Ethnologie mit Gefühl

Wissenschaftlerin der Freien Universität erforscht die kulturelle Formung von Emotionen

23.03.2009

Die grundlegenden Gefühle wie Freude und Trauer kennt jeder Mensch. Doch wie diese Emotionen ausgeprägt werden, bestimmt die Kultur, in der man aufwächst.
Die grundlegenden Gefühle wie Freude und Trauer kennt jeder Mensch. Doch wie diese Emotionen ausgeprägt werden, bestimmt die Kultur, in der man aufwächst. Bildquelle: photocase / designritter

Die grundlegenden Gefühle kennt jeder Mensch: Angst und Freude empfinden zu können, ist angeboren. Doch an diesem Punkt enden die Gemeinsamkeiten auch schon: Denn wie diese Emotionen ausgeprägt werden, bestimmt die Kultur, in der ein Mensch aufwächst, sagt Birgitt Röttger-Rössler.

Es gibt Kulturen, in denen Trauer einfach ausgeblendet wird. Birgitt Röttger-Rössler, Professorin für Ethnologie am Exzellenzcluster "Languages of Emotion“ der Freien Universität, sagt, die Emotion erhalte in diesen Kulturen keinen „sozialen Raum“: Sie wird nicht ausgelebt, es existieren keine Trauerriten, es wird kein Totengedenken zelebriert, stattdessen gilt es, den Verlust eines Menschen schnell zu überwinden. In manchen Kulturen wiederum haben Bestattungen den Charakter fröhlicher Feste, gilt Freude als angemessene Ausdrucksreaktion im Todesfall. Was bedeuten solche kulturellen Konventionen für den Einzelnen, und wie prägen sie die Gefühle eines Kindes, das in einer solchen Kultur heranwächst? Trauern diese Menschen weniger als Mitglieder anderer Kulturen, in denen die Trauer zelebriert wird? Das sind einige der Fragen, denen Birgitt Röttger-Rössler, die im Rahmen des Exzellenclusters „Languages of Emotion“ über die Kulturspezifik des Gefühls forscht, nachgeht.

Emotionalität ist immer kulturell bedingt

Eine der wichtigsten Erkenntnisse dieser Forschung ist, dass es große kulturelle Differenzen in den Emotionen gibt, dass Emotionalität daher immer kulturell geprägt ist. Das ist ein Ergebnis, das die Emotionsethnologie in interdisziplinären Forschungsgruppen wichtig, aber auch oft zu einer Reibungsfläche macht. So etwa, wenn Birgitt Röttger-Rössler  im Exzellenzcluster „Languages of Emotion“ den neurologischen Kollegen zeigen kann, dass ihre mit großem apparativen Aufwand gewonnenen Einsichten nur für die Gegenwart und nur für Deutschland gelten und nicht absolut gesetzt werden können. „Wir verstehen uns aber dennoch gut“, sagt die Forscherin mit einem Lächeln.

Das Interesse am Forschungsfeld wächst

Diesem „relativistischen Blick“, wie Röttger-Rössler es nennt, fällt auch die „extreme Emotionalisierung“ auf, die seit etwa zehn Jahren in Deutschland um sich greift. Ebenso lange beschäftigt sich auch die Ethnologie mit Gefühlen. In den USA handelt es sich bereits um einen größeren Forschungszweig, in Deutschland gehört die Forscherin zu den Pionieren auf diesem Feld. Entsprechend gut besucht sind ihre Lehrveranstaltungen bei Studierenden, entsprechend viele Promotionsanfragen gehen bei der Professorin mit diesem Schwerpunkt ein – selbst aus dem Ausland.

Künftig will Birgitt Röttger-Rössler das Thema noch stärker in der Lehre verankern. Aktuell bereitet sie ein Forschungsprojekt im Rahmen des Exzellenzclusters vor. Gemeinsam mit einem Psychologen arbeitet sie zur „Sozialisation von Emotionen“ in drei Volksgruppen in Madagaskar, Indonesien und den Philippinen.