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Geisteswissenschaften weltweit

Mitglieder des „Netzwerks Prinzipien kultureller Dynamik“ treffen sich vom 21. Juli bis 2. August zum "Global Humanities Campus"

21.07.2014

Im Netzwerk „Prinzipien kultureller Dynamiken“ werden Veränderungen in der Antike, im Mittelalter, in der Frühen Neuzeit und der Moderne erforscht.
Im Netzwerk „Prinzipien kultureller Dynamiken“ werden Veränderungen in der Antike, im Mittelalter, in der Frühen Neuzeit und der Moderne erforscht. Bildquelle: David Ausserhofer

Im Netzwerk Prinzipien kultureller Dynamiken erforschen europäische und amerikanische Wissenschaftler, welche Faktoren kulturelle Innovation auslösen, was diese beschleunigt, behindert oder zum Erliegen bringt. Betrachtet werden Veränderungen in der Antike, im Mittelalter, in der Frühen Neuzeit und der Moderne. Das am Dahlem Humanities Center der Freien Universität angesiedelte Thematische Netzwerk „Principles of Cultural Dynamics“ (PCD, Prinzipien kultureller Dynamiken) wurde vom Deutschen akademischen Austauschdienst (DAAD) gegründet, um die transnationale Forschung von Geisteswissenschaftlern zu stärken. In diesem Jahr findet der erste Global Humanities Campus des Netzwerkes statt, zu dem alle Beteiligten an der Freien Universität zusammenkommen. Campus.leben sprach mit dem französischen Philosophen und Netzwerk-Mitglied Jean-Marie Schaeffer.

Herr Schaeffer, worum geht es beim diesjährigen Global Humanities Campus?

Die Veranstaltung setzt sich aus einer zweiwöchigen Summer School und einem zweitägigen Workshop zusammen. Während der Summer School werden wir Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der kulturellen Dynamik von verschiedenen Gesellschaftsformen herausarbeiten. Wir betrachten dabei nicht nur Fälle aus der westlichen Kultur, sondern auch solche aus dem asiatischen Kulturkreis.

Der Workshop ist gewissermaßen eine Fortführung dieser Fragestellung. Hier wird es darum gehen, kreisförmige und geradlinige kulturelle Dynamiken miteinander zu vergleichen, sowohl zwischen verschiedenen Gesellschaften, als auch innerhalb einer Gesellschaft.

Gibt es bestimmte Themenschwerpunkte?

Die Themen sind breit gefächert und betreffen fast alle kulturellen Bereiche von Religion bis Politik. Lassen Sie mich zwei Schwerpunkte nennen. Das ist zum einen die Kunst, inklusive der Literatur, da Kunst, dank ihrer reflektierenden Verfassung, unter anderem ein Vexierpunkt, oder jedenfalls ein Durchgangspunkt fast aller kulturellen Fragestellung ist. Zum anderen stehen weltanschaulich-kognitive Fragen im Zentrum, denn kulturelle Dynamik ist nicht nur eine Frage sachbezogener Entwicklung, sondern wird immer auch von unseren Vorstellungen beeinflusst, die wir von Entwicklung haben.

Inwiefern werden die aus der Tagungsdiskussion gewonnenen Erkenntnisse „weiterverarbeitet“ werden?

In erster Linie besteht die „Weiterverarbeitung“ in einer breit gefächerten Anzahl von Fallstudien. Darüber hinaus trägt die Veranstaltung dazu bei, überholte Vorstellungen aufzubrechen: Im Westen sehen wir Vorzeit, Antike und Neuzeit als drei aufeinanderfolgende Abschnitte einer einzigen fortschreitenden teleologischen Entwicklung an. Dieser Annahme liegt ein Glauben an die Existenz einer durch die Geschichte hindurch immer gleich agierende Logik und Dynamik von „Fortschritt“ zugrunde. Die aus der Veranstaltung gewonnenen Erkenntnisse werden der Ausgangspunkt einer Neubefragung dieser Ansicht sein. Tatsächlich ist es nämlich so, dass die westliche Moderne ein Sonderweg ist, wie im Grunde jede gesellschaftliche Entwicklung ein Sonderweg ist. Allerdings wird der westliche Sonderweg heute von fast allen Gesellschaften eingeschlagen (eine an sich hochinteressante Tatsache). Damit geht jedoch nicht notwendigerweise eine Übernahme der spezifisch westlichen Wertsetzungen einher. Und genau das ist unser Thema: Gemeinsamkeiten und Differenzen gleichzeitig zu denken.

Hat der Campus einen aktuellen Bezug?

In unserer heutigen Welt spielt der Konflikt zwischen Globalisierung und individueller kultureller Selbstbehauptung eine große Rolle. In vielen Bereichen kollidiert die integrative Dynamik kultureller Globalisierung mit einem starken Differenzierungsbedürfnis, manchmal mit schwerwiegenden Folgen. Unsere Diskussion soll ein Betrag für eine differenziertere Betrachtung dieses Bereichs sein.

Welcher Stellenwert hat diese erste Zusammenkunft?

Das Treffen ist für alle beteiligten Institutionen sehr wichtig, da es nicht nur darum geht, die Machbarkeit des Projekts, sondern auch den wissenschaftlichen Mehrwert einer solchen internationalen Zusammenarbeit zu beweisen. Die Zusammenarbeit von Lehrenden und Forschern, die zum Teil aus sehr verschieden funktionierenden Lehr-und Forschungssystemen kommen, ist wichtig für die Zukunft der Geisteswissenschaften. Das Netzwerk ist eine einzigartige Gelegenheit, kulturell bedingte Differenzen bezüglich Fragestellungen, Methoden oder Themenschwerpunkten in einen Perspektivenpluralismus umzuwandeln und diesen in gemeinsamer Forschung innovativ weiterzuentwickeln. Wichtig ist dabei auch, dass Studierende aller Projektmitglieder an dieser gemeinsamen Tagung teilnehmen, und so direkt in die Forschung eingeführt werden und an ihrer Entwicklung teilnehmen.

Worum wird es in Ihren beiden Vorträgen gehen?

Mein Beitrag für die Summer School behandelt das komplexe Verhältnis zwischen künstlerischer Moderne und sozial-historischer Modernität. In diesem Zusammenhang werde ich mich mit dem irischen Schriftsteller James Joyce beschäftigen, dessen prosoziale Einstellung und Verteidigung des „common man“ als wahrer Held unserer Zeit besonders interessant ist. In meinem Beitrag zum Workshop werde ich das von dem französischen Ethnologen Claude Levi-Strauss entwickelte Konzept von kalten ("primitiven") und warmen ("progressiven") Gesellschaften analysieren, kritisch hinterfragen und in Zusammenhang mit den Fragestellungen unseres Netzwerkes bringen.

Die Fragen stellte Lena Pflüger