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Medienwandel in Benin

Drei Ethnologie-Studentinnen reisten nach Benin, um zu untersuchen, wie sich die Medienlandschaft nach Jahrzenten der staatlichen Zensur entwickelt hat

28.03.2013

Täglich versammeln sich am größten Zeitungskiosk Benins in der Wirtschaftsmetropole Cotonou hunderte Zemidjans, die Fahrer der Motorradtaxis, um die Schlagzeilen der Zeitungen zu lesen, die neuesten Nachrichten auszutauschen und zu diskutieren.
Täglich versammeln sich am größten Zeitungskiosk Benins in der Wirtschaftsmetropole Cotonou hunderte Zemidjans, die Fahrer der Motorradtaxis, um die Schlagzeilen der Zeitungen zu lesen, die neuesten Nachrichten auszutauschen und zu diskutieren. Bildquelle: Tilo Grätz

Im Jahr 1990 stand Benin vor dem wirtschaftlichen Ruin: 17 Jahre sozialistische Diktatur hatten ihre Spuren hinterlassen. Doch der westafrikanische Staat schaffte die Wende, die Bevölkerung erzwang eine Nationalkonferenz, die den Weg zu einer demokratischen Verfassung und dadurch auch eine zunehmende Pressefreiheit ermöglichte. Wie sieht die Medienlandschaft heute, mehr als 20 Jahre nach dem Umbruch aus? Dieser Frage gingen drei Ethnologie-Studentinnen der Freien Universität im Rahmen eines Lehrforschungsseminars über den medialen Wandel in Westafrika nach. Sie reisten nach Benin, um Einblicke in die alltägliche Medienproduktion des Landes zu bekommen.

Zahlreiche neue, staatsunabhängige Zeitungen sowie Radio- und TV Stationen wurden seit 1990 in Benin gegründet. Obwohl der Staat nach wie vor versucht, Einfluss zu nehmen, sind die Medien seitdem von einer zunehmenden Pluralität und Offenheit auch für kritische Meinungen geprägt. Welche Inhalte dominieren die Medien in Benin, welche Bedeutung haben sie im Zuge des politischen und sozialen Wandels? Von wem und unter welchen Umständen werden diese Inhalte produziert?

Mit diesen Fragen befassten sich Christine Graf, Sarah Pelull und Agnieszka Szczepańska während der studentischen Lehrforschungs-Exkursion „Medien und medialer Wandel in Benin“ des Master-Studienganges Sozial- und Kulturanthropologie des Instituts für Ethnologie. Begleitet wurden die drei Studentinnen von Professor Tilo Grätz. Um Einsichten in die tägliche Medien-Produktion zu erhalten, absolvierten die jungen Frauen vier- bis fünfmonatige Praktika in der Wirtschaftsmetropole Cotonou bei den Radiosendern CAPP FM und Radio Tokpa sowie bei der Tageszeitung „Nouvelle Expression“.

Direkter Zugang zu aktuellen politischen und sozialen Themen

Als Praktikantinnen fanden Christine Graf, Sarah Pelull und Agnieszka Szczepańska einen direkten Zugang zu aktuellen politischen und sozialen Themen sowie zur alltäglichen Arbeit von Medienproduzenten. Außerdem konnten sie eigene Forschungsfragen verfolgen: Sarah Pellul ging in ihrer Arbeit der Frage nach, ob und wie die sozialistische Regierungszeit in Benin (1972-1989) in der Öffentlichkeit dargestellt wird, und wie in Benin mit dieser Zeit allgemein und insbesondere in den Medien umgegangen wird. Es wurde deutlich, dass offizielle Darstellungen und Erinnerungen sehr fragmentiert, das heißt ohne Versuche einer Gesamtbewertung, erfolgen, und mit sehr wenigen Ereignissen aus dieser Zeit verbunden sind.

Agnieszka Szczepanska widmete sich in ihrer Arbeit Karikaturen, die als fester Bestandteil von Tageszeitungen den politischen Wandel des Landes begleiten. Sie sind beliebt und stellen Kommentare aktueller politischer Ereignisse, Eigenarten von Persönlichkeiten oder soziale Befindlichkeiten, vor allem auch im Familienleben, dar. Die Karikaturisten arbeiten meist für Zeitungen, aber auch als Gebrauchsgrafiker oder Kunstlehrer und versuchen, auch durch Ausstellungen und über das Internet die Aufmerksamkeit für ihre Arbeit zu erhöhen.

Agnieszka Szczepanska hat Karikaturisten befragt, ihren Alltag kennen gelernt und den Weg der Karikaturen vom Schreibtisch in die Redaktionen bis zur Druckvorlage nachvollzogen. Außerdem hat sie zusammen mit Karikaturisten eine Ausstellung gestaltet, wodurch sie zugleich die mediale Resonanz auf die Karikaturen nachvollziehen konnte.

Neue mediale Formate trotz wirtschaftlicher Zwänge

Christine Graf interessierte sich in ihrem Projekt für erfolgreiche Radiosendungen, bei denen Hörer anrufen und sich über Probleme in der Partnerschaft austauschen können. Sie bereitete viele Sendungen mit vor, verfolgte deren Produktion und hat die jeweiligen Themen und ihre Wirkung ausführlich mit den Gestaltern und Hörern intensiv diskutiert. Persönliche Themen waren lange tabu beziehungsweise in der Öffentlichkeit nur wenig präsent.

Die Studienprojekte zeugen von den Problemen, aber auch Möglichkeiten sowie der kulturellen Prägung der Medien in dieser Region Westafrikas, die sich in den dominierenden Themen von Radiosendungen und Zeitungsartikeln äußern. Nach ihren Einblicken in die Medienwelt Benins gewannen die Studentinnen den Eindruck, dass sich in dem westafrikanischen Staat nach Jahrzehnten der staatlichen Zensur eine vielfältige Medienlandschaft entwickelt hat, die trotz wirtschaftlicher Zwänge und politischen Drucks in kreativer Weise neue mediale Formate produziert.