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Vom Ende der Standardsprache

Lange hat es gedauert, bis eine normierte Form des Deutschen feststand. Wie sich unsere Sprache trotzdem verändert, damit beschäftigen sich Wissenschaftler der Freien Universität

08.10.2014

Noch vor ein paar Jahren waren es vor allem Anglizismen, die Kritikern Kopfzerbrechen bereiteten: Sie prophezeiten den Verfall des Deutschen. Heute ist die Gesellschaft noch vielfältiger und vielsprachiger geworden. Doch bedeutet das wirklich den Anfang vom Ende des Deutschen? Nein, sagt Linguist Matthias Hüning vom Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien Universität. Und erklärt in diesem Beitrag, warum die deutsche Sprache vom „Verfall“ weit entfernt ist.

Sprache ist in einem ständigen Wandel und wird von vielen Seiten beeinflusst: Allein in Berlin werden schätzungsweise 300 unterschiedliche Sprachen gesprochen
Sprache ist in einem ständigen Wandel und wird von vielen Seiten beeinflusst: Allein in Berlin werden schätzungsweise 300 unterschiedliche Sprachen gesprochen Bildquelle: photocase/Tinvo http://www.photocase.de/foto/193952-stock-photo-rot-kunst-armut-schriftzeichen-kommunizieren-kultur

Vor einigen Jahren veröffentlichte der niederländische Sprachwissenschaftler Joop van der Horst von der Katholieke Universiteit Leuven eine Monografie mit dem provozierenden Titel Das Ende der Standardsprache. In diesem Buch beschreibt er die Entstehung der europäischen Standardsprachen als ein gewaltiges kulturelles Projekt, das seinen Anfang in der Renaissance nahm und das jetzt – so Van der Horst – seinem Ende entgegengeht.

Die frühe Neuzeit gilt vielen, etwa dem britischen Historiker Peter Burke, als das „Zeitalter der Entdeckung von Sprache“. Damit ist nicht die Sprache als Kommunikationsmittel gemeint, sondern unser Konzept von Sprache. In dieser Zeit gab es das Bedürfnis nach Sprachen, die die engen lokalen Grenzen der gesprochenen Dialekte überschritten und die zu allgemeinen Sprachen ausgebaut werden konnten. Kodifizierung und Normierung waren wesentliche Bestandteile dieser Entwicklung: Es entstanden Wörterbücher und normative Grammatiken, und die Rechtschreibung wurde mit der Zeit immer stärker reglementiert und festgelegt.

Standardsprachen-Ideologie und Superdiversität

Die europäischen Standardsprachen haben sich in den vergangen Jahrhunderten langsam zu einheitlichen Kultursprachen entwickelt und sind zudem durch die Koppelung von Sprache und Staat zu Nationalsprachen geworden. Die Hochschätzung dieser Standardsprache hat im 19. und 20. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreicht, zunächst in Bezug auf die Schriftsprache, dann immer mehr auch als Ideal für die gesprochene Sprache. Der gesellschaftliche Status und das Prestige der Standardsprachen nahmen zu, sodass Sprache und Standardsprache im 20. Jahrhundert nahezu zu Synonymen geworden waren. Der einsprachige Staat, dessen Bürger ihr ganzes Leben mit und in der einen Sprache (die idealerweise auch die Muttersprache ist) leben können, galt als Normalfall, Einsprachigkeit wurde in Europa zur Regel.

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Eine Standardsprache kennt möglichst wenig Variation in sprachlicher Hinsicht und eine maximale, fast unbegrenzte funktionale Reichweite: Erziehung, Ausbildung in Schule und Universität, Arbeitsleben, Freizeit – alles kann in dieser Sprache bewältigt werden. Das hat dazu geführt, dass ihr intrinsische Qualitäten zugesprochen werden, die sie von anderen, nicht-standardisierten Varietäten unterscheidet: Man glaubt, dass Standardsprachen aus sich heraus leistungsfähiger, wohlgeformter, ausdrucksstärker, besser sind.

In der Soziolinguistik wird in diesem Zusammenhang von einer ‚Standardsprachenideologie’ gesprochen, die Konsequenzen für die Wahrnehmung und die Bewertung von Abweichungen und von nicht-standardsprachlichen Varietäten hat. Der Niedergang der Dialekte ist das sichtbarste Zeichen dieser Hierarchisierung sprachlicher Varietäten. Sie sind das Opfer der Standardsprachenideologie. Dass dieses Konzept der heutigen gesellschaftlichen Realität nicht (mehr) entspricht, ist offensichtlich.

Zunächst einmal ist Deutschland – wie die meisten europäische Staaten – längst ein mehrsprachiges Land geworden. Die Gründe sind allgemein bekannt. Einerseits hat die verstärkte Migration der vergangenen Jahrzehnte dazu geführt, dass die Nationalsprache für viele Bürger und Bürgerinnen nicht mehr die Muttersprache, sondern eine Zweit- oder Drittsprache ist. Dabei geht es nicht mehr um klar abgrenzbare Migrantengruppen, die ihre jeweils eigene Sprache und Kultur mitbringen – wie die italienischen, polnischen oder türkischen Gastarbeiter des vergangenen Jahrhunderts. In vielen Großstädten haben wir es heute eher mit ‚Superdiversität’ zu tun, wie der Sozialanthropologe Steven Vertovec das Phänomen getauft hat. Mit einer Situation also, in der nicht mehr vom Nebeneinander von in sich homogenen Bevölkerungsgruppen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen gesprochen werden kann.

Dieses Konzept von Multikulturalität ist seines Erachtens überholt, es wird der Diversität, die insbesondere in großen Städten herrscht, nicht mehr gerecht. In einer Stadt wie London werden heute über 300 Sprachen gesprochen, und in Berlin sind es wahrscheinlich nicht viel weniger. Es gibt nicht mehr ‚den typischen Gastarbeiter’. Die Migranten und Migrantinnen kommen aus ganz unterschiedlichen Motiven und auf ganz unterschiedlichen Wegen. Die politisch verfolgte Syrerin trifft in Berlin auf den arbeitssuchenden Spanier und die nigerianische Studentin. Für all diese Menschen ist Mehrsprachigkeit der Normalfall, was unter dem Gesichtspunkt der Standardsprachenideologie von uns oftmals eher als Problem denn als Chance wahrgenommen wird.

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Andererseits gilt für einen großen Teil der Bevölkerung, dass sie auch aufgrund der fortschreitenden Globalisierung in immer stärkerem Maße mit anderen Sprachen in Berührung kommen. Oft ist das zunächst und vor allem das Englische, das sich bekanntermaßen als Verkehrssprache in den verschiedensten Lebensbereichen durchgesetzt hat. Es ist nicht nur zur Lingua Franca der Wissenschaften geworden, sondern auch alltägliches Kommunikationsmittel in international operierenden Firmen – und welche Firma ist heute nicht international? Das internationale Englisch spielt im Leben vieler Menschen eine immer größere Rolle. Es ist beispielsweise die Sprache des Tourismus, was von den meisten von uns als ungemein praktisch erfahren wird.

Brauchen wir eine gemeinsame europäische Sprache?

Auch auf europäischer Ebene wird immer wieder vorsichtig für eine gemeinsame Verkehrssprache geworben, so beispielsweise im vergangenen Jahr vom deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck. Er hat sich in seiner Grundsatzrede zu Europa für das Englische als europäische Verkehrssprache eingesetzt. Sein Ideal: die „Beheimatung in der eigenen Muttersprache und ihrer Poesie und ein praktikables Englisch für alle Lebenslagen und Lebensalter.“ Damit ließe sich seiner Meinung nach das Ziel eines gemeinsamen Diskussionsraums für das demokratische Miteinander sehr viel leichter umsetzen. Ich nehme an, dass zumindest die Franzosen sich diesem Wunsch vehement widersetzen werden, aber es ist deutlich, dass wir schon ein gutes Stück Weges in diese Richtung hinter uns haben, auch ohne dass das offizielles Ziel einer EU-Sprachpolitik wäre. Ist das der Anfang vom Ende des Deutschen, wie manche Pessimisten prophezeien? Sicher nicht.

Aber unser Konzept der nationalen Standardsprachen hat in den vergangenen Jahrzehnten Risse bekommen. Im Hinblick auf dieses Konzept stehen wir vielleicht tatsächlich an einem Wendepunkt. Die eine Sprache für alle Lebenslagen, der normierte Standard als Ziel aller gesellschaftlichen Bemühungen um Sprache – dieses Konzept verliert für viele Menschen an Relevanz. Es ist nicht mehr allein die Beherr schung der jeweiligen Nationalsprache, die als Garant für Bildungschancen und für sozialen Aufstieg gesehen werden kann. Für viele Lebensbereiche und Funktionen hat die Beherrschung von Fremdsprachen, insbesondere des Englischen, inzwischen diese Rolle übernommen. Nicht nur für eine kleine Elite, sondern für breite Teile der Bevölkerung. Gleichzeitig – und in scheinbarem Gegensatz dazu – kann man ein verstärktes Interesse an lokalen und sozialen sprachlichen Varietäten feststellen.

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So sieht man beispielsweise in Österreich den Versuch, die eigene Varietät des Deutschen aufzuwerten. Davon zeugt beispielsweise die Mitte des Jahres vom österreichischen Bildungsministerium herausgegebene Broschüre „Österreichisches Deutsch als Unterrichts- und Bildungssprache“. Und im flämischen Teil Belgiens gibt es massive Bestrebungen, die lokalen Varietäten des Niederländischen nicht länger vom dominanten Standard aus den Niederlanden „unterdrücken“ zu lassen. Im Falle Flanderns korrespondieren die Regionalisierung und die abnehmende Akzeptanz des überregionalen Standards zudem mit politischen Separationsbestrebungen.

Verliert die Standardsprache ihr Prestige?

Regionalisierung äußert sich aber auch in der vielfach beobachteten Renaissance des Dialektgebrauchs, was oft wohl nicht mehr als eine folkloristische Reminiszenz an die ‚gute alte Zeit’ ist, manchmal aber eben auch als ‚Standardverweigerung’ gesehen werden kann. Diese Entwicklungen führen zu den unterschiedlichsten Konstellationen von sprachlicher Variation, von Mehrsprachigkeit und von Sprachkontakt. Dass das auch Folgen sprachstruktureller Art für die beteiligten Varietäten und Sprachen hat, darf nicht verwundern, sondern ist erwartbar und selbstverständlich.

Wir sehen im Deutschen Einflüsse im Bereich des Wortschatzes, vor allem Anglizismen, die manchmal überflüssig oder auch nervig sind, oft aber auch sehr passend und praktisch. Wir sehen ganz unterschiedliche Grade der Beherrschung von Fremdsprachen. Wir sehen verschiedenste Formen von Sprachkontakt und Sprachmischung, wie sie typisch sind für alle mehrsprachigen Gesellschaften, wobei die Sprecher und Sprecherinnen ihre sprachlichen Repertoires in Abhängigkeit von der Situation und von den Gesprächspartnern kreativ einsetzen. Und wir sehen die Entwicklung neuer sprachlicher Formen und Varietäten. Stichwort Kiezdeutsch. Wenn eine Mutter ihre kleine Tochter fragt „Sollen wir Spielplatz gehen?“, so geht davon – anders als viele Sprachkritiker anscheinend meinen – nicht gleich das Abendland unter.

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Derartige Kiezdeutsch-Merkmale stellen auch keine „Bedrohung“ für das Deutsche dar. Das Deutsche ist quicklebendig, und eben deshalb gibt es Variation und Wandel. Nur tote Sprachen verändern sich nicht mehr. Die Normen und Regeln, nach denen wir sprechen und schreiben, sind immer das Resultat eines kontinuierlichen Verhandlungsprozesses, der in der täglichen Kommunikation stattfindet. Ob wir in 30 Jahren noch „zur Uni fahren“ oder aber „Uni fahren“, liegt also in erster Linie daran, ob die sprachliche Neuerung von breiten Bevölkerungsschichten übernommen wird oder nicht.

Vor dem Hintergrund der skizzierten Standardsprachenideologie ist in diesem Zusammenhang oft leichtfertig von „Sprachverfall“ und „Halbsprachigkeit“ die Rede, was nur allzu oft mit einer Stigmatisierung von Menschen einhergeht. Sprachen verfallen aber nicht, sie ändern sich nur. Auch der Status und das Prestige einer Varietät können sich ändern. Dabei geht es aber eher um gesellschaftliche Machtfragen als um sprachliche Aspekte. Die Standardsprachen sind als Produkt der nationalen Eliten entstanden und sie werden vom Bildungsbürgertum bewacht und verteidigt. Ihre herausgehobene Position wird derzeit sowohl von „oben“ angekratzt (durch die zunehmende Globalisierung und die neuen, international ausgerichteten Eliten) als auch von „unten“, durch Menschen, die nicht ohne weiteres bereit sind, sich ihre sprachliche Identität durch eine monolinguale Standardsprachenideologie vorschreiben zu lassen.

Es bleibt abzuwarten, welche Konsequenzen das auf Dauer für das Prestige und die Stellung der Standardsprachen haben wird.  

 

Der Wissenschaftler

Prof. Dr. Matthias Hüning

Matthias Hüning studierte Germanistik, Musikwissenschaft und Niederlandistik in Bonn, Köln und Leiden. Nach einer Station an der Universität Wien wechselte er 2000 als Professor für niederländische Sprachwissenschaft an die Freie Universität Berlin. Neben dem niederländisch-deutschen Sprachvergleich gilt sein besonderes Interesse der historischen Sprachwissenschaft und der Erforschung von sprachlicher Dynamik und Sprachwandelphänomenen. Seit einigen Jahren beschäftigt er sich zudem mit soziolinguistischen und sprachpolitischen Aspekten der europäischen Sprachlandschaft.

Kontakt: Freie Universität Berlin Institut für Deutsche und Niederländische Philologie E-Mail: matthias.huening@fu-berlin.de

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