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Mutiger Künstler, wankelmütiger Mensch

Interview mit Biograf Peter Sprengel anlässlich des 150. Geburtstags des Dramatikers Gerhart Hauptmann

15.11.2012

Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Peter Sprengel hat eine vielgelobte Hauptmann-Biografie vorgelegt. Er ist auch an der Digitalisierung des Briefnachlasses des Dramatikers beteiligt, der in der Staatsbibliothek zu Berlin liegt.
Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Peter Sprengel hat eine vielgelobte Hauptmann-Biografie vorgelegt. Er ist auch an der Digitalisierung des Briefnachlasses des Dramatikers beteiligt, der in der Staatsbibliothek zu Berlin liegt. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Über Jahrzehnte beherrschte er das literarische Leben in Deutschland, er gilt als bedeutendster Vertreter des deutschen Naturalismus. Heute stehen seine Dramen nur noch gelegentlich auf dem Spielplan der Theater: Gerhart Hauptmann. Mit seinem revolutionären Drama „Die Weber“, das 1894 in Berlin uraufgeführt wurde, schaffte Hauptmann den Durchbruch. Ein Gespräch mit Peter Sprengel, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin und Hauptmann-Biograf, anlässlich des 150. Geburtstags des Dramatikers.

Herr Professor Sprengel, zu Lebzeiten gehörte Hauptmann zu den bekanntesten Deutschen. Sind Germanistik-Studierende heute noch mit seinem Werk vertraut?

Die meisten haben nur wenig Vorkenntnisse, am ehesten haben sie noch „Die Weber“ gelesen oder „Bahnwärter Thiel“. Aber ihr Interesse ist leicht zu wecken dank der konkreten, anschaulichen Wirklichkeit der Texte.

„Die Weber“ gilt gemeinhin als Hauptmanns größtes Werk – zu Recht?

Es ist zweifellos Hauptmanns innovativstes Stück – und überhaupt eines der innovativsten Stücke in der Geschichte der deutschsprachigen Literatur. Schon für den Mut, mit dem Hauptmann an den damaligen Erwartungen an ein Drama vorbeigeschrieben hat, gebührt ihm auch zu seinem 150. Geburtstag noch Respekt. Hauptmann arbeitete sich gründlich ein in das historische Material über den Weberaufstand von 1844, unternahm eine Studienreise und Zeugenbefragungen und eignete sich den Dialekt der schlesischen Weber an. Dann schrieb er über Monate ein Theaterstück, von dem er wusste, dass es keiner der Anforderungen entsprach, die damals an ein Drama gestellt wurden: Bei den „Webern“ gibt es keinen individuellen Helden, und die Schuldfrage kann nicht klar beantwortet werden. Und neu war die drastische Darstellung des Elends. 

Der „große Traum“ war für Hauptmann – so formulieren Sie es in Ihrer Einleitung – „mehr zu sein als ein Schriftsteller“. In der Tat galt er seinen Zeitgenossen nicht nur als großer Dramatiker, sondern auch als moralische Autorität. War er mit seiner Rolle zufrieden?

Hauptmann galt eine Zeitlang als Gewissen der Nation. Das war allerdings ein moralischer Anspruch, dem er nicht gewachsen war. Er träumte davon, die Welt zu verbessern, aber wenn er in ein konkretes politisches Projekt verwickelt wurde, zog er sich immer zurück. „Ein Künstler darf kein Politiker sein“, diese Maxime aus der Klassik und Romantik war auch seine.

Hauptmann erlebte verschiedene politische Umbrüche und war jedesmal ziemlich angetan von der neuen Staatsführung. Mit Reichspräsident Friedrich Ebert war er befreundet, von Hitlers Charisma – seinem „seltsamen und schönen Auge“ – zeigte er sich beeindruckt. Der spätere DDR-Nationaldichter und -Kulturfunktionär Johannes R. Becher erklärte ihn 1945 zum Wegbereiter des Sozialismus, und Hauptmann wehrte sich nicht. Was sagt diese Wandlungsfähigkeit über Hauptmann aus?

Hauptmann hatte keine klare politische Haltung. Friedrich Ebert war ein Autodidakt, ein Selfmademan, dafür hatte Hauptmann etwas übrig. Auch bei Hitler beruht ein Teil der Faszination, die 1933 die Lektüre von „Mein Kampf“ auf Hauptmann ausübt, auf dem Gespür, dass dies jemand sei, der sich durchgebissen hat. Er begrüßt Hitler als geniales Individuum und sieht gar nicht das Geflecht der politischen Interessen.

Ist diese Schwäche der Grund dafür, dass Hauptmann, der ja immerhin 1912 den Nobelpreis bekam, heute nicht mehr so populär ist?

Das ist sicher ein wichtiger Aspekt. Die Erwartungen an die soziale Verantwortung eines Schriftstellers sind heute höher als früher, nicht zuletzt durch die Reflexion über die verschiedenen Verhaltensweisen von Schriftstellern im Nationalsozialismus. Der Begriff des „inneren Exils“, der ja nach dem Krieg populär war, wurde mit der Zeit immer kritischer betrachtet. Es fand eine kollektive Entscheidung für die Autoren statt, die damals das Land verlassen haben. Da steht Hauptmann also eindeutig auf der Verliererseite.

Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit Hauptmann und gelten als größter Kenner seines Werkes. Angesichts Ihrer 848 Seiten starken Biografie stellt sich trotzdem die Frage, ob dies ihr letztes Wort zum Thema war.

Nach der Biografie ist vor der Biografie! Das Interesse bleibt sicher bestehen und wird auch von außen befördert. Wenn man sich bei einem Thema so engagiert, kommt man ja auch in eine Rolle hinein. Man wird als der Experte wahrgenommen, und es werden Anfragen und Aufträge an einen herangetragen. Dadurch fühle ich mich auch verantwortlich, zum Beispiel für die weitere Edition der Tagebücher.

Die Fragen stellte Bianca Schröder

Weitere Informationen

Buchvorstellung: Peter Sprengel „Gerhart Hauptmann. Bürgerlichkeit und großer Traum“

Es lesen Judith Hofmann und Alexander Khuon.

Zeit und Ort

  • 16. November 2012, 20 Uhr,
  • Deutsches Theater (Kammerspiele), Schumannstraße 13 a, 10117 Berlin (S-Bahnhof Friedrichstraße, U-Bahn: Oranienburger Tor)