ihre Blütezeit. Um die Figur Rothers, der den ersten Hawaiianer in Preußen – genannt Harry Maitey – in seinem Hause aufnahm, um ihn auszubilden und zum Christentum zu führen, drehte sich Schädlichs Erzählung.

Wie Maitey von seinem Mentor durch das gesellschaftliche Labyrinth im Preußen des frühen 19. Jahrhunderts gelotst wird, wie er als exotischer Fremder immer wieder stolpert, fast scheitert und schließlich auf der Pfaueninsel ankommt – in königlichen Diensten angestellt und als verheirateter Mann – wird in Schädlichs Worten zu einer zauberhaften Miniatur. Und einer charmant formulierten Reverenz an die Stiftung.

Mehr als verdienter Preisträger

Mit starken Worten hatte die Jury – Peter-André Alt, Jens Bisky, Ulrich Janetzki, Ulrich Khuon und Kristin Schulz – die Wahl des Preisträgers begründet: „Seine Bücher entwerfen neue, irritierende Formen der Rede, mal bitter und sarkastisch, mal weise und tröstlich. Dieses funkelnde, reiche Lebenswerk ist ein nicht zu ersetzendes Gegengift gegen Dummheit, Übereilung und Schlamperei."

Lothar Müller lobte den 1935 im vogtländischen Reichenbach geborenen Schriftsteller für dessen Sprachmächtigkeit: „Er erzählt von der Unmündigkeit, der Unmächtigkeit, den Untaten und vom Vorbei, im Leben des Einzelnen wie im Gang der Geschichte. Er gibt der unaufgeklärten Welt, was die Göttin Äsop gibt: Sprache.“ Dafür habe Schädlich, so der Laudator, den Berliner Literaturpreis mehr als verdient.

Weitere Informationen

Heiner-Müller-Gastprofessur

Seit 2005 bietet der Preis mit der „Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik“ am Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin den Preisträgern jeweils im Sommersemester ein Forum für Textarbeit mit Studierenden der Universitäten und Hochschulen in Berlin und Brandenburg. Bisherige Preisträger und Dozenten waren Herta Müller, Durs Grünbein, Ilija Trojanow, Ulrich Peltzer, Dea Loher, Sibylle Lewitscharoff, Thomas Lehr, Rainald Goetz und Lukas Bärfuss.