Nachwuchsförderung am JFK

Die Graduiertenschule für Nordamerikastudien

04.12.2007

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Joschka Fischer stand während der Eröffnungsveranstaltung Rede und Antwort – gemeinsam mit der Professorin Ulla Haselstein, Direktorin der Graduate School of North American Studies. Bildquelle: Ulrich Dahl

Die Plätze im Audimax der Freien Universität reichten nicht aus. Mehr als 1.200 Zuhörer drängten sich in dem Hörsaal im Henry-Ford-Bau, als die Graduiertenschule für Nordamerikastudien Anfang November mit einem Festakt eröffnet wurde. Es war gleich in doppelter Weise eine außergewöhnliche Eröffnungsfeier. Denn die „Graduate School of North American Studies“ des John-F.-Kennedy-Instituts ist nicht nur ein Projekt der Freien Universität, das bereits in der ersten Runde des Exzellenzwettbewerbs von Bund und Ländern im vergangenen Jahr als besonders förderungswürdig anerkannt wurde. Mit Joschka Fischer hatte die Hochschule auch einen prominenten Festredner gewinnen können.

Der ehemalige Bundesaußenminister wusste sein Publikum zu fesseln. Unter dem Titel „Europa und Amerika: Über die Zukunft einer schwierigen Freundschaft“ beklagte Fischer einen „transatlantischen Drift“ seit dem Ende des Kalten Krieges: auf der einen Seite die starke und mittlerweile alleinige Supermacht USA, auf der anderen Seite ein schwaches, vielstimmiges Europa. Um das transatlantische Verhältnis auch weiterhin partnerschaftlich gestalten zu können, müsse sich der alte Kontinent als geeintes Europa präsentieren, beschwor Fischer in seiner Rede, in der er sich auch mit dem neuen Rollenverständnis Amerikas in den globalen Machtverhältnissen auseinandersetzte.

Analyse des amerikanischen Freiheitsideals

Ein Thema, das auch im Mittelpunkt der Forschung an der neuen Graduiertenschule stehen wird. Gerade nach den Ereignissen des 11. Septembers und vor dem Hintergrund einer globalisierten Welt sind kulturelle Traditionen wie das amerikanische Freiheitsideal und die Bedeutung demokratischer Werte in den USA und Kanada vor besondere Herausforderungen gestellt. Als zentraler Wert der amerikanischen Gesellschaft fungiert Freiheit als eine Leitidee, die seit der Gründung der amerikanischen Nation immer wieder als Motor sozialer und kultureller Veränderungen gewirkt hat.

Zugleich ist sie aber Ausgangspunkt immer neuer Debatten darüber gewesen, welche ökonomischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen für die Realisierung von Freiheit notwendig sind und wie sie am besten gegen anarchische und tyrannische Bedrohungen geschützt werden kann. In den USA haben neuere Entwicklungen zu einer Debatte um die Neuausrichtung und Neudefiniton von Demokratie und Freiheit geführt, die von einem sich herausbildenden konservativen Konsens getragen wird. Der Aufstieg der USA zur alleinigen Supermacht und der notfalls auch gewaltsame Export demokratischen Gedankenguts hat dem Kampf um die Gestaltung des Freiheitsgedankens zwischen liberalen und konservativen Kräften neue Intensität verliehen. Die weitreichenden Konsequenzen dieser Entwicklung für das Selbstverständnis der USA und die normativen und institutionellen Grundlagen des internationalen Systems bilden die Horizonte der Forschung an der Graduiertenschule. Dass diese Forschung an einer universitären Einrichtung außerhalb Nordamerikas stattfindet, bietet darüber hinaus die Chance einer vergleichenden Außenperspektive. Die „Graduate School of North American Studies“ wird über fünf Jahre mit rund einer Million Euro jährlich im Rahmen der Exzellenz-Initiative gefördert. Unter dem Titel „The Challenges of Freedom“ werden mit der neuen Doktorandenausbildung jedes Jahr elf gutdotierte und auf drei Jahre Förderung angelegte Promotionsstipendien international ausgeschrieben.


Zur feierlichen Eröffnung der Graduiertenschule hielt der ehemalige Bundesaußenminister Joschka Fischer die Eröffnungsrede.
Quelle: Ulrlich Dahl

Promotionsstipendien werden international ausgeschrieben

Eine Chance haben dabei nur exzellente Forschungsprojekte, beispielsweise das historische und gegenwärtige Selbstverständnis der USA, die Entwicklung der Medienlandschaft, die Problematik der illegalen Immigration, die neoliberale Wirtschaftspolitik oder die zeitgenössische Kunst- und Literaturproduktion der USA und Kanadas. Die Bibliothek des Kennedy-Instituts, die über die größten und wichtigsten amerikakundlichen Bestände Europas verfügt, bietet den Stipendiaten Zugang zur relevanten Fachliteratur.
Der in Deutschland einmalige Zuschnitt des Instituts ermöglicht die besondere Breite förderungswürdiger Promotionsthemen. Denn dort arbeiten Vertreter dreier geistes- und dreier sozialwissenschaftlicher Fächer seit Jahrzehnten in Forschung und Lehre zusammen: Literaturwissenschaft, Kulturwissenschaft, Geschichte, Politische Wissenschaft, Soziologie und Wirtschaftswissenschaft.
Nach der erstmaligen Ausschreibung der Stipendien im November 2006 und der Auswahl der ersten elf Stipendiaten im April 2007 hat die Graduiertenschule vor wenigen Wochen ihren Lehrbetrieb aufgenommen. Dafür wurde eine in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kennedy-Institut gelegene Dahlemer Villa zu einem „Graduate Center“ ausgebaut, in dem Seminar-, Arbeits- und Aufenthaltsräume untergebracht sind.

Kurze Wege und direkte Kommunikation

Diese räumliche Konzentration sorgt für kurze Wege und direkte Kommunikation. Und Kommunikation wird großgeschrieben. Denn nach amerikanischem Vorbild wird das Verfassen der Doktorarbeit von einem differenzierten Lehrprogramm begleitet, das ganz auf die Bedürfnisse der Promovierenden angelegt ist: die Stipendiaten setzen sich in Seminaren mit den für ihre jeweilige Disziplin charakteristischen Forschungsmethoden auseinander, werden aber auch an die Praxis interdisziplinärer Arbeit herangeführt und mit den Perspektiven anderer Disziplinen konfrontiert. Amerikanische und kanadische Gastprofessoren beteiligen sich am Lehrprogramm. Ein weiterer wichtiger Bereich der Lehre sind Kurse und Workshops, in denen schriftliche und mündliche Präsentationstechniken von Forschungsergebnissen systematisch entwickelt werden. Am Ende des ersten Jahres müssen die Doktoranden eine internationale Graduiertenkonferenz selbstständig planen und ausrichten. Kurz vor Fertigstellung der Dissertation werden die Stipendiaten schließlich Gelegenheit erhalten, Seminare im Bachelor-Programm des Instituts zu halten. Die Stipendiaten erfahren in der Graduiertenschule eine intensive Betreuung. Für jeden wird individuell ein Mentorenteam zusammengestellt, dem drei Professoren aus unterschiedlichen Disziplinen angehören.
Derzeit sind neben den sechs Professorinnen und Professoren des Kennedy-Instituts weitere zwölf Hochschullehrer aus verschiedenen geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern der Freien Universität an der Graduiertenschule beteiligt.

Mentorenteam für Stipendiaten

Sie alle stehen als Mentoren zur Verfügung und kommen mit den Stipendiaten regelmäßig zu Beratungsgesprächen zusammen. Namhafte wissenschaftliche Institutionen aus Berlin und Brandenburg unterstützen die Stipendiaten bei ihren Forschungsvorhaben. In ähnlicher Form haben die American-Studies-Programme amerikanischer Partneruniversitäten wie Harvard, Yale, Stanford, Brown oder North Carolina eine Zusammenarbeit mit der Graduiertenschule vereinbart.



James Dorson
Quelle: Bernd Wannenmacher

Ein Graduierter am JFK

Der Literaturwissenschaftler James Dorson, 29, freut sich auf Interviews mit großen Autoren und darauf, in Berlin deutsch zu lernen: „Einer meiner Dozenten in Kopenhagen hat mir empfohlen, an diesem Programm der Freien Universität Berlin teilzunehmen. Bei mir kommen privates und wissenschaftliches Interesse zusammen. Meine wissenschaftliche Arbeit an der Graduate School geht der Frage nach, wie sich große politische Themen in der amerikanischen Literatur wiederfinden – zum Beispiel der Krieg gegen den Terror. Man kann diesen Begriff als „Erzählung“ der Politik verstehen, die eine allgemeine Stimmung nach dem 11. September beschreibt. Die Literatur macht daraus individuelle Geschichten, sie erzählt von Personen. Mich interessiert zum Beispiel, wie der 11. September oder die Globalisierung die Romanfiguren von Philip Roth oder Don DeLillo beeinflussen. Gerne würde ich dazu einige Autoren interviewen – auch wenn Roth und DeLillo eigentlich keine Interviews geben. Vielleicht klappt das ja bei Autoren wie Ken Kalfus oder Jonathan Franzen, mal sehen. Als amerikanisch-stämmiger Däne kann ich neben meinen Forschungen in Berlin auch noch Deutsch lernen – die Muttersprache meiner Freundin aus Tirol. Vor meinem Aufenthalt in Berlin war ich noch für fünf Monate in China, um dort als Englisch-Lehrer zu arbeiten. Aber jetzt freue ich mich, hier zu sein.