Beate Schultz-Zehden: Wie wandelt sich Sexualität im Alter?

Wie wandelt sich Sexualität im Alter?

Das Sexualleben älterer Frauen – ein tabuisiertes Thema

von Beate Schultz-Zehden

Sexualität im Alter, insbesondere das Sexualleben älterer Frauen, ist in unserer auf ewige Jugend eingestellten Gesellschaft ein tabuisiertes Thema. Viele Frauen erleben Altern mit einer kontinuierlichen sexuellen Entwertung, die von Sorgen um die eigene Attraktivität, abnehmender Leistungsfähigkeit, diversen Erkrankungen und Beschwerden begleitet ist – beeinflusst vom gesellschaftlichen „double standard of aging“, was bedeutet, dass Frauen im Gegensatz zu Männern früher als unattraktiv, alt und asexuell wahrgenommen werden. Die hormonelle Umstellung mit dem Beginn der Wechseljahre sowie die Zunahme allgemeiner Erkrankungen wurden bisher überwiegend als Ursachen für die Veränderungen im Sexualleben verantwortlich gemacht. Wovon aber Qualität und Quantität weiblicher Sexualität nach den Wechseljahren abhängt, ist ein unfreiwillig gehütetes Geheimnis vieler Frauen.

Erstaunlicherweise existieren nur wenige Studien über die weibliche Sexualität im Alter. Bislang haben vor allem amerikanische Forscher das Sexualleben älterer Frauen untersucht, während im deutschsprachigen Raum nur Einzelfallstudien oder Untersuchungen an kleineren Stichproben mit häufig unterschiedlichen Ergebnissen, jedoch keine repräsentativen Studien durchgeführt wurden. Im Vordergrund stand dabei vor allem die Frage nach der Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs, was aber weder der weiblichen Sexualität noch der Lebenswelt älterer Frauen Rechnung trägt. Relativ selten wurden Fragen nach dem individuellen sexuellen Erleben sowie den sexuellen Bedürfnissen allgemein, dem sexuellen Genuss, der Orgasmusexistenz und -häufigkeit gestellt. Es lässt sich aber feststellen, dass im Durchschnitt sexuelle Interessen und Bedürfnisse im Alter erhalten und Frauen bis ins hohe Alter sexuell genuss- und orgasmusfähig bleiben, wenngleich ein Rückgang der Libido und der sexuellen Aktivität mit zunehmendem Alter unbestritten scheint. Bislang wurde dies auf Veränderungen während der hormonellen Umstellungsprozesse zurückgeführt. Dabei kann auch eine Reihe von anderen Ursachen mitverantwortlich sein, die nicht nur körperliche, sondern vor allem psychologische und soziologische Gründe sowie die Partnerschaft allgemein betreffen. Dazu zählen:

  • Internalisierte Vorurteile gegenüber der Sexualität der älteren Frau.
  • Befangenheit, Hemmung der Lust durch das Erleben des körperlichen Alterungsprozesses, Scham und sexueller Rückzug als mögliche Reaktion auf eine Kränkung durch das gesellschaftliche Schönheitsideal der jungen und sexuell attraktiven Frau.
  • Gründe seitens des Partners (z.B. sexuelle Funktionsstörungen, gesundheitliche Probleme, Libidoverlust, Kränkungen), wobei Frauen häufig dazu neigen, die Gründe für sexuelle Probleme zunächst bei sich selbst und nicht beim Partner zu suchen.
  • Die Abnahme der Verfügbarkeit eines Sexualpartners, bedingt durch die demographische Entwicklung.
  • Libidoverlust im Zusammenhang mit Depressionen sowie depressiver Verstimmtheit.
  • Hormonelle Veränderungen in der Postmenopause, die z.B. zu einer Atrophie der Genitale und somit zu Lubrikationsmangel und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr führen können.
  • Andere gesundheitliche Probleme bei der Frau oder beim Partner, die mit dem Alter zunehmen.

Ältere Menschen erleben sexuelle Bedürfnisse mitunter schamhaft oder als unpassend, vor allem wenn der Partner altersbedingte Schwierigkeiten hat. Obwohl befriedigende Kontakte für beide Partner möglich wären, führt das fehlende Gespräch zwischen den Partnern mitunter zur völligen Aufgabe sexueller Begegnungen.

In einer repräsentativen Befragung haben 521 Frauen im Alter zwischen 50 und 70 Jahren einen umfangreichen Fragebogen zur Sexualität anonym beantwortet. Diese bundesweite Untersuchung erfasste nicht nur das aktuelle Sexualleben – sexuelles Verhalten und Erleben – von Frauen im höheren Erwachsenenalter, sondern fragte auch nach den Veränderungen der gelebten Sexualität.


Abbildung 1: Wunsch nach sexuellen Kontakten

Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Das Ergebnis der Befragung widerlegte die weit verbreitete Ansicht, dass das sexuelle Verlangen mit Beginn der hormonellen Umstellung deutlich abnimmt. Das Spektrum der sexuellen Bedürfnisse reicht vielmehr vom täglichen Wunsch nach sexuellem Kontakt bis hin zur völligen Ablehnung. Zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr wünschen sich die befragten Frauen durchschnittlich mehrmals im Monat Sex, zwischen 65 und 70 Jahren hingegen möchte die Hälfte aller Frauen gar keine sexuelle Beziehung mehr (siehe Abb. 1).

Allerdings war der Wunsch nach sexuellen Kontakten größer als die tatsächlich gelebte Sexualität. Vorhandene sexuelle Bedürfnisse bleiben demnach bei einigen Frauen nicht befriedigt. Wie Frauen im Alter mit Sexualität umgehen, ist sicher auch von deren jeweils individuellen Biographien abhängig.

Gründe für sexuelle Inaktivität

Mit zunehmendem Alter nimmt nicht nur die Häufigkeit, sondern auch die Anzahl der Frauen mit sexuellem Verkehr ab. So erlebt ein Viertel der 50- bis 55–Jährigen nach eigenen Angaben keine aktive Sexualität, bei den 65 bis 70-Jährigen waren es bereits 66 Prozent. In diesem Alter gibt nur noch jede dritte Frau an, sexuell aktiv zu sein (siehe Abb. 2).

Hierfür existieren die unterschiedlichsten Gründe: Viele Frauen leben ohne Partner und die Möglichkeit, einen neuen Partner zu finden, ist in vielerlei Hinsicht schwierig, da Männer in der Regel früher sterben und nur noch ein Drittel der allein lebenden Frauen bereit ist, sich erneut zu binden. Außerdem reduzieren Erkrankungen, der Verlust des Partners sowie generelle Beziehungsprobleme die Libido der Frauen – mit der Folge, dass einige Frauen in ihrer sexuellen Beziehung unbefriedigt bleiben.

Manche Frauen nutzen das Älterwerden, um sich von der Verpflichtung zu sexuellen Aktivitäten zu befreien: Über die Jahre hinweg ist es zu einer Form der Abnutzung der Partnerschaft gekommen oder sie haben jahrelang ohne Lust sexuell verkehrt und nehmen sich jetzt die Freiheit der sexuellen Verweigerung.


Abbildung 2: Sexuelle Aktivität – Koitushäufigkeit

Qualität der sexuellen Begegnung

Sowohl die sexuelle Lust als auch ein befriedigendes Sexualleben – so lässt sich aus der Befragung schlussfolgern – korrelieren mit der Qualität der Partnerschaft und mit der Qualität des Sexuallebens in früheren Jahren, wobei die Befriedigung in der Sexualität nicht primär von der Quantität der Aktivitäten, sondern der Qualität der sexuellen Begegnung abhängig gemacht wird. Während die Häufigkeit des sexuellen Verkehrs mit zunehmendem Alter an Wichtigkeit verliert, nimmt die Bedeutung der Zärtlichkeit in der Sexualität zu, auch im Hinblick darauf, sexuelle Lust zu entwickeln. Die Schriftstellerin Vicki Baum (1962) schrieb einst dazu: „Wenn man älter wird, lässt dieses Feuer ja ohnehin nach, es wärmt einen, aber es verbrennt einen nicht mehr.“

Ein zweiter Frühling

Einige Frauen fühlen sich durch Entlastungen der Menopause freier in der Sexualität. Der Wegfall der monatlichen Regelblutungen und der Menstruationshygiene, die Befreiung von Verhütungsproblemen und der Furcht vor unerwünschten Schwangerschaften beleben das Sexualleben ebenso neu wie der Auszug der Kinder aus dem Elternhaus. Diese Frauen haben mehr Zeit, genießen die Spontaneität in der Sexualität und müssen keine Rücksicht mehr auf ihre Kinder nehmen. Auch eine als glücklich eingeschätzte Partnerschaft und nur wenige Sexualprobleme in der Vergangenheit spielen dabei eine wichtige Rolle, da eine Frau, die in der Vergangenheit gelernt hat, ihr Sexualleben zufrieden stellend zu gestalten, es mit größerer Wahrscheinlichkeit auch noch mit zunehmendem Alter genießen kann.

Sexuelle Freuden haben auch im Alter vor allem jene Frauen, die eine positive Einstellung zur Sexualität und Interesse an sexuellen Aktivitäten zeigen, wobei es weniger um die Quantität als vielmehr um die Qualität der sexuellen Begegnung geht. Es existiert ein signifikanter Zusammenhang zwischen Selbstannahme und positiver Haltung dem eigenen Körper gegenüber und einer als befriedigend erlebten Sexualität. Das setzt sowohl ein stabiles Selbstbewusstsein voraus (sich beispielsweise nicht von den vorherrschenden Schönheitsnormen negativ beeinflussen zu lassen), als auch einen Partner, der die Frau und ihren Körper in sexueller Hinsicht wertschätzt.

Da individuelle Erfahrungen in jeder Phase des Lebens zum Abbruch sexueller Begegnungen oder zu einer neuen Erfahrung und Bereicherung des Sexuallebens führen können, helfen vornehmlich positive Sexualerfahrungen älteren Frauen, sich nicht von negativen gesellschaftlichen Wertmaßstäben entmutigen zu lassen.

Eine neue Generation von Frauen, die sich von traditionellen Verhaltensmustern stark distanzieren konnten, rückt jetzt ins mittlere und höhere Lebensalter vor. Zu den Erfahrungen dieser Frauen gehört die Einführung der „Pille“ in den 60er Jahren, mit der sie ihre reproduktive Biographie selbst bestimmter gestalten konnten, die vermehrte Beteiligung am Berufsleben, die sie unabhängiger (vom Mann) leben ließ, sowie die sexuelle Liberalisierung. Frauen dieser Generation haben sich ihre Rolle in der Gesellschaft neu erkämpft und dementsprechend wünschen sie sich, nicht aufgrund ihres Älterwerdens benachteiligt und auch nicht als asexuell betrachtet zu werden.

Die Studie gibt Hinweise darauf, dass sich möglicherweise Veränderungen im Bereich des sexuellen Verhaltens der Frauen ergeben haben. Es fand sich eine kleinere Gruppe von so genannten „sexuell emanzipierten“ Frauen zwischen 50 und 65, die über ein äußerst erfülltes und befriedigendes Sexualleben berichteten. Sie sind sexuell besonders aktiv, ergreifen zum Teil häufiger als ihr Partner die Initiative im Sexualleben und übernehmen anstelle des passiven Parts auch immer mehr eine aktive Rolle (siehe Abb. 3).


Abbildung 3: Gründe für sexuelle Inaktivität

Bei dieser Gruppe von Frauen fiel auf, dass sie mit ihrem Partner über ihre Sexualität, eigene Bedürfnisse, Wünsche oder Probleme besser sprechen konnten als die übrigen Frauen in der Untersuchungsgruppe. Laut eigener Angaben hatte sich im Sexualleben dieses insgesamt sehr offenen und kommunikativen Frauentyps im Vergleich zu jüngeren Jahren nichts verändert. Einige der Befragten befanden sich allerdings noch in einer jüngeren Beziehungsphase oder lebten in räumlicher Distanz zu ihrem Partner.

Wir wissen, dass für Frauen, unabhängig vom Alter, das Artikulieren und Ausleben eigener sexueller Wünsche vielfach problematisch ist. In jeder Altersgruppe begegnen wir dem Phänomen, dass Frauen Ängste entwickeln können, wenn sie sich in der Sexualität aktiv verhalten:

  • die Angst, gegen tradierte Rollenvorstellungen zu verstoßen.
  • die Angst vor dem eigenen weiblichen Begehren.
  • die Scham, sich zu offenbaren, wenn die eigene Lust größer ist als die des Partners.
  • die Angst vieler Frauen vor Ablehnung und Liebensverlust, wenn sie sich sexuell sehr aktiv zeigen.

Der gesellschaftliche Wandel hat es erst ermöglicht, dass weibliche Sexualität im Alter überhaupt zur Kenntnis genommen wird. Das beinhaltet auch, mehr über sexuelle Entfaltungsmöglichkeiten älterer Frauen nachzudenken, beziehungsweise neue Wertmaßstäbe zu entwickeln. Ebenso wie gleichaltrige Männer, deren Falten und das Ergrauen des Haares eher als Zeichen der Reife gelten und die sich zuweilen jüngeren Partnerinnen zuwenden, dürften nun auch Frauen keinen gesellschaftlichen Sanktionen mehr unterliegen, wenn sie sich einen jüngeren Partner suchen. An den demographischen Gegebenheiten oder der Feminisierung der älteren Bevölkerung wird sich wohl kaum etwas ändern, es sei denn, die durchschnittliche Lebenserwartung des Mannes würde sich zukünftig verlängern.

Leider mangelt es derzeit noch an ausreichenden Beratungsangeboten speziell für ältere Frauen. Viele Angebote richten sich gezielt an jüngere Frauen, wenn es beispielsweise um Fragen rund um die Schwangerschaft oder um einen Schwangerschaftsabbruch geht. Gynäkologinnen können aber gerade für ältere Frauen wichtige Ansprechpartnerinnen sein. Aber nur etwa jede vierte Frau, die in der untersuchten Altersgruppe überhaupt noch einen Frauenarzt oder eine Frauenärztin aufsucht, redet offen über sexuelle Fragen und in der Mehrzahl der Fälle sind es auch die Frauen selbst, die das Thema ansprechen.

Jede Frau hat eine individuelle Sexualentwicklung und Erfahrungen – ihr Alter allein sagt nichts über ihre Wünsche, sexuellen Bedürfnisse oder Probleme aus. Einfühlsame Aufklärung ist zur Entwicklung von mehr sexueller Selbstbestimmung unabdingbar, um auch im Alter Sexualität lustvoll und befriedigend zu erleben.