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Tierschutz in der medizinischen Forschung

Gemeinsame Vortragsreihe der Freien Universität, der Charité-Universitätsmedizin Berlin und des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin Berlin-Buch gestartet

09.10.2014

Wo kann auf Tierversuche verzichtet werden, und wo sind sie noch notwendig? Eine Vortragsreihe zum Tierschutz beschäftigt sich mit der Forschung zu Ersatzmethoden.
Wo kann auf Tierversuche verzichtet werden, und wo sind sie noch notwendig? Eine Vortragsreihe zum Tierschutz beschäftigt sich mit der Forschung zu Ersatzmethoden. Bildquelle: Anthony Bradshaw
(v.l.n.r.): H. Spielmann (Landestierschutzbeauftragter Berlin), J. Plendl (Freie Universität), A. Grüters-Kieslich (Dekanin der Charité), R. Dechend (Experimental and Clinical Research Center), M. Schäfer-Korting (Freie Universität)
(v.l.n.r.): H. Spielmann (Landestierschutzbeauftragter Berlin), J. Plendl (Freie Universität), A. Grüters-Kieslich (Dekanin der Charité), R. Dechend (Experimental and Clinical Research Center), M. Schäfer-Korting (Freie Universität) Bildquelle: Annika Middeldorf

Wie können die Bedingungen für Tierschutz in der medizinischen Forschung verbessert werden? Wo kann auf Tierversuche verzichtet werden, und wo sind sie noch notwendig? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt einer neuen, gemeinsam von der Freien Universität Berlin, der Charité-Universitätsmedizin Berlin und dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin Berlin-Buch getragenen Vortragsreihe über Tierschutz in der medizinischen Forschung. Zu der Auftaktveranstaltung hatte die Pharmakologie-Professorin und Erste Vizepräsidentin der Freien Universität Berlin Monika Schäfer-Korting kürzlich in den Blütensaal des Botanischen Museums geladen.

„Wir brauchen einen sachlichen Diskurs in der Gesellschaft“, sagte die Dekanin der Charité – Universitätsmedizin-Berlin, Professorin Annette Grüters-Kieslich, bei der Eröffnung der Vortragsreihe. Gemeinsam mit dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin Berlin-Buch und der Charité –Universitätsmedizin Berlin will die Freie Universität künftig jedes Jahr zu einem Diskussionsabend einladen. Die Auftaktveranstaltung widmete sich der Forschung zu Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. In zwei Fachvorträgen wurde erläutert, in welchen Bereichen die medizinische Forschung mit Ersatzmethoden zu Tierversuchen auskommt und wo diese bislang unersetzlich sind.

Blutgefäßwachstum in der Zellkultur untersuchen

Professorin Johanna Plendl vom Institut für Veterinär-Anatomie des Fachbereichs Veterinärmedizin der Freien Universität referierte über ihre tierversuchsfreie Forschung zu „In-vitro-Modellen der Bildung von Blutgefäßen“. Blutgefäße versorgen den Organismus mit Sauerstoff und Nährstoffen und sind an jeder Form von Wachstum beteiligt – auch am Wachstum von Tumoren. Bei der sogenannten Anti-Angiogenese versuchen Wissenschaftler, das Wachstum des Tumors zu hemmen, indem sie ihn von der Blutversorgung abschneiden. „Die einzelnen Schritte dieser komplexen Vorgänge können wir in vitro, also in Zellkulturen, sehr gut untersuchen“, erklärte Johanna Plendl.

Herz-Kreislauf-System nicht zu simulieren

Privatdozent Ralf Dechend vom Experimental and Clinical Research Center (ECRC), das die Charité – Universitätsmedizin Berlin und das Max-Delbrück-Centrum Berlin-Buch gemeinsam betreiben, stellte seine Forschung zu bluthochdruckbedingten Organschäden vor. Die komplexen Vorgänge des Herz-Kreislauf-Systems oder der Gefäßbildung ließen sich nicht in einer Zellkultur abbilden, sagte Ralf Dechend. Deshalb erforschen der Kardiologe und sein Team die blutdrucksenkenden Mittel auch an Tiermodellen (Ratten) mit genetisch bedingtem Bluthochdruck. Etwa ein Viertel der Weltbevölkerung leidet unter zu hohem Blutdruck. Für den Arzt ist die Blutdrucksenkung „eine der wichtigsten Interventionen, die wir leisten können“.

Eine Eins-zu-eins-Übertragung der Ergebnisse auf den menschlichen Organismus allerdings sei nicht möglich, darauf verwies der Landestierschutzbeauftragte von Berlin, Professor Horst Spielmann, in der anschließenden Diskussion. Es stelle sich die Frage, wie sich das Leid der Versuchstiere auf ein Minimum begrenzen lasse , solange Tierversuche für die medizinische Forschung noch nicht gänzlich verzichtbar seien, so Monika Schäfer-Korting.

„3R-Prinzip“: Reduce, replace, refine

International hat sich das „3R-Prinzip“ – reduce, replace und refine – etabliert. Danach sind Wissenschaftler dazu aufgefordert, Tierversuche möglichst zu vermeiden (reduce), Alternativen zu erforschen (replace) und die Experimente so zu gestalten und weiterzuentwickeln (refine), dass die Tiere möglichst wenig leiden, zum Beispiel durch Minimierung von Schmerz und Stress.

Die Lehre über die Anatomie, Physiologie und Haltung von Versuchstierarten sowie über die Leidensbegrenzung im Tierversuch ist Schwerpunkt der Versuchstierkunde. Diese müsse stärker in die medizinische Forschung am Tier einbezogen werden, betonten Johanna Plendl und Ralf Dechend übereinstimmend. Sie plädierten für ein übergeordnetes europäisches Modell, das es erlaube, Forschungsergebnisse der Versuchstierkunde zusammenzutragen und daraus verbindliche Regeln für Tierversuche ableiten zu können. Ralf Dechend forderte eine „stärkere interdisziplinäre und internationale Zusammenarbeit mit Veterinärmedizinern“.

Referenten und Zuhörer waren sich einig: Das Thema Tierschutz in der medizinischen Forschung muss auch in Zukunft weiter diskutiert werden – unter Wissenschaftlern und auch in der breiten Gesellschaft. „Lassen Sie uns zusammenarbeiten“, appellierte Monika Schäfer-Korting zum Abschluss der Auftaktveranstaltung.

Weitere Informationen

BB3R

Die Versuchstierkunde ist Teil des im Juli dieses Jahres eröffneten Forschungsverbundes „BB3R“ der Freien Universität, der Charité – Universitätsmedizin Berlin, der Technischen Universität Berlin, der Universität Potsdam, des Bundesinstituts für Risikobewertung und des Konrad-Zuse-Zentrums für Informationstechnik Berlin. Dabei steht „BB“ für die Region Berlin-Brandenburg, das Kürzel „3R“ für die Reduzierung (reduction), die Verbesserung (refinement) und den Ersatz (replacement) von Tierversuchen. Zu dem Verbundprojekt gehört auch ein Graduiertenkolleg, das Doktoranden erstmals die Chance eröffnet, sich systematisch und umfassend auf dem Gebiet des Tierschutzes in der Forschung zu qualifizieren.