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Antiretrovirale Therapie zur HIV/AIDS-Behandlung in Tansania

Projekt der Freien Universität erforscht Medikamentennutzung und -wahrnehmung durch Patienten im Spannungsfeld globaler Machtstrukturen und lokaler Handlungskompetenz

09.04.2009

Bild aus einer Informationsbroschüre zum Thema HIV/AIDS: Die Krankenschwester (links) rät der Patientin zu einer baldigen antiretroviralen Therapie.
Bild aus einer Informationsbroschüre zum Thema HIV/AIDS: Die Krankenschwester (links) rät der Patientin zu einer baldigen antiretroviralen Therapie. Bildquelle: Femina HIP, Tanzania

Wissenschaftler am Institut für Ethnologie der Freien Universität untersuchen in dem Forschungsprojekt „Die Antiretrovirale Therapie in Tansania“, welche sozialen Auswirkungen die bessere Versorgung der Patienten mit den nötigen antiretroviralen Medikamenten (ARVs) hat. Erforscht werden auch die globalen Machtstrukturen, die die Konfiguration und Wahrnehmung lokaler Behandlungsprogramme in der Region bestimmen.

Rund 68 Prozent der weltweit 33 Millionen HIV/AIDS-Erkrankten leben in den afrikanischen Staaten südlich der Sahara. Der Kampf gegen die Epidemie gehört mittlerweile zu den größten politischen Herausforderungen für die betroffenen Staaten. Zahlreiche Regierungen der Region richteten infolge der massiv gesunkenen Preise für ARV-Medikamente in den vergangenen Jahren Programme zur HIV/AIDS-Behandlung ein. Die tansanische Regierung begann Ende 2004 mit der kostenlosen Abgabe von ARVs in ausgewählten Regionalkrankenhäusern.

Das von Professor Hansjörg Dilger geleitete und von der Fritz-Thyssen-Stiftung geförderte zweijährige Forschungsprojekt am Institut für Ethnologie untersucht, wie die biomedizinischen Informationen über die Medikamente in den größtenteils transnational finanzierten Behandlungszentren übermittelt werden. An verschiedenen Orten in Tansania wird erforscht, wie sich die bessere Verfügbarkeit der Medikamente auf Prozesse der Stigmatisierung der betroffenen Menschen, sowie auf ihre Konzepte von Sexualität, Familie und Moral und ihren weiteren Lebensentwurf  auswirkt. Zum anderen  interessiert, ob durch eine verbesserte Versorgung mit ARV-Medikamenten die bisher geringe Bereitschaft in der Bevölkerung erhöht werden kann, sich einem HIV-Test zu unterziehen.

Medizinische Versorgung an der Grenze des Machbaren

Dominik Mattes, Mitarbeiter des Forschungsprojekts an der Freien Universität, ist seit September 2008 zur Feldforschung in Tanga, einer mittleren Großstadt an der nördlichen Swahiliküste Tansanias. Mattes konnte dort erste Einblicke in die oft problematische Situation gewinnen, der Personal und Patienten im Zusammenhang mit der antiretroviralen Therapie ausgesetzt sind. Der starke Zuspruch der Patienten bringt auch die engagiertesten Mitarbeiter der Behandlungszentren oft an die Grenzen der logistischen Machbarkeit. Individuelle Beratungsgespräche müssen auf das Nötigste reduziert werden, biomedizinische Informationen und Anweisungen zur Therapie können häufig nicht im persönlichen Gespräch, sondern nur im „Frontalunterricht“ vermittelt werden. Dabei müsste eigentlich noch wesentlich mehr Betroffenen geholfen werden: Ende 2007 hatten 165.000 Patienten die Behandlung mit ARVs aufgenommen – von etwa 527.000 Infizierten, die die Medikamente eigentlich benötigten.

ARV-Kapseln als Sinnbild für Hoffnung und Überlebenswillen

Die Patienten im Untersuchungsgebiet gehen mit der Therapie und den Medikamenten sehr unterschiedlich um.  Einige nehmen die Medikamente ungezwungen und offen ein, andere sehen sich aufgrund ihrer Krankheit selbst von engen Familienmitgliedern stigmatisiert und ausgegrenzt. Die schwierige wirtschaftliche Lage, vor allem Nahrungsmangel, stellt für viele ARV-Patienten eine ernste Herausforderung für den Therapieerfolg dar. Andererseits bietet gerade eine sich oft rasch einstellende körperliche Rekonstitution der vormals stark geschwächten AIDS-Kranken die Möglichkeit, sich durch ökonomische Kleinprojekte aus Abhängigkeitsverhältnissen zu lösen, wieder den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten und Aufgaben und Rollen als vollwertige Familien- und Gesellschaftsmitglieder zu übernehmen. Für viele sind die ARV-Kapseln daher zum Sinnbild von Hoffnung und Überlebenswillen geworden.