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Suche nach den verborgenen Emotionen

Wissenschaftler der Freien Universität Berlin erforschen die Gefühlswelt von Menschen mit Autismus

23.06.2009

Im Wissenschaftsmagazin fundiert (Ausgabe 2/2008) berichten die Autoren über die komplexe Welt der Emotionen
Im Wissenschaftsmagazin fundiert (Ausgabe 2/2008) berichten die Autoren über die komplexe Welt der Emotionen Bildquelle: Wissenschaftsmagazin fundiert "Emotionen"

Als der Schriftsteller Nick Hornby einen Titel suchte für ein Buch, das er seinem autistischen Sohn Danny widmen wollte, fiel ihm ein Lied des kanadischen Sängers Ron Sexsmith ein: „Speaking with the angel“. Ein Titel, der ihm „auf zu Herzen gehende Weise treffend“ schien, wie Hornby sagt. „Er beschreibt im Grunde eine autistische Eigenschaft: viel in den Himmel und in die Ferne schauen. Eine Art Kommunion mit etwas, das man nicht sehen kann."

Hornby, der sich in England für autistische Kinder engagiert und unter anderem eine spezielle Schule gegründet hat, kennt die Probleme der betroffenen Familien: Es ist häufig unmöglich, zu erkennen, was im Inneren autistischer Menschen vorgeht. Sie verfügen meist nicht über die Möglichkeit, Gefühle auszudrücken und haben umgekehrt auch Schwierigkeiten, emotionale Signale anderer zu erkennen und auf sie zu reagieren.

Diese Schwierigkeit zeigt sich besonders deutlich in ihrer Sprache: Obwohl zum Beispiel Menschen mit Asperger-Syndrom – einer Variante von Autismus – oft über einen normalen Wortschatz verfügen, reduzieren sie die Sprache auf Formales: Sie verwenden Wörter entsprechend ihrer lexikalischen Bedeutung und machen keinen Unterschied zwischen ironischer, ärgerlicher oder freudiger Sprechweise. Meist geben sie ihren Sätzen keine Betonung und variieren Klangfarbe, Lautstärke, Frequenz und Tonhöhe ihrer Stimme kaum.

Dass sie selbst ihre Emotionen nicht durch die Satzmelodie zum Ausdruck bringen, ließ Wissenschaftler bisher darauf schließen, dass autistische Menschen diese Botschaften bei anderen auch nicht aufnehmen und verstehen. Doch wie lässt sich genauer erforschen, ob und wie stark sie emotionale Signale verarbeiten, wenn sie sich schwer tun, Gefühle zu benennen? Forscher aus dem Cluster „Languages of Emotion“ der Freien Universität Berlin fanden einen Weg: Sie untersuchen, wie autistische Kinder und Erwachsene körperlich reagieren, wenn ihr Gegenüber die Stimme verändert.

„Es ist erwiesen, dass sich unsere Pupillen weiten, wenn wir Emotionen verarbeiten“, erklärt der Psychologe Lars Kuchinke, der das Projekt leitet. „Mit einem Blickbewegungsmessgerät beobachten wir deswegen, was in den Augen autistischer Menschen passiert, wenn ihnen die gleichen Sätze zum Beispiel mit freundlicher oder ärgerlicher Betonung vorgelesen werden.“ Mit diesem Verfahren lässt sich feststellen, ob sie die Affekte, die über die Klangfarbe der Wörter transportiert werden, verarbeiten – auch dann, wenn sie nur schwer zeigen oder sagen können, ob sie den Unterschied zwischen laut oder leise, scharf oder weich vorgetragenen Sätzen wahrnehmen. Ein weiterer Vorteil der Blickbewegungsmessung besteht darin, dass die Probanden keiner physischen Berührung ausgesetzt sind. „Weil sie häufig sehr empfindlich auf Berührungen reagieren, war es wichtig, eine Methode zu finden, bei der kein körperlicher Kontakt notwendig ist“, erläutert Julia Rivolier, die die Studie mit betreut.

Erste Ergebnisse zeigen, dass Menschen mit Autismus entgegen bisheriger Annahmen sehr wohl auf emotionale Inhalte ansprechen. „Für eine abschließende Beurteilung ist es aber noch viel zu früh“, meint Lars Kuchinke. „Wir haben bisher vor allem Daten von autistischen Erwachsenen und einer Kontrollgruppe erhoben. Wie Kinder reagieren, müssen wir erst noch genauer herausfinden.“

Um besser verstehen zu können, ob und wie autistische Mädchen und Jungen zwischen acht und zwölf Jahren emotionale Botschaften verarbeiten, suchen Lars Kuchinke und seine Mitarbeiter derzeit nach Kindern, bei denen ein High-Functioning-Autismus oder Asperger-Syndrom diagnostiziert wurde. Der Test dauert etwa zwei Stunden, findet an der Freien Universität Berlin statt und wird von Diplompsychologen betreut. Die Teilnehmer erhalten eine Aufwandsentschädigung.

Sollten Sie Interesse haben, stehen Ihnen Mitarbeiter des Fachbereichs Erziehungswissenschaft und Psychologie der Freien Universität unter der Telefonnummer (030) 838-57692 gern zur Verfügung.