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Die Wale unter den Pflanzen

Wassergewächse haben ihren nassen Lebensraum erst nach und nach erobert

Von Gesche Hohlstein

Sumpf- und Wasserpflanzen faszinieren: Sie sind gleichsam die Wale unter den Pflanzen, denn die sogenannten höheren Wasserpflanzen kommen ursprünglich vom Lande und haben sich, ähnlich wie die Meeressäuger, ihren nassen Lebensraum sekundär erobert. Der Schritt von der terrestrischen Lebensweise „zurück“ ins Wasser erfolgte sogar mehrmals und voneinander unabhängig in verschiedenen Pflanzenfamilien. Dennoch lebt nur etwa ein Prozent der höheren Pflanzen im Wasser.

Das Wasser ist für alle Lebewesen essenziell. Doch wie leben Pflanzen, wenn es das kostbare Nass im Überfluss gibt? Oft findet man bei Sumpf- und Wasserpflanzen ähnliche morphologische, physiologische und biochemische Anpassungen an das bewegliche Wassermilieu. Weil das Wasser strömt und sich der Wasserstand im Laufe der Zeit hebt und senkt, sind Wasserpflanzen vorzugsweise biegsam und bilden nur wenige Festigungselemente aus. Die Wurzeln dienen vorrangig der Verankerung, die Wurzelsysteme sind sehr klein oder nicht voll entwickelt. Während Landpflanzen Mineralien und Feuchtigkeit normalerweise durch ihr Wurzelwerk aufnehmen, beziehen Wasserpflanzen ihre Nahrung meist über den Spross.

Das Hauptproblem für wasserliebende Pflanzen ist die ausreichende Sauerstoff-Versorgung der atmenden Organe, denn die Löslichkeit von Sauerstoff in Wasser ist nur sehr gering und zudem temperaturabhängig. Süßwasser enthält nur 0,5 bis ein Prozent der Sauerstoffmenge des vergleichbaren Volumens Luft. Hinzu kommt, dass die Diffusion von Gasen in Flüssigkeit sehr gering ist. Daher weisen Unterwasserblätter oft eine sehr große Oberfläche auf. Spezielle Schwimmblätter reichen in den Luftraum, und manchmal fungiert ein schwammartiges Durchlüftungsgewebe als Luftspeicher, wie etwa im Blattstiel der Seerosen.

Obwohl die Pflanzen im Wasser leben, nutzen sie diesen Lebensraum nur sehr selten, um ihren Pollen zu den Narben transportieren zu lassen. Die Blüten tauchen oft über die Wasseroberfläche empor und werden dort vom Wind oder von Insekten bestäubt. Die meisten Wasserpflanzen produzieren eine Vielzahl an Samen, die zudem eine sehr lange Keimfähigkeit besitzen und Trockenzeiten mitunter über mehrere Jahre überdauern können.

Fast immer sorgen Wat- und Wasservögel für die Verbreitung der Samen und Früchte. Diese bleiben mit ausgetrocknetem Schlamm am Gefieder der Tiere haften und werden weitertransportiert. So erobern die Wasserpflanzen neue Lebensräume. Es ist daher nicht verwunderlich, dass mitunter dieselben Pflanzenarten sowohl an einem See in Schweden als auch an einem Gewässer in Spanien zu finden sind. Die Feuchtbiotop-Vegetation ist in Europa floristisch so einheitlich wie kein anderer Vegetationstyp sonst.

Einen guten Einblick in diesen feuchten Lebensraum bietet der Sumpf- und Wassergarten des Botanischen Gartens der Freien Universität Berlin. Dort können etwa 200 verschiedene Pflanzenarten der Moore, Seen und Küsten entdeckt werden. Aber auch an vielen anderen Standorten im Botanischen Garten wachsen Sumpf- und Wasserpflanzen, so zum Beispiel in den Gewächshäusern, im Bereich der Pflanzengeographie und im alten Wassergarten. Der aktuelle Staudenmarkt widmet sich ebenfalls dem Lebensraum Wasser und seiner faszinierenden Pflanzenwelt. In einer Sonderschau geht es dabei auch um das beruhigende und kühlende Element Wasser als Teil der Gartengestaltung.