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Goldener Reis gegen globale Mangelernährung

Entwickler des genetisch veränderten Vitamin A-Reises hält am 11. April einen Vortrag an der Freien Universität / Interview mit Professor Schmülling, Leiter der Angewandten Genetik

09.04.2013

Das eingelagerte Betacarotin verleiht dem Goldenen Reis seine gelblich-orangene Färbung (re.).
Das eingelagerte Betacarotin verleiht dem Goldenen Reis seine gelblich-orangene Färbung (re.). Bildquelle: International Rice Research Institute (IRRI)
Professor Thomas Schmülling leitet die Angewandte Genetik und ist Sprecher der Focus Area Dahlem Centre of Plant Sciences an der Freien Universität.
Professor Thomas Schmülling leitet die Angewandte Genetik und ist Sprecher der Focus Area Dahlem Centre of Plant Sciences an der Freien Universität. Bildquelle: Freie Universität Berlin

Weltweit sterben jedes Jahr Millionen Menschen, hauptsächlich Kinder, an den Folgen von Vitamin A-Mangel. Der renommierte Biologe Ingo Potrykus entwickelte mit seinem Partner Peter Beyer Ende der 1990er Jahre den sogenannten Goldenen Reis, der diesem Mangel vorbeugen kann. Seit fast 15 Jahren wartet er auf die Zulassung des gentechnischen Reises für den Markt. Am 11. April hält Ingo Potrykus darüber einen öffentlichen Vortrag. Campus.leben sprach im Vorfeld der Veranstaltung über die Hintergründe der Entwicklung und die Kontroverse um die „Grüne Gentechnik“ mit Professor Thomas Schmülling, dem Leiter der Angewandten Genetik und Sprecher der Focus Area Dahlem Centre of Plant Sciences an der Freien Universität.

Professor Schmülling, wodurch zeichnet sich der Goldene Reis aus, der von Ingo Potrykus und Peter Beyer entwickelt wurde? 

Mit dem Goldenen Reis kann Vitamin A-Mangel effizient verringert werden. Dieser gehört zu den weltweit meistverbreiteten Ernährungsmängeln und ist für  Millionen Tote und Hunderttausende erblindete Kinder pro Jahr verantwortlich. Der Grund dafür ist, dass die notwendigen Vorstufen, sogenannte Provitamine, in der Nahrung fehlen, die dann vom Körper erst in das entsprechende Vitamin umgewandelt werden.

Reis – das Hauptnahrungsmittel in vielen Gebieten der Erde – enthält kein Carotin, die Vorstufe von Vitamin A. Ingo Potrykus und Peter Beyer haben die Reispflanze gentechnisch so verändert, dass für die Synthese des Carotin zuständige Enzyme im Reiskorn ausgeprägt werden. Dadurch bekommt der Reis seine typische gelbe Farbe.

Ingo Potrykus wurde 2006 von der Zeitschrift Nature zum einflussreichsten Wissenschaftler des Jahrzehnts 1995-2005 in der Agrar-Industrie und Umwelt-Biotechnologie gewählt. Welche konkreten Effekte hätte eine verbreitete Nutzung des goldenen Reises?

Feldversuche mit dem Goldenen Reis wurden bisher in Indien, auf den Philippinen und in Bangladesch durchgeführt. Berechnungen haben ergeben, dass pro Jahr allein in Indien etwa 40.000 Todesfälle bei Kindern vermieden werden könnten. Außerdem würden zahlreiche weitere Mangelerscheinungen, zum Beispiel Erkrankungen des Immunsystems, stark reduziert werden. 

Das „Golden Rice Project“ ist eines der bekanntesten Unterfangen, in denen Pflanzen gentechnisch verändert werden, um sie mit lebensnotwendigen Nährstoffen anzureichern, an denen es in ärmeren Ländern mangelt. Es steht aufgrund seiner Bekanntheit besonders in der Kritik von Gentechnik-Gegnern. Wie schätzen Sie die Kritikpunkte ein?

Das Hauptargument der Gegner ist, dass die Langzeitfolgen von gentechnisch veränderten Pflanzen für Mensch und Umwelt nicht abzusehen seien. Ich halte dieses Argument mittlerweile für entkräftet. Bisher sind mehrere hundert Millionen Euro in die Sicherheitsforschung geflossen. Es gibt keinen einzigen Hinweis darauf, dass diese Technologie gefährlich wäre. Sie bewirkt vielmehr in der Regel geringere Veränderungen am Genom als klassische Züchtungsverfahren.

Oft wird auch befürchtet, dass die Wirtschaftlichkeit bei der gentechnischen Veränderung von Pflanzen im Vordergrund steht. Das „Golden Rice Project“ aber verfolgt keine industriellen Interessen, es ist ein humanitäres Projekt. Seit über zehn Jahren hätte man Menschen in den betroffenen Gebieten schon mit dem goldenen Reis ernähren und vermutlich Millionen Leben retten können. Aufgrund der massiven Widerstände ist der Reis jedoch noch immer nicht  auf dem Markt.

Bei genetisch veränderten Pflanzen werden einzelne Gene gezielt transferiert, bei der Züchtung durch Kreuzung hingegen werden spontane oder induzierte Mutationen genutzt. Warum steht die Gentechnik im Gegensatz zur Züchtung so in der Kritik? Hat die gezielte genetische Veränderung nachweislich andere Auswirkungen als die Züchtung?

Nein, die sogenannte grüne Gentechnik hat nachweislich kein Gefahrenpotenzial. Sie kann als zusätzliche Methode der Pflanzenzüchtung angesehen werden. Die Gegner sind für diese Argumente jedoch nicht zugänglich. Rational gibt es keinen Grund, diese Pflanze nicht zuzulassen. Seit der Entwicklung des Goldenen Reises wird die Öffentlichkeit häufig nur unzureichend oder sogar falsch informiert. Dementsprechend wird die Technik in Teilen der Bevölkerung als gefährlich wahrgenommen. 

Gibt es derzeit weitere Projekte in der Grünen Gentechnik, die in den nächsten Jahren zu einem wichtigen Thema in der Öffentlichkeit werden könnten?

Weltweit arbeiten Forschungsgruppen an der Lösung anderer Ernährungsprobleme wie dem Eisenmangel. Auch das Erzielen  höherer Erträge bei gleichem oder weniger Aufwand ist ein Ziel der grünen Gentechnik. Das Thema wird sicherlich weiter präsent sein, nicht nur bei der Ernährung, sondern auch im Umweltschutz. Zum Beispiel müssen beim Anbau von schädlingsresistenteren Pflanzen weitaus weniger Herbizide eingesetzt werden. Viele dieser Entwicklungen könnten zu einer besseren Landwirtschaft beitragen.

Die Fragen stellte Juliane Bartsch.

Informationen zur Vorlesung

„Golden Rice – Lehren aus einem humanitären Projekt mit transgenen Pflanzen“ von Prof. Dr. Ingo Potrykus von der ETH Zürich

Zeit und Ort:

  • Donnerstag, den 11. April 2013, 17.15 Uhr
  • Freie Universität Berlin, Institut für Biologie, Großer Hörsaal der Pflanzenphysiologie, Mikrobiologie und Biochemie der Pflanzen, Königin-Luise-Straße 12–16, 14195 Berlin
  • Die Vorlesung ist öffentlich, der Eintritt ist frei.  

Im Internet:

www.goldenrice.org