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Hat der Kapitalismus ausgedient?

Die Ökonomen Giacomo Corneo und Theocharis Grigoriadis von der Freien Universität diskutierten Alternativen zur Sozialen Marktwirtschaft

11.09.2014

Welche Alternativen gibt es zum Kapitalismus? Darüber debattierten an der Freien Universität die Ökonomen Giacomo Corneo und Theocharis Grigoriadis.
Welche Alternativen gibt es zum Kapitalismus? Darüber debattierten an der Freien Universität die Ökonomen Giacomo Corneo und Theocharis Grigoriadis. Bildquelle: Freie Universität
Prof. Dr. Giacomo Corneo (am Pult), Juniorprof. Theocharis Grigoriadis und Prof. Dr. Barbara Fritz.
Prof. Dr. Giacomo Corneo (am Pult), Juniorprof. Theocharis Grigoriadis und Prof. Dr. Barbara Fritz. Bildquelle: Anja Mocek

Seit seinen frühen Anfängen wurde der Kapitalismus als Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung immer wieder kritisiert: Die Konzentration von Einkommen und Vermögen sei verantwortlich für die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft und Arbeitslosigkeit. Mit dem Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise ist diese Kritik wieder lauter geworden und die Sehnsucht nach einem gerechten und menschlichen System, das zugleich ebenso effizient wie der Markt ist, stärker. Im Rahmen der Vorlesungsreihe zur Wirtschaftspolitik am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der Freien Universität debattierten Giacomo Corneo, Professor für Öffentliche Finanzen, und Theocharis Grigoriadis, Juniorprofessor für Wirtschaft am Osteuropa-Institut, über mögliche Alternativen zum Kapitalismus.

Giacomo Corneo, der am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft das Promotionskolleg „Steuer- und Sozialpolitik bei wachsender Ungleichheit“ leitet, betonte, dass die Suche nach alternativen Wirtschaftssystemen in der öffentlichen Diskussion oftmals tabuisiert und nicht als seriöses Thema behandelt werde. Das sei „intellektuell feige“ und vor allem „politisch kontraproduktiv“. Ein alternatives Wirtschaftssystem muss Corneo zufolge einen doppelten Eignungstest bestehen: In erster Linie solle es die Menschen dazu motivieren, ihre ökonomischen Aufgaben zu erfüllen, das heißt, Kooperation sicherzustellen. In zweiter Linie sollten diese ökonomischen Aufgaben auch sinnvoll sein, was bedeute, eine effiziente, verschwendungsfreie Allokation – das heißt Verteilung von Gütern und Ressourcen – zu gewährleisten.

Schlüsselkriterien: Kooperation und Allokation

Zunächst erläuterte der Wirtschaftswissenschaftler, weshalb eine Reihe von alternativen, nicht marktorientierten Wirtschaftssystemen wie die allgemeine Gütergemeinschaft, der anarchistische Kommunismus, oder die Planwirtschaft an einem dieser beiden Testkriterien scheitern. Ebenso liege es mit Systemen wie der Selbstverwaltung, des Marktsozialismus, des bedingungslosen Grundeinkommens oder der Sozialerbschaft. Es zeige sich, dass Märkte für die Steuerung einer komplexen Volkswirtschaft unerlässlich seien.

Das einzige System, das beide Eignungskriterien erfülle – Kooperation und Allokation – sei ein sogenannter Aktienmarktsozialismus. Corneos Modell basiert einerseits auf einer Verstärkung des heutigen Wohlfahrtsstaates mit dem Ziel, mehr Effizienz, Großzügigkeit und bürgerliche Unterstützung zu gewährleisten. Und zweitens auf einem Wettbewerb zwischen demokratischer und kapitalistischer Steuerung von Großunternehmen. In diesem Modell stünden 51 Prozent des Kapitals der Großunternehmen im öffentlichen Eigentum und würden von einem sogenannten Bundesaktionär verwaltet. Die daraus erzielten Gewinne könnten in den Staatshaushalt fließen und so dem Gemeinwohl dienen. Das restliche Kapital solle wie bisher kapitalistisch gesteuert werden. Die Eigentumsstruktur, die im Wettbewerb (Maximierung der Shareholder Value) gewinnen würde, sollte die Wirtschaftsordnung letztendlich prägen. Sollte sich die Einrichtung eines Bundesaktionärs als effizienter erweisen, wäre Corneos Ansicht nach eine gerechtere Verteilung des Wirtschaftswachstums möglich.

Unter welchen Bedingungen wäre ein Wechsel des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems möglich?

Im Anschluss an den Vortrag diskutierte Professor Theocharis Grigoriadis vom Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin Corneos Modell. Er betonte die wichtige Rolle, die soziale Normen und etwa Altruismus bei der langfristigen Ressourcenverteilung spielten. Auch die kontroverse Frage einer Kombination von zentraler Marktwirtschaft und diversen Marktelementen beleuchtete er aus vergleichender Perspektive. Grigoriadis warf schließlich konkrete Fragen zu Corneos Entwurf auf, etwa zur Rolle der Geschäftsbanken, zur Sicherstellung der Liquidität oder zum Zusammenspiel von internationaler Steuerpolitik und demokratischen Institutionen.

Ökonomieprofessorin Barbara Fritz vom Lateinamerika-Institut der Freien Universität moderierte die Diskussionsrunde, an der sich auch das Publikum beteiligte. Die Effizienz von politischen Eingriffen, die Herausforderungen des Jahrhunderts – etwa die Entwicklung der Dritten Welt, der technologische Wandel oder die Umweltverschmutzung – sowie die konkrete Ausgestaltung des Übergangs zum Aktienmarktsozialismus wurden thematisiert. Im Mittelpunkt muss Corneo zufolge immer die Zufriedenheit der Menschen stehen sowie „ein gutes Leben, geleitet von Liebe und Erkenntnis“.

Für die Abkehr vom Kapitalismus und die Hinwendung zum neuen Modell Aktienmarktsozialismus bedürfe es nicht notwendigerweise internationaler Koordination: „auch Berlin allein kann das machen“, sagte Corneo.

Weitere Informationen

Kürzlich ist das Buch „Bessere Welt: Hat der Kapitalismus ausgedient? Eine Reise durch alternative Wirtschaftssysteme“ von Giacomo Corneo im Goldegg-Verlag erschienen.