Hautmodell statt Mausmodell

Wissenschaftler der Freien Universität Berlin wollen den Tierschutz in der Forschung voranbringen. Ein Gespräch mit Pharmakologin Monika Schäfer-Korting

Kaum ein Thema ist in der öffentlichen Meinung so umstritten wie Tierversuche. Die einen halten sie für unverzichtbar, die anderen für überflüssige Quälerei. Doch dieWissenschaft ist auf der Suche nachAlternativen. Eine der Einrichtungen, an denen dazu geforscht wird, ist die Freie Universität Berlin. Am Institut für Pharmazie arbeitet Professorin Monika Schäfer-Korting mit ihrem Team nicht nur an der Entwicklung von Hautmodellen als Ersatz für Tierversuche. In einem regionalen Forschungsverbund sollen nun auch Nachwuchswissenschaftler systematisch alternative Testverfahren erforschen und eine breite Qualifikation auf dem Gebiet erlangen. Außerdem soll der öffentliche Diskurs über dasThema vorangetrieben werden, indem die Freie Universität künftig einmal im Jahr zu einem öffentliche Tierschutzforum einlädt. Christa Beckmann sprach mit der Pharmakologin über bisherige Erfolge, aktuelle Pläne und künftige Herausforderungen.

Das Ende der Tierversuche? Wissenschaftler der Freien Universität Berlin arbeiten daran.
Das Ende der Tierversuche? Wissenschaftler der Freien Universität Berlin arbeiten daran. Bildquelle: istock_sidsnapper

Frau Schäfer-Korting, die Freie Universität plant, ein Tierschutzforum ins Leben zu rufen. Was ist der Hintergrund?

Berlin ist einer der großen Standorte für Biowissenschaften in Deutschland. Hier gibt es Arzneimittelfirmen und wissenschaftliche Einrichtungen, die zum Beispiel an neuen Medikamenten forschen und dafür auch auf Tierversuche zurückgreifen. Solche Versuche sind vorgeschrieben, weil der Mensch vor Schäden durch Arzneien oder Chemikalien geschützt werden muss. Gleichzeitig stehen Tierversuche aber aus ethischen Gründen in der Kritik und gelten zum Teil als wissenschaftlich problematisch, weil ihre Ergebnisse nicht immer eins zu eins auf den Menschen übertragen werden können. Die Suche nach alternativen Testmethoden, bei denen etwa Computersimulationen, Zellen oder Organmodelle eingesetzt werden, wächst deshalb. Das ist ein riesiges Spannungsfeld – wissenschaftlich, ethisch und rechtlich. Mit dem Tierschutzforum möchten wir die Bevölkerung über Möglichkeiten und Grenzen solcher Ersatzmethoden für Tierversuche aufklären und zu einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema einladen.

Was erwartet die Besucher der Veranstaltung?

Gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern, der Charité und dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin-Buch, laden wir immer zwei Referenten ein. Einer berichtet über Forschungen, für die heute noch Tierversuche erforderlich sind, der andere über Forschungen, mit deren Hilfe diese Tierversuche ersetzt werden könnten. Sie selbst arbeiten seit mehreren Jahren daran, Ersatzmethoden für Tierversuche zu entwickeln.

Was ist da bereits möglich?

Ich arbeite seit 1994 mit Hautzellen. Damals entstanden neue methodische Möglichkeiten und das Bewusstsein für ethische Probleme stieg. Die Bundesregierung richtete die Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch (ZEBET) ein, mit der wir seit vielen Jahren eng kooperieren. Und Deutschland wie die Europäische Union drängten darauf, Tierversuche bei der Entwicklung von Kosmetika zu minimieren. Seit 2013 sind Tierversuche für die Herstellung von Kosmetika in Europa gänzlich verboten. Stattdessen wird nun an Modellen menschlicher Haut geforscht. Die Methoden dafür haben unter anderem Wissenschaftler der ZEBET und wir hier an der Freien Universität entwickelt.

Wie funktionieren diese Hautmodelle?

Menschliche Hautzellen werden zunächst in der Zellkultur stark vermehrt und dann mit speziellen Methoden zu einem Zellverband aufgebaut. Bei Kontakt mit der Luft bildet dieser Zellverband eine Hornschicht aus, die der Oberfläche der menschlichen Haut ähnelt. Daran kann zum Beispiel getestet werden, ob eine Substanz die Haut zerstört oder reizt, ob sie zusammen mit ultravioletter Strahlung toxisch wirkt, ob sie das Erbgut schädigt oder Allergien auslöst. An der Freien Universität untersuchen wir hier insbesondere, ob und in welchem Maße ein Fremdstoff über die Haut in den Körper gelangt und wie dieser in der Haut verstoffwechselt wird.

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Professorin Monika Schäfer-Korting ist Pharmakologin und Erste Vizepräsidentin der Freien Universität Berlin.
Professorin Monika Schäfer-Korting ist Pharmakologin und Erste Vizepräsidentin der Freien Universität Berlin. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Sie entwickeln aber auch Modelle für Hauterkrankungen.

Ja, mit den Techniken können wir auch Modelle für Hautinfektionen und -entzündungen oder für Tumore erzeugen. Und sogar für genetisch bedingte Hauterkrankungen. Es ist uns gelungen, in Hautzellen das Filaggrin-Gen auszuschalten. Menschen, bei denen dieses Gen mutiert ist, können an Hauterkrankungen wie Neurodermitis oder einer Schuppenflechte leiden. Wir haben zeigen können, dass dieser Gendefekt zu einer fehlerhaften Anordnung der schützenden Hautfette führt. Dadurch können Umweltsubstanzen in die Haut eindringen und sie schädigen, was dann etwa Neurodermitis zur Folge hat. Durch das Ausschalten des Gens erzeugen wir also ein Modell für einen krankheitsauslösenden Gendefekt und können daran die Wirksamkeit von Medikamenten testen. Das Ganze ist natürlich ein sehr aufwendiger Prozess, und es hört sich einfacher an, als es in der Realität ist.

Die Freie Universität Berlin hat im vergangenen Monat einen Forschungsverbund zum Thema Ersatzmethoden mit dem etwas mysteriösen Namen „BB3R“ eröffnet. Was verbirgt sich hinter dem Kürzel?

Das Kürzel BB3R steht für Berlin-Brandenburg und die drei englischen Begriffe Reduction, Refinement und Replacement. Das heißt, es geht um Forschungen zu Alternativmethoden in der Region, mit denen Tierversuche reduziert, schonender gestaltet beziehungsweise ganz ersetzt werden sollen. Zum BB3R gehört auch ein neues Graduiertenkolleg, in dem Doktoranden erstmals die Gelegenheit bekommen, sich systematisch und umfassend auf diesem Forschungsgebiet zu qualifizieren. Die Absolventen werden später in verschiedenen Berufsfeldern arbeiten und tragen auf diese Weise zum Beispiel dazu bei, in Behörden und Verwaltungen die erforderliche Kompetenz zu erhöhen, um Anträge für Tierversuche richtig bewerten zu können oder auch die Politik zu beraten. An der Freien Universitä Berlin, der Universität Potsdam und der Charité wird zu diesem Thema außerdem jeweils eine Juniorprofessur eingerichtet. Wir erhoffen uns viel von dem Verbund. Leider ist das Projekt – trotz der Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung – finanziell nur bis 2017 gesichert.

Weil wir gerade beim Blick in die Zukunft sind:Welche weiteren Forschungsziele verfolgen Sie?

Es wäre wunderbar, wenn es uns gelänge, ausgehend von Stammzellen und dem Einsatz von nochmals effizienteren Möglichkeiten der Zellvermehrung und -konservierung individuell unterschiedliche Hautmodelle zu entwickeln und vergleichend zu testen. Auch wir Menschen sind biologisch verschieden und reagieren ganz unterschiedlich zum Beispiel auf Medikamente. Mit solchen Modellen ließen sich gezielte Aussagen treffen, etwa über Unterschiede in der Wirksamkeit von Arzneistoffen.

Werden Tierversuche irgendwann einmal überflüssig sein?

Ich denke, dass sie weniger bedeutsam sein und weniger häufig zum Einsatz kommen werden. Ob Tierversuche einmal gänzlich ersetzt werden können, bezweifle ich aber. Gerade in der Medizin sind viele Prozesse derart komplex, dass die Alternativversuche in der Lage sein müssten, komplizierte Stoffwechselprozesse bis hin zu kompletten und sich wechselseitig beeinflussenden Organen zu simulieren. Aber inzwischen gibt es dazu immer mehr Forschung, zu der auch die Bioinformatik beitragen kann, die zunehmend in der Lage ist, komplexe Signalketten in silico zu modellieren, also am Computer.

Neue Vortragsreihe Tierschutz in der medizinischen Forschung

Kooperation zwischen Freier Universität, Charité – Universitätsmedizin Berlin und Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin.

Themenschwerpunkt 2014: Forschung zu Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems

Zeit und Ort

  • Mittwoch, 24. September 2014, 19 bis 20.30 Uhr
  • Freie Universität Berlin, Blütensaal im Botanischen Museums, 2. OG, Königin-Luise-Straße 6-8, 14195 Berlin

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