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Neue Maßnahmen gegen die Zunahme von Antibiotikaresistenzen

Am Institut für Mikrobiologie und Tierseuchen startet ein Projekt zur Fortbildung von Tierärzten und zur systematischen Erfassung von Antibiotikaresistenzen in Tierbeständen

05.11.2014

Prof. Dr. Lothar H. Wieler vom Institut für Mikrobiologie und Tierseuchen der Freien Universität führte Dr. Maria Flachsbarth durch das Institut.
Prof. Dr. Lothar H. Wieler vom Institut für Mikrobiologie und Tierseuchen der Freien Universität führte Dr. Maria Flachsbarth durch das Institut. Bildquelle: Astrid Bethe
Übergabe der Förderbescheide an die Projektpartner von VetMAB durch die Parlamentarische Staatssekretärin Dr. Maria Flachsbarth (BMEL).
Übergabe der Förderbescheide an die Projektpartner von VetMAB durch die Parlamentarische Staatssekretärin Dr. Maria Flachsbarth (BMEL). Bildquelle: Astrid Bethge

Antibiotika sind aus der modernen Medizin nicht wegzudenken, ihre Entdeckung und Weiterentwicklung bedeuteten einen medizinischen und gesellschaftlichen Durchbruch. Doch die regelmäßige Anwendung von Antibiotika fördert die Selektion von Resistenzen, mit denen sich die Bakterien gegen die tödlichen Wirkstoffe schützen. Die Verbreitung dieser Abwehrmechanismen wird zunehmend zur Gefahr, weil Medikamente nicht mehr wirken und sich deshalb schon besiegt geglaubte Krankheiten wieder ausbreiten können Veterinärmediziner des Instituts für Mikrobiologie und Tierseuchen der Freien Universität arbeiten daran, dass Antibiotika in der Nutztierhaltung sparsamer und sachgerecht eingesetzt werden.

Kürzlich überreichte Maria Flachsbarth, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft und promovierte Veterinärmedizinerin, die Förderbescheide für das Projekt zur „Entwicklung und Einführung eines internetbasierten Fortbildungs- und Datenverwaltungstools zur Minimierung des Antibiotikaeinsatzes in der Nutztierhaltung – VetMAB“.

Human- und Tiermediziner schulen

Antibiotika dürfen grundsätzlich nur bei strenger Indikationsstellung und mit Bedacht verwendet werden. Außerdem müssten die Komplexität von Mechanismen, die Antibiotikaresistenzen bewirken, besser verstanden werden, um in Zukunft der Selektion und Verbreitung dieser Resistenzen vorbeugen zu können, sagt Antina Lübke-Becker, promovierte Veterinärmedizinerin am Institut für Mikrobiologie und Tierseuchen der Freien Universität.

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen zunächst diejenigen geschult werden, die Antibiotika einsetzen, das heißt Humanmediziner, aber auch Tierärzte. Tierärzte, die landwirtschaftliche Nutztiere behandeln, entscheiden täglich über die Antibiotikatherapie ganzer Tierbestände. Diese Entscheidungen müssten wohlüberlegt sein, sagt die Veterinärmedizinerin, da die unsachgemäße Anwendung von Antibiotika dazu führen könne, dass resistente Bakterien einen Überlebensvorteil gewinnen und etwa über die Nahrungskette den Menschen erreichen.

Hier können sie Krankheiten hervorrufen, die dann nicht mehr mit Antibiotika therapierbar sind. Noch brisanter ist es, wenn harmlose, aber resistente Bakterien, die zur natürlichen Bakterienflora von Tieren gehören, ihre Resistenzeigenschaften an Krankheitserreger weitergeben. So kann ein für Menschen und Tiere eigentlich harmloses Bakterium anderen Bakterien dazu verhelfen, zu gefährlichen, weil nicht bekämpfbaren Krankheitserregern zu werden. Schwere, jedoch heute nicht mehr zwangsläufig lebensgefährliche Krankheiten, wie etwa Blutvergiftungen, Salmonelleninfektionen oder Lungenentzündungen, könnten dadurch wieder zu einer tödlichen Bedrohung werden.

Das Projekt VetMAB

Vor diesem Hintergrund ist es den Wissenschaftlern zufolge ausgesprochen wichtig, die Verbreitung resistenter Keime im Blick zu haben und Tierärzte auf dem neuesten Stand der Entwicklung zu halten. Hier setzt das Projekt VetMAB an, das von Antina Lübke-Becker von der Freien Universität gemeinsam mit der Firma Vetion.de GmbH und der Akademie für Tierärztliche Fortbildung (ATF) entwickelt wurde. VetMAB wird vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft mit rund 330 000 Euro gefördert.

In einem E-Learning Onlineportal sollen sich Tierärzte unabhängig von Ort und Zeit zu antibiotischen Wirkstoffen, zur Entstehung, Begünstigung und Verbreitung von Resistenzen sowie zu aktuellen Testverfahren fortbilden können. In tierartspezifischen Aufbaumodulen (mit Blick auf Schweine, Rinder, Geflügel) werden durch Übungen anhand von Beispielbetrieben weitere, praxisnahe Informationen vermittelt. Die Tierärzte lernen, eigenständig Lösungsstrategien für verschiedene infektionsmedizinische Problemstellungen zu entwickeln. Zusätzlich wird ein Chatroom eingerichtet, in dem Fragen diskutiert und der Austausch mit Kollegen befördert wird.

VetMAB bietet darüber hinaus die Möglichkeit, die aktuelle Verbreitung resistenter Bakterien betriebsbezogen zu erfassen. Die teilnehmenden Tierärzte können die Laborergebnisse von Antibiotika-Resistenztestungen von bakteriellen Infektionserregern für alle von ihnen betreuten Tierbetriebe separat in einer Datenbank archivieren. Dies soll über eine Schnittstelle zu den Verwaltungsprogrammen in niedergelassenen Tierarztpraxen ohne größeren Aufwand möglich sein. Das versetzt den Tierarzt in die Lage, die Ergebnisse im Hinblick auf sein Verschreibungsverhalten im jeweiligen Betrieb zu analysieren.

Teilnehmen können Tierärzte über eine neue Homepage. Auf der Website sollen außerdem aktuelle Informationen, Verordnungen und Berichte zum Thema Antibiotikaresistenzen zur Verfügung gestellt werden. Zudem besteht auch die Möglichkeit, sich in speziellen Fragestellungen beraten zu lassen. Geplant ist, Lernmodule auch für Pferde- und Kleintierärzte anzubieten.