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Neue Wege in der Diabetes-Therapie

Annette Reuter promoviert am Graduiertenkolleg „Pfade organisatorischer Prozesse“

06.10.2010

Annette Reuter ist Doktorandin am DFG-Graduiertenkolleg "Pfade organisatorischer Prozesse" an der Freien Universität
Annette Reuter ist Doktorandin am DFG-Graduiertenkolleg "Pfade organisatorischer Prozesse" an der Freien Universität Bildquelle: Bastienne Schulz

Diabetes mellitus Typ II ist eine immer häufiger auftretende Zivilisationskrankheit, deren Spätfolgen sich immer früher zeigen. Sind ineffiziente Strukturen und Handlungsmuster bei Ärzten, Patienten oder innerhalb des Gesundheitssystems dafür verantwortlich? Annette Reuter untersucht in ihrer Promotion am Fallbeispiel der Diabetes-Behandlung die sozialwissenschaftlichen Hintergründe von ärztlichen Routinen.

Diabetes mellitus Typ II ist – anders als Typ I – nicht ererbt, sondern aufgrund fehlender Bewegung und unausgewogener Ernährung erworben. Die Patienten leiden oft an den Spätfolgen der Krankheit, die kostenintensiv sind und prinzipiell zu verhindern wären, wie Annette Reuter im Rahmen ihres Promotionsprojektes feststellte.

Die Soziologin promoviert seit 2008 am Pfadkolleg, das am Bereich Betriebswirtschaftslehre der Freien Universität Berlin angesiedelt ist. Untersucht werden hier Effizienz und Ineffizienz von Handlungsmustern – sogenannten Pfaden. „In den Abläufen und Strukturen des Gesundheitssystems habe ich eine Fülle von Beispielen zur Pfadabhängigkeit gefunden, zum Beispiel festgefahrene Prozesse“, erklärt Annette Reuter den Ansatz ihres Forschungsprojektes.

Sackgasse Diabetes-Behandlung?

So sei die Diabetes-Behandlung und -Versorgung verantwortlich für ineffiziente Situationen bei den Patienten. Annette Reuter, die vor ihrem Studium selbst als examinierte Krankenschwester tätig war, untersucht, was im Behandlungsalltag zwischen Patient und Arzt geschieht. Die Soziologin analysierte hierzu eine Verlaufsstudie, bei der die Daten von Diabetes-Patienten in Hausarztpraxen von 1989 bis 2009 ausgewertet wurden.

Reuter möchte herausfinden, ob Ärzte nach der Erstdiagnose eher Medikamente verordnen, statt dem Patienten die Chance zu eröffnen, die Erkrankung durch Umstellung der Ernährung und durch mehr Bewegung zu therapieren. Diese Routine der zu frühen Medikation wird Reuter zufolge vom Gesundheitssystem und der Industrie begünstigt.

Teamwork und ganzheitliche Pflege

Als möglichen Lösungsansatz aus dieser „Sackgasse“ heraus schlägt Annette Reuter vor, die Diabetes-Versorgung stärker als bisher in einem Teamkonzept zu organisieren. Ein Konzept, das Ärzte, Patienten, Pflegepersonal und Angehörige einbezieht und so in manchen Praxen schon teilweise existiert.

Außerdem solle die Pflege stärker professionalisiert werden, was im derzeitigen System bislang nicht möglich sei. Der Grund: Der bestehende gesetzliche Ausbildungsrahmen ließe beispielsweise eigenverantwortliche Entscheidungen von Pflegekräften nur eingeschränkt zu.

Darüber hinaus solle der individuellen eine populationsbezogene Versorgung der Vorzug gegeben werden, damit der bestehende ökonomische Anreiz für Ärzte wegfalle. Das ziele darauf ab, dass Ärzte wieder mehr „ausprobieren und auch die Eigeninitiative der Patienten angesprochen wird“, erklärt die Wissenschaftlerin. So könnte mehr Anreiz dafür geschaffen werden, das Auftreten von Spätfolgen von Diabetes mellitus Typ II auch ohne Medikation hinauszuzögern.

Pfadkolleg

Annette Reuter freut sich, ihre Promotion im Rahmen des Graduiertenkollegs schreiben zu können: „Das Kolleg ist ein Kleinod und liegt den Professoren Georg Schreyögg und Jörg Sydow am Herzen. Und das merkt man als Kollegiat.“ Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte interdisziplinäre Graduiertenkolleg „Pfade organisatorischer Prozesse“ besteht seit 2005 und ist als erstes sozialwissenschaftliches Programm 2007 unter dem Dach der Dahlem Research School der Freien Universität angesiedelt worden. Doktoranden unterschiedlicher Fachrichtungen untersuchen, wie bestimmte Handlungsmuster, sogenannte Pfade, entstehen, die oftmals eingefahren und nicht effizient sind, und wie sich diese wieder brechen lassen.

Weitere Informationen

Am Graduiertenkolleg „Pfade organisatorischer Prozesse“ werden für 2011 insgesamt 15 neue Doktorandenstipendien ausgeschrieben. Bewerbungsschluss ist der 31. Oktober 2010.