Mit Obama ins Labor

Ein interdisziplinäres Projekt untersucht die Redekunst des amerikanischen Präsidenten.

16.10.2012

Als Barack Obama Anfang September auf dem Parteitag der Demokraten seine „Acceptance Speech“ hielt, sahen fast 36 Millionen Menschen zu. Die Rede war der bislang größte politische Moment im sozialen Netzwerk Twitter mit mehr als 52 700 Kurznachrichten pro Minute. Ohne Zweifel: Die Redekunst des amerikanischen Präsidenten begeistert. Doch was genau wirkt hier auf das Publikum? Das wollten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eines interdisziplinären Forscherteams am Exzellenzcluster Languages of Emotion herausfinden.

Als Material nahmen die Philologen und Psychologen die letzte „Acceptance Speech“, die Barack Obama, damals noch Senator in Illinois und Hoffnungsträger der Demokraten, im Jahr 2008 hielt. „Obama redet lehrbuchhaft“, sagt Christine Knoop, die als Literaturwissenschaftlerin am Cluster Languages of Emotion an der rhetorischen Analyse beteiligt war. Deshalb eignen sich seine Reden auch so gut für die interdisziplinäre Rhetorikforschung: Sie setzen in Szene, was bereits seit 2500 Jahren in der rhetorischen Theorie gelehrt wird.

Anstelle der hochemotionalen Stimmung während der Rede auf dem Parteitag fand das Experiment unter nüchternen Gegebenheiten statt – in einem Labor. Dort mussten die Testpersonen auf den Vortragsstil und die Stimme Obamas verzichten. Die Rede wurde im Experiment gelesen. Verringert das nicht die Wirkung einer Rede erheblich – Buchstaben statt Charisma des Redners? „Ja, durchaus“, sagt der Projektleiter Oliver Lubrich, Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Bern, „aber es kommt uns auf einen ganz bestimmten Aspekt an, den wir experimentell erforschen wollen.“ Obamas Reden seien „bis ins kleinste Detail sprachlich durchgestaltet“.

Und es sind solche „kleinsten Details“, die im Labor unter die Lupe genommen werden: die rhetorischen Figuren. Wie wirken Alliterationen, also Gleichklänge am Wortanfang, Anaphern, also Wortwiederholungen am Satzanfang oder Wiederholungen gleicher Bindewörter, sogenannte Polysyndeta? „Solche formalen Mikrostrukturen werden seit Jahrhunderten verwendet, um Texte ästhetisch ansprechend, emotional bewegend und inhaltlich überzeugend zu machen“, erläutert Oliver Lubrich. Doch wie konnten die Wissenschaftler empirisch herausfinden, inwiefern diese Strukturen tatsächlich funktionieren?

Die Wissenschaftler verstehen ihr Experiment als Pilotprojekt, mit dem ausgelotet werden soll, wie Rhetorik überhaupt im Labor untersucht werden kann. Es ist Teil einer größeren Versuchsreihe zu „affektiven und ästhetischen Prozessen beim Lesen“.

Um zu messen, wie Obamas Text ohne bestimmte Stilmittel wirkt, wurden diese systematisch „deaktiviert“. So wurden zwei weitere Fassungen der Rede erstellt, die inhaltlich keinen Unterschied zeigen, aber viel weniger sprachliche Figuren haben und entsprechend eine geringere rhetorische Dichte aufweisen. Außerdem wurde der Text der 45-minütigen Rede in elfzeilige Segmente zerlegt, die eine standardisierte Befragung der Probanden erlauben. „Im Experiment müssen wir so viele Faktoren wie möglich kontrollieren“, erklärt Ulrike Altmann. Die Neurowissenschaftlerin hat in diesem Prozess eng mit den Geisteswissenschaftlern zusammengearbeitet.

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Als Testpersonen wurden in Berlin lebende US-amerikanische Staatsbürger gesucht. Eine Gruppe bekam die Originalrede zu lesen, zwei weitere Gruppen jeweils eine der „de-rhetorisierten“ Fassungen. Die Ergebnisse wurden verglichen, um zu ermessen, inwiefern die Wirkungen politischer Sprache von deren formalen Figuren abhängen.

Die Teilnehmer mussten die Wirkung des Textes bei ihrer Lektüre kontinuierlich bewerten, sodass sich eine Kurve der rhetorischen Wirkungen ergab. Gleichzeitig wurden physische Reaktionen geprüft: Veränderungen des Hautleitwiderstands und feinste Bewegungen der Gesichtsmuskulatur geben Aufschluss über möglicherweise unbewusste Effekte. Vorab wurden Fragen zur Persönlichkeit der Probanden und zu ihren politischen Einstellungen gestellt, damit die Daten später auch im Hinblick auf soziodemografische Faktoren ausgewertet werden konnten.

Die meisten Teilnehmer fanden das Experiment sehr spannend. Viele wunderten sich aber, warum die Berliner Wissenschaftler nicht einfach die Reden deutscher Politiker untersuchten, berichtet Ulrike Altmann. Sie konnten sich offenbar nicht vorstellen, dass die Reden der Bundeskanzlerin nicht in ähnlicher Weise ausgefeilt seien wie die ihres Präsidenten. Wichtige politische Reden sind in den USA Ereignisse. Sie werden im Fernsehen oder im Internet angeschaut, „getwittert“ und in Zeitungen dokumentiert. Reden können Politik machen, das zeigt nicht zuletzt das Beispiel Obamas. Als Obamas Kandidatur vor dem Scheitern stand, nachdem radikale Aussagen seines früheren Pastors aufgetaucht waren, rettete er sich mit einer Rede: Seine „Rassenrede“ zum Zusammenleben schwarzer und weißer Amerikaner war entscheidend für seine Nominierung, sagt Oliver Lubrich, und zwar aufgrund ihrer rhetorischen Qualität. „Es war ungemein kunstvoll, wie er hier Antithesen entwickelte, um sie durch Alliterationen zu überbrücken und so bereits klanglich zu vermitteln: Er ist imstande, durch seine Person und mit seiner Politik die Gegensätze der USA zu versöhnen.“

Die diesjährige Bewerbungsrede auf dem Parteitag hingegen sei rhetorisch viel weniger schillernd gewesen, meint Lubrich. Auch ein geringerer rhetorischer Feinschliff könne aber bewusst gewählt sein, um eine nüchterne, demütige Haltung zu zeigen. Möglicherweise wolle Obama dem Vorwurf begegnen, er könne nur schöne Worte machen – ein Vorwurf, der die Redekunst seit 2500 Jahren begleite.

Obamas politische Gegner versuchen den Wissenschaftlern zufolge, sich durch einen weniger geschliffenen Stil als Personen darzustellen, die vermeintlich geradeheraus reden. Eine Anti-Rhetorik, die sich übrigens besonders bei konservativen deutschen Politikern wie Angela Merkel oder früher bei Helmut Kohl finde, wie Lubrich betont. Für experimentelle Zwecke ist es viel leichter, eine gute Rede rhetorisch gezielt zu entzaubern, als eine schlechte im Nachhinein aufzupolieren, sagt Christine Knoop. Im Projekt habe man das an einer Rede des Ex-Präsidenten George W. Bush ausprobiert, die nur halb so viele Figuren enthält wie eine entsprechende Rede Obamas. Insofern sind Barack Obamas Präsidentschaft und seine Redekunst ein Glücksfall für die interdisziplinäre Rhetorikforschung.

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