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Wahrgenommene Wahrnehmung

Filmwissenschaftler Thomas Morsch untersucht die Medienästhetik des Kinos

06.03.2012

Verschiedene filmische Mittel, z.B. Licht- und Toneffekte oder die Bildschärfe, können laut Filmwissenschaftler Thomas Morsch dazu beitragen, dass das Filmerlebnis zu einer ästhetischen und körperlichen Erfahrung wird.
Verschiedene filmische Mittel, z.B. Licht- und Toneffekte oder die Bildschärfe, können laut Filmwissenschaftler Thomas Morsch dazu beitragen, dass das Filmerlebnis zu einer ästhetischen und körperlichen Erfahrung wird. Bildquelle: froodmat / photocase.com

Ein Raumschiff umtanzt grazil eine Raumstation zum Donauwalzer von Johann Strauß. Dazu bewegt sich eine Frau, durch beschwerte Schuhe am Boden gehalten, auf einen schlafenden Mann zu, dessen Arm in der Luft schwebt – Choreographien der Schwerelosigkeit. Stanley Kubrick erschuf mit seinem Science-Fiction-Film „2001 – Odyssee im Weltraum“ (1968) mit Oscar-gekrönten Spezialeffekten, intensiven Bildern und Orchestermusik eine Filmwelt, die, Filmwissenschaftler Thomas Morsch zufolge, eine „körperliche Erfahrung bedeutet“.

Der Juniorprofessor wagt einen Perspektivenwechsel: Für Morsch steht nicht die kognitive oder psychoanalytische Filmtheorie im Zentrum der Betrachtung, sondern der Körper oder „das Körperliche“. Er ist der Überzeugung, dass es möglich ist, einen Film nicht nur zu verstehen, sondern ihn körperlich zu begreifen. Wenn der Protagonist eines Films vom Dach eines Hochhauses falle, könnten wir diese Situation körperlich nachempfinden: „Weil wir einen Körper haben und wissen, was es heißt, einen Körper zu haben“, sagt Thomas Morsch.

Für den Filmwissenschaftler steht die Ästhetik im Vordergrund, die durch den Einsatz filmischer Mittel – zum Beispiel eine bestimmte Kameraführung, Bildschärfe, Entschleunigung, Lichtreflexe oder Toneffekte – entsteht und die Wahrnehmung des Zuschauers beeinflusst. Dazu gehört auch die Atmosphäre des Kinosaals, die ein anderes Filmerlebnis ermöglicht als ein DVD-Abend auf der heimischen Couch. „Ich verstehe ‚Film‘ als ‚wahrgenommene Wahrnehmung‘“, erklärt Morsch, „das heißt, dass etwas, das bereits durch die Kamera und die Mikrofone wahrgenommen wurde, ein zweites Mal durch uns als Zuschauer wahrgenommen wird.“

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In seiner Dissertation erklärt der Filmwissenschaftler Thomas Morsch den Zusammenhang von ästhetischer und körperlicher Erfahrung im Kino.
In seiner Dissertation erklärt der Filmwissenschaftler Thomas Morsch den Zusammenhang von ästhetischer und körperlicher Erfahrung im Kino. Bildquelle: Privat

Ästhetik der Fernsehserie

Morsch belegt seine Argumentation sowohl mit Beispielen aus dem frühen Kino um 1900 als auch dem avantgardistischen und experimentellen Film sowie Darstellungsweisen im Action- und Horrorfilm. Den Regisseur Philippe Grandrieux hebt er dabei als Vertreter des Experimentalkinos besonders hervor. Der französische Filmemacher spielt mit Bild und Ton, verzerrt Gesichter ins Unkenntliche, übersättigt Farben und setzt mit grellen Lauten überraschende Akzente. In Deutschland ist Grandrieux vor allem unter Cineasten bekannt, in Frankreich hat er sich dagegen nicht nur als Regisseur, sondern auch als Dozent an bedeutenden Filmhochschulen einen Namen gemacht. „Diese theoretische Reflexion ist in seinen Filmen spürbar“, sagt Morsch.

Spürbar ist auch die Begeisterung vieler Studierender für das neueste Projekt des Filmwissenschaftlers: Im Rahmen des Sonderforschungsbereichs „Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste“ forscht Morsch zur Ästhetik der Fernsehserie. Besonders interessieren ihn dabei Vertreter des sogenannten „Qualitätsfernsehen“. Morsch schließt sich damit einer aktuellen Strömung der Filmwissenschaft an, die der Fernsehserie in der Forschung eine immer größere Bedeutung beimisst. Mit Serien wie „The Wire“, „The Sopranos“, „Breaking Bad“ oder „Mad Men“ auf dem Seminarplan stößt Morsch bei den Studierenden auf großes Interesse. „Es war, als sei eine Art Knoten geplatzt.“ Die Begeisterung lasse sich vielleicht mit dem Bedürfnis vieler Studierender erklären, ihre private Leidenschaft wissenschaftlich zu reflektieren und zu bisher Gelerntem in ein Verhältnis zu setzen.

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