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Raus aus der Routine

Am interdisziplinären „Pfadkolleg“ erforschen Doktoranden, wie sich festgefahrene Strukturen auflösen lassen / Ein Gespräch mit Sprecher Professor Georg Schreyögg über Forschungsergebnisse und Einstiegsgehälter in der Wirtschaft

14.01.2013

Ausgetretene Pfade verlassen, um Dinge zu verändern: Am interdisziplinären "Pfadkolleg" erforschen Doktoranden, wie sich festgefahrene Strukturen auflösen lassen.
Ausgetretene Pfade verlassen, um Dinge zu verändern: Am interdisziplinären "Pfadkolleg" erforschen Doktoranden, wie sich festgefahrene Strukturen auflösen lassen. Bildquelle: morguefile.com / imma
„Die Doktoranden sind am Ende besser ausgebildet“:  Der Sprecher des „Pfadkollegs“, Prof. Dr. Georg Schreyögg, zieht nach acht Jahren eine positive Bilanz.
„Die Doktoranden sind am Ende besser ausgebildet“: Der Sprecher des „Pfadkollegs“, Prof. Dr. Georg Schreyögg, zieht nach acht Jahren eine positive Bilanz. Bildquelle: Bianca Schröder

Wie frei sind Führungskräfte in ihren Entscheidungen? Wie lassen sich verkrustete Strukturen auflösen und Abläufe ändern? Mit diesen Fragen beschäftigen sich seit April 2005 Doktoranden im Rahmen des am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der Freien Universität angesiedelten und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Graduiertenkollegs „Pfade organisatorischer Prozesse“, kurz „Pfadkolleg“. Die Doktoranden aus verschiedenen Fächern promovieren über die sogenannte Pfadabhängigkeit: das häufig unbewusste Wiederholen von eingefahrenen Strukturen und Routinen. Kollegsprecher Professor Georg Schreyögg zieht knapp acht Jahre nach der Einrichtung des Graduiertenkollegs Bilanz.

Das Phänomen der „Pfadabhängigkeit“ betrifft viele Lebensbereiche, und doch ist der Begriff außerhalb der Wirtschaftswissenschaften nur wenig bekannt. Aus welchen Disziplinen kommen die Doktoranden des Pfadkollegs?

50 bis 60 Prozent der Kollegiaten kommen aus der Betriebswirtschaft. Aber wir sind interdisziplinär ausgerichtet und haben auch Kommunikationswissenschaftler, Psychologinnen, Soziologen und Politologinnen unter unseren Doktoranden. Unsere Bewerberlage war immer gut, obwohl BWL-Absolventen mit einem guten Abschluss von Firmen, besonders von Beratungsgesellschaften, umworben werden. Mit Einstiegsgehältern von 55.000 bis 60.000 Euro im Jahr können wir natürlich nicht mithalten.

Wozu forschen die Doktoranden?

In der ersten Kohorte stand eine Präzisierung der Dynamiken der Pfadabhängigkeit im Vordergrund. Die Stipendiaten der zweiten Kohorte haben sich mit der Pfadabhängigkeit und den Möglichkeiten der Pfadbrechung beschäftigt. Hier hat sich beispielsweise eine Doktorandin mit der Pfadabhängigkeit von Personalauswahlverfahren in einem großen Dienstleistungsunternehmen befasst.

Das Unternehmen hatte mehrere Jahre verschiedene Programme aufgelegt, um Frauen in Führungspositionen zu bringen – ohne Erfolg. Die Doktorandin kann in ihrer Arbeit zeigen, dass der Grund selbstverstärkende Mechanismen im Personalauswahlprozess sind, die Veränderungen nicht zulassen. Jetzt, in den Dissertationen der dritten Kohorte, geht es um organisationale Kompetenzen und deren Tendenz zur Pfadbildung.

Eine Doktorandin arbeitet hier zu einem brennend aktuellen Thema, nämlich der sozialen Verantwortung von Unternehmen. Sie will zeigen, dass der Diskurs in den letzten zehn bis 15 Jahren insofern pfadabhängig geworden ist, als externe Anreize – nämlich die Vorstellung, dass sich gesellschaftliches Engagement wirtschaftlich lohne – eine immer stärkere Rolle spielen.

Ein anderer Doktorand beschäftigt sich mit der Frage der „Zeitregimes“: Viele Unternehmen vertreten heute die Meinung, dass ihre Mitarbeiter eine ausgewogenere Work-Life-Balance haben sollten, aber tatsächlich arbeiten die Mitarbeiter heute eher mehr als früher. In dieser Dissertation geht es darum, die Verstärkungsmechanismen aufzuzeigen, die die Menschen de facto an das alte Zeit-Muster binden. 

Wie unterscheidet sich die Promotion im Graduiertenkolleg von der Individualpromotion?

Im Vergleich zur Individualpromotion sind die Doktoranden am Graduiertenkolleg am Ende besser ausgebildet. So gibt es am Pfadkolleg im ersten Förderjahr verschiedene Kurse, die auf die Promotion hinführen. Am Ende legen die Doktoranden Prüfungen ab. Man eignet sich also gemeinschaftlich und pflichtmäßig ein breites Wissen an.

Führt das zu besseren Dissertationen?

Das würde ich nicht sagen, denn auch im „alten System“ entstehen brillante Arbeiten. Wenn jemand eine sehr spezifische Idee hat, ist die Individualpromotion vielleicht sogar der bessere Weg, denn in einem Graduiertenkolleg reden sehr viele Leute mit. Andererseits ist es durch die Struktur gerade des interdisziplinär ausgerichteten Pfadkollegs leichter, sich zu vernetzen. Wir halten unsere Doktoranden dazu an, ihre Projekte auf Konferenzen vorzustellen und haben viele internationale Gäste.

Welchen Berufsweg schlagen die Absolventen des Pfadkollegs ein?

Einige bleiben in der Wissenschaft, in der ersten Kohorte sind dies vier von 13 Teilnehmern, die am Pfadkolleg promoviert wurden. Andere wechseln in Unternehmen und Beratungsgesellschaften. In Deutschland ist es ja nach wie vor erwünscht, dass Mitarbeiter, die nach Höherem streben, promoviert sind.

Ist 2014 definitiv Schluss für das Pfadkolleg?

Ja, denn die DFG fördert Graduiertenkollegs maximal neun Jahre. Wir planen aber schon ein neues Kolleg. Diesmal soll es darum gehen, Rechnungswesen mit Organisationsforschung zu verbinden, also etwa das Social Accounting zu erforschen. Der Hintergrund ist, dass die Unternehmen jetzt auch über ihre Nachhaltigkeitsstrategien Bericht erstatten müssen, und da kommen auf die Accountants ganz neue Aufgaben zu.

Die Fragen stellte Bianca Schröder