Freie Universität Berlin


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„Verantwortungskultur befördern“

Was sich von erfolgreichen Schulen in Problemlagen lernen lässt – Wissenschaftlerinnen der an der Freien Universität angesiedelten Koordinierungsstelle „SteBis“ präsentierten Ergebnisse zweier Forschungsprojekte

30.11.2012

Prof. Dr. Felicitas Thiel (M.), Freie Universität, im Gespräch mit Schulleiterin Miriam Pech (r.) und deren Stellvertreterin über die Heinz-Brandt-Schule.
Prof. Dr. Felicitas Thiel (M.), Freie Universität, im Gespräch mit Schulleiterin Miriam Pech (r.) und deren Stellvertreterin über die Heinz-Brandt-Schule. Bildquelle: Anne-Katrin Lehmann
In der abschließenden Podiumsdiskussion beantworteten der Staatssekretär Rackles (3.v.l.) und die Bildungsforscherinnen die Fragen der Lehrkräfte nach Unterstützungsmöglichkeiten für Schulen in schwieriger Lage.
In der abschließenden Podiumsdiskussion beantworteten der Staatssekretär Rackles (3.v.l.) und die Bildungsforscherinnen die Fragen der Lehrkräfte nach Unterstützungsmöglichkeiten für Schulen in schwieriger Lage. Bildquelle: Jasmin Tarkian

Wie können Schulen auch unter schwierigen Rahmenbedingungen effizient arbeiten? Welche Maßnahmen des Schulmanagements und der Unterrichtsgestaltung helfen sogenannten Brennpunktschulen, ihre Unterrichts- und Schulqualität weiterzuentwickeln und Bildungserfolge zu erzielen? Während  in England und den USA schon seit vielen Jahren zu dem Thema geforscht wird, gibt es in Deutschland noch wenige Erkenntnisse darüber, wie sich die schulische Bildungsarbeit in städtischen Problemlagen verbessern lässt. Zwei Bildungsforscherinnen aus Essen haben kürzlich auf einer Workshop-Veranstaltung des Projektverbunds „SteBis“ in Berlin erste Studienergebnisse vorgelegt.

Es ist lange bekannt und durch zahlreiche Studien bestätigt, dass ein enger Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg besteht. Schülerinnen und Schüler aus Schulen in sozialen Brennpunkten erreichen deshalb häufig nicht die Mindeststandards schulischer Bildung. Die Lage einer Schule in einem problemreichen Einzugsgebiet scheint also das Schicksal als „failing school“ schon zu besiegeln. Neben diesen erwartbar leistungsschwachen Schulen gibt es aber auch einige wenige Schulen, deren Schülerinnen und Schüler „erwartungswidrig gute" Lernerfolge zeigen. Was aber macht diese Schulen erfolgreich?

Pionierarbeit zu den Strategien erfolgreicher Schulen in Problemlagen

Die Essener Bildungsforscherinnen Professorin Isabell van Ackeren und Professorin Nicolle Pfaff leisten Pionierarbeit auf dem hierzulande noch relativ unbeackerten Forschungsfeld „Schulen in schwieriger Lage“. Ihre Ergebnisse stellten sie kürzlich erstmals vor schulischen Praktikern und Vertretern der Schulverwaltung auf einer gleichnamigen Workshop-Veranstaltung vor, die von der an der Freien Universität angesiedelten Koordinierungsstelle „Steuerung im Bildungssystem“ (SteBis) an der Heinz-Brandt-Schule in Berlin ausgerichtet wurde.

Standortnachteile durch gezielte Schulentwicklungsmaßnahmen kompensieren

Die Wissenschaftlerinnen hoben dabei besonders die Rolle der Schulleitung hervor, die beispielsweise über den Einsatz von Evaluationsdaten systematisch und zielgerichtet Schulentwicklung betreiben könne: „Dabei ist es entscheidend, das Kollegium frühzeitig einzubeziehen und eine Partizipations- und Verantwortungskultur zu befördern“, betonte Isabell van Ackeren. Wichtig sei es auch, die soziale Benachteiligung der Schülerschaft durch im Schulalltag integrierte Angebote auszugleichen. Dies könne etwa durch einen strukturierten Tagesablauf geschehen, das Angebot regelmäßiger Ernährung oder durch emotionale Fürsorge und gemeinsame außerunterrichtliche Aktivitäten von Pädagogen und Schülern. Erfolge im Unterricht werden den Wissenschaftlerinnen zufolge dadurch erzielt, dass Lehrkräfte eine angstfreie, lernförderliche Atmosphäre schaffen – beispielsweise durch eine positive, schülerorientierte Haltung, produktives Aufgreifen multikultureller Hintergründe oder auch schlichtes Bereitstellen von Ersatzmaterialien für Schüler, die ohne Schulbücher zum Unterricht erscheinen.

Systematisch bedarfsgerechte Kooperationskulturen entwickeln

Ansatzpunkte für eine Verbesserung der schulischen Effizienz sah Nicolle Pfaff beispielsweise in engerer Zusammenarbeit innerhalb einer Schule oder auch mit externen Partnern. Dadurch könnten Lehrkräfte beispielsweise bei der Unterrichtsvorbereitung entlastet werden oder ihre Kräfte mit anderen schulischen Professionellen wie Sozial- oder Sonderpädagoginnen und -pädagogen für das Erreichen gemeinsamer Bildungsziele bündeln. Die Zusammenarbeit mit außerschulischen Einrichtungen wie der Jugendhilfe, der Lehrerbildung oder Sicherungsdiensten sei vor allem dann eine Hilfe, wenn sie Personalknappheit ausgleiche (etwa durch den Einsatz von Freiwilligen oder nicht-qualifizierten Angestellten) oder zur Lösung innerschulischer Ordnungsprobleme beitrage. Voraussetzung für ihr Gelingen sei allerdings, dass die Kooperationen von den einzelnen Schulen selbst aufgebaut würden.

Fazit

In der abschließenden Podiumsdiskussion, an der auch der Staatssekretär für Bildung, Mark Rackles, sowie der GEW-Schulleiterverbandsvorsitzende Paul Schuknecht teilnahm, wurde schließlich resümiert: Schulen in schwieriger Lage benötigen eine starke Schulleitung und ein besonders engagiertes Kollegium. Darüber hinaus sei aber auch die Bildungspolitik gefragt, die rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zur Unterstützung dieser Schulen weiter an deren Bedürfnisse anzupassen: Die Beschäftigung zusätzlicher Professioneller etwa aus der Jugendhilfe, die Kapitalisierung von unbesetzten Stellen, aber auch kontroverse Themen wie beispielsweise Anreizsysteme für Lehrer, wurden als Maßnahmen diskutiert, mit denen Schulen ihre Autonomiespielräume im Finanz- und Personalbereich zu ihrer Verbesserung nutzen könnten – nach eigenem Bedarf und in eigener Verantwortlichkeit.