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Aufmerksamer lesen, besser schreiben

12. Dezember, 18 Uhr: Der amerikanische Schriftsteller Andrew Sean Greer hält seine Antrittsvorlesung als Samuel-Fischer-Gastprofessor

11.12.2012

Fühlt sich wohl in Berlin: Der amerikanische Autor Andrew Sean Greer mag vor allem den Stadtteil Mitte mit seinen Cafés, Restaurants und Buchläden.
Fühlt sich wohl in Berlin: Der amerikanische Autor Andrew Sean Greer mag vor allem den Stadtteil Mitte mit seinen Cafés, Restaurants und Buchläden. Bildquelle: Bianca Schröder

Als Andrew Sean Greer zur Mittagszeit das Café St. Oberholz am Rosenthaler Platz in Berlin-Mitte betritt, hat er schon einige Stunden Arbeit hinter sich. Seine tägliche Deutschlektion – ein Privatlehrer unterrichtet ihn über Skype – hat er auf 9.30 Uhr gelegt, damit er sich zeitig an den Schreibtisch setzt. Um einen Roman zu schreiben, brauche es eben nicht nur gute Einfälle, sondern auch eine Menge Disziplin, sagt Greer: „Das erzähle ich auch den Studenten in meinen Schreibseminaren immer: Ihr müsst genauso hart arbeiten wie eure Kommilitonen in Medizin oder Jura!“

Das Handwerkszeug, um in harter Arbeit aus einer künstlerischen Idee einen Roman zu machen, vermittelt der amerikanische Autor in diesem Semester 30 Studierenden der Freien Universität im Masterstudiengang Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. „Reading as a Writer“ hat er das englischsprachige Seminar genannt, das er als Samuel-Fischer-Gastprofessor gibt. Für den 42-Jährigen aus San Francisco, der mit seinen Roman „Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli“ (2004) und „Geschichte einer Ehe“ (2008) weltweit Erfolg hatte, ist es schon der fünfte Aufenthalt in Berlin. Die Stadt empfinde er als „geradlinig und weltoffen“, sagt Greer, besonders möge er Mitte mit seinen Restaurants, Cafés und Buchläden – hier fühle er sich zu Hause.

Reflektierter Umgang mit den Werken anderer

Greers Seminar liegt die Beobachtung zugrunde, dass junge Schriftsteller beim Lesen häufig zu sehr die Perspektive eines Literaturkritikers einnehmen. Produktiver sei es jedoch, nach Impulsen für das eigene Schaffen zu suchen, sagt der Autor: „Wenn ich mich mit Schriftstellerkollegen treffe, reden wir nicht über unsere Arbeit, sondern darüber, was wir gerade Bemerkenswertes gelesen oder gesehen haben und wie wir das klauen wollen. Mit ‚Klauen’ meine ich das Imitieren der Technik oder das offene Bezugnehmen darauf.“ Dieser reflektierte Umgang mit den Werken anderer sei dem Streben nach absoluter Originalität vorzuziehen, denn gänzlich neue Themen oder Erzähltechniken seien ohnehin kaum zu finden.

Greer selbst gilt als glänzender Stilist und Meister des Perspektivwechsels. „Geschichte einer Ehe“ schrieb er – ein weißer, schwuler Mann – aus der Sicht einer schwarzen, heterosexuellen Frau. Als besonders schwierig oder mutig habe er das nicht empfunden, sagt Greer. „Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, wie Frauen oder Afroamerikaner denken oder handeln würden. Ich wusste, wenn ich ihrem Charakter treu bleibe, dann gelingt meine Arbeit. Wenn ich etwas Größeres versuche, werde ich scheitern.“

In der Fiktion und im realen Leben viel auf Reisen

Greer ist viel auf Reisen, der literarische Erfolg hat Aufträge und Einladungen mit sich gebracht. So spannend er es findet, auf diese Weise die Welt kennenzulernen, für sein Ehe- und Familienleben bringe es auch Nachteile mit sich, sagt Greer. Glücklicherweise sind seine Liebsten reiselustig: Kürzlich besuchte ihn sein Vater in Berlin, über Weihnachten und Neujahr kommt sein Mann, mit dem er nach Kopenhagen fahren wird.

Aus Berlin wird Greer Mitte Januar wieder abreisen, denn dann beginnt für ihn ein neuer Lehraufenthalt, diesmal an der University of Iowa. Fließend Deutsch sprechen werde er bis dahin trotz täglichen Deutschunterrichts auf Skype wohl nicht, sagt er, aber eine Unterhaltung werde er hoffentlich führen können. Zumindest an der Aussprache wird es wohl nicht scheitern: Seinen Kaffee im Café St. Oberholz bestellt der Autor selbstverständlich auf Deutsch, und das mit fast perfektem Akzent.

Weitere Informationen

Antrittsvorlesung

Zeit und Ort

  • Freie Universität Berlin, Gebäudekomplex für die Geistes- und Sozialwissenschaften, Raum KL 32/202, Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin (U-Bhf. Thielplatz und Dahlem-Dorf, U3)

Die Veranstaltung findet in englischer Sprache statt, der Eintritt ist frei.