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Mehr als nur schmückendes Beiwerk

Kunsthistoriker und Didaktiker der Freien Universität vermitteln „Bildung durch Bilder“ an Schulen

11.02.2015

Museum statt Klassenzimmer: Schülerinnen und Schüler der Berliner Beethoven-Schule besuchten im Rahmen des Projekts „Bildung durch Bilder“ die Gemäldegalerie in Berlin – und wären am liebsten dort geblieben.
Museum statt Klassenzimmer: Schülerinnen und Schüler der Berliner Beethoven-Schule besuchten im Rahmen des Projekts „Bildung durch Bilder“ die Gemäldegalerie in Berlin – und wären am liebsten dort geblieben. Bildquelle: Schleußner/Beethovenschule

Ludwig XIV. ist ein mächtiger Mann. Die linke Hand in die Hüfte gestemmt, darunter ein mit Edelsteinen verziertes Schwert am Gürtel und umgegeben von Marmor und Purpur. So zumindest hat sich der französische „Sonnenkönig“ um 1700 auf Leinwand verewigen lassen. Für die aktuellen Vertreter der Macht mögen die Inszenierungen aus der Zeit des Absolutismus zu dick aufgetragen sein. Aber wie zeigen sich die „Herrschenden“ heute? Wie lässt sich etwa der Bundespräsident fotografieren, wo doch ein Bild auch heute mehr sagt als tausend Worte?

Fragen wie diese sind Gegenstand des Transferprojekts „Bildung durch Bilder“ der Kolleg-Forschergruppe „BildEvidenz. Geschichte und Ästhetik“. Zunächst für drei Jahre von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert, vermitteln darin Kunsthistoriker und Fachdidaktiker der Freien Universität Berlin Bild- und Medienkompetenz an Schulen in Berlin und Brandenburg. An sechs Gymnasien sollen die Schülerinnen und Schüler neben der ästhetischen Wirkung der Bilder auch deren geschichtliche, kulturelle und gesellschaftliche Dimensionen kennenlernen und diese kritisch hinterfragen.

„Wir wollen bei den Schülern ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Bilder nicht nur Beiwerke von Texten sind, sondern einen ganz eigenen Stellenwert haben“, sagt Klaus Krüger, Professor für Kunstgeschichte an der Freien Universität und Leiter des Projekts. In gemeinsamen Seminaren entwickeln Studierende der Kunstgeschichte und angehende Lehrer für Geschichte und Deutsch Methoden, um im Schulunterricht Bildkompetenzen zu vermitteln – und zwar nicht nur im Fach Kunst, sondern auch in Deutsch und Geschichte, sofern es zum regulären Lehrstoff passt.

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Klassische Lektüre lässt sich neu interpretieren

Für die Kunsthistoriker war der Klassenraum bislang ein eher unbekanntes Terrain, weil die Disziplin kein Schulfach ist und über keine eigene Didaktik verfügt. „Wir sind deshalb sehr froh, dass wir die Fachdidaktiken Geschichte und Deutsch der FreienUniversität als Projekt-Partner gewinnen konnten“, sagt Kunsthistorikerin Karin Kranhold, die das Projekt organisatorisch und konzeptionell betreut.

Für Martin Lücke füllt dasTransferprojekt eine Leerstelle in der Geschichtsdidaktik und im Geschichtsunterricht: „Bilder werden in der Unterrichtspraxis, aber auch in vielen Schulgeschichtsbüchern häufig noch als bloße Abbildungen von Vergangenheit verwendet“, sagt der Professor für Geschichtsdidaktik. „Ihr Quellenwert wird dabei nur selten diskutiert, geschweige denn ihre kunstgeschichtliche Dimension.“ Auch Elisabeth Paefgen, Professorin für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien Universität, plädiert schon lange dafür, die Bedeutung des Bildes stärker in den Unterricht einzubeziehen. Gut eigne sich etwa das Fach Deutsch: „Klassische Lektüre wie Theodor Fontanes Effi Briest oder Thomas Manns Buddenbrooks lässt sich anhand des Gemäldes ImWintergarten von Édouard Manet neu interpretieren“, sagt Paefgen. Das Bild von 1879 zeigt ein nachdenkliches Ehepaar, das distanziert voneinander wirkt. Es eigne sich gut als Ergänzung bei der Interpretation der Ehekonflikte und Paarbeziehungen, die in den literarischen Werken eine Rolle spielen.

Der Grundstein für das Transferprojekt ist bereits 2006 gelegt worden. Damals wurde das von der Robert Bosch Stiftung geförderte Projekt „Denkwerk Kunstgeschichte“ ins Leben gerufen – ein Kooperationsvorhaben mit 14 Schulen in Berlin und Brandenburg, an dem etwa 1500 Schüler der Jahrgangsstufen 5 bis 12 in insgesamt mehr als 60 Projekten teilnahmen. „In den fünf Jahren, die das Denkwerk-Projekt lief, haben wir ausgelotet, wie die Zusammenarbeit zwischen dem Kunsthistorischen Institut und Schulen funktionieren kann“, berichtet Karin Kranhold. Die Unterrichtseinheiten reichten vom wissenschaftlichen Vortrag in der Schulaula über die architekturhistorische Erkundung des Schulgebäudes bis zu Exkursionen zum Schloss Charlottenburg oder in die Berliner Museen. Bei Schülern und Lehrern kam das Projekt so gut an, dass Klaus Krüger nach einer Exkursion die Berliner Gemäldegalerie alleine verlassen musste: „Die Schüler wollten einfach noch länger bleiben.“

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Die Schüler wollten das Museum gar nicht mehr verlassen

Bei dem aktuellen Projekt wollen die Kunsthistoriker und Fachdidaktiker auch die unmittelbare Lebenswirklichkeit der Jugendlichen mit einbeziehen: Musikvideos, Fotografien oder amerikanische TV-Serien sollen ebenso besprochen werden wie religiöse Karikaturen in Zeitungen. „Hier könnte man die Geschichte der Bilderverbote oder des Bildersturms in der Zeit der Reformation thematisieren“, sagt Krüger. Dabei wurden etwa Gemälde mit Darstellungen von Heiligen und andere Kunstwerke aus Kirchen entfernt, teilweise auch zerstört. Junge Menschen könnten so auch für das kulturelle Erbe sensibilisiert werden, sagt Krüger. Es sei immer wieder großartig, „wenn Schüler diesen Aha-Moment haben und beginnen, ihre Umgebung plötzlich anders wahrzunehmen“.


Am Projekt beteiligte Schulen

Beethoven-Schule (Lankwitz)
Ernst-Haeckel-Gymnasium (Werder/Havel)
Hildegard-Wegscheider-Gymnasium (Grunewald)
Königin-Luise-Stiftung (Dahlem)
Melanchthon-Schule (Hellersdorf)
Schulfarm Insel Scharfenberg (Reinickendorf)

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