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Opfer, Sacrifice, Victim – Religiöse Praxis, Religionskritik und die Künste | Institut für Religionswissenschaft

Francisco de Zurbarán: Agnus Dei (Detail), 1635−1640, Prado, Madrid

Francisco de Zurbarán: Agnus Dei (Detail), 1635−1640, Prado, Madrid
Bildquelle: Madrid Museo Nacional del Prado

Das Ritual – oder auch nur die Gedankenfigur – des Opfers ist für alle Religionen zentral. Im Opfer manifestiert sich das genaue Verhältnis zwischen Göttern, Menschen und Tieren: als Mahlgemeinschaft, als Unterwerfung, als Stellvertretung. Die Gabe, die die Götter oder der Gott erhalten, kann unterschiedlich ‘wertvoll’ sein: Es kann sich um das Leben eines Menschen oder eines Tiers, um einen Mehlbrei oder um die Blüten einer Blume handeln. Immer aber zahlen die Menschen einen ‘Preis’ dafür, dass die Götter ihnen wohlgesonnen sind. Die Opfer selbst changieren zwischen dem Heiligen (sacrifice) und dem Ausgestoßenen (victim, ‘Sündenbock’). Der Märtyrer wiederum macht sich für seine Religion selbst zum ‘Opfer’. Viele Kulturtheoretiker meinen, dass die Gewalt des Opfers oder der Ausgrenzung die Grundlage einer nach innen friedlichen Kultur ist – eine provokante und politisch gefährliche Position, die wir kritisch beleuchten möchten.

PROGRAMM (Raum 2.2063) Präsentationen
  • 17.00−17.15 Uhr Der Preis der Religion − Einführung in den Abend:
    Gibt es eine Verbindung zwischen der Mahlgemeinschaft zu Ehren der Götter in der griechischen Antike, dem stellvertretenden Opfer Jesu Christi für die Menschheit und den terroristischen Handlungen von Selbstmordattentätern? Wie viel Gewalt, wie viel Verzicht gehört zu Religion und wie werden sie gerechtfertigt? Wo etabliert das Opfer Kommunikation und wo diktiert es eine rigide Ökonomie, bei der es um Leben und Tod geht? Diesen und ähnlichen Fragen wird in neun Präsentationen von Mitarbeitern und Studierenden des Instituts für Religionswissenschaft nachgegangen. (Prof. Dr. Susanne Gödde)
  • 17.15−18.00 Uhr Gewalt und Gemeinschaft − das Opfer als rituelle Handlung in der griechischen Antike:
    Im Zentrum der antiken griechischen Religion standen keine heiligen Texte, sondern rituelle Handlungen, wie das Tieropfer. Doch wie sah dieser Ritus aus, welche Vorstellungen begleiteten ihn und welche gesellschaftliche Bedeutung hatte er? Anders gefragt: Was haben der hungrige Gott Hermes, der Prozess gegen ein Messer, Geschenk und Betrug mit dem Thema Opfer zu tun? Ausgewählte Inschriften, literarische Texte und Vasenbilder führen uns in die Vorstellungswelt des antiken Opfers und veranschaulichen einen wichtigen Aspekt der griechischen Kultur. Im Anschluss folgt eine 30-minütige Pause für informelle Gespräche und Erfrischungen. (Emrys Schlatter, M.A. und Dr. Sebastian Zerhoch)
  • 18.30−19.00 Uhr Iphigenie I − politische Opfer:
    In der antiken Mythologie − und insbesondere in ihrer Überformung durch die griechische Tragödie − kommen immer wieder Götter vor, die Menschenopfer fordern. Junges, ‘reines’ Leben muss von den eigenen Eltern am Altar geopfert werden, damit die Gemeinschaft eine Krise, meist einen Krieg, überwinden kann. Der Tragiker Euripides nimmt dies zum Anlass für heroische und patriotische Reden, mit denen Iphigenie und andere aristokratische Töchter und Söhne scheinbar freiwillig in den Tod gehen. Doch meint er es ernst oder zeigt er diese Selbstopfer als wahnhafte Verirrungen? (Prof.Dr. Susanne Gödde)
19.00−19.30 Uhr Aufführung (Studierende der Fachschaftsinitiative Religionswissenschaft)
  • Iphigenie II − die Entscheidung zu sterben?
    „Ich werde meinen Körper Griechenland schenken“: (Euripides, Iphigenie in Aulis, v. 1397). Die Fachschaftsinitiative der Religionswissenschaft beleuchtet mit den Mitteln des Theaters die verschiedenen Aspekte des Iphigenie-Mythos. Hierzu wird szenisch die Thematik von Gewalt und Freiwilligkeit des Opfers der Iphigenie dargestellt und hinterfragt. Im Anschluss folgt eine 30-minütige Pause für informelle Gespräche und Erfrischungen. (Studierende der FS-Initiative Religionswissenschaft)
Präsentationen/Vortrag
  • 20.00−20.30 Uhr Der Körper als heiliger Tempel − asketische Praxis als Opfergabe im spätantiken syrischen Christentum:
    Kaufsucht, Extravaganz und Unersättlichkeit prägen das Leben in unserer Überflussgesellschaft. Dem konträr entgegengesetzt sind Lebensentwürfe, die in asketischer Enthaltsamkeit eine besondere Nähe zu Gott herzustellen suchen. Am Beispiel spätantiker syrischer Asketen wird erläutert, dass diese nicht danach suchten, ihre Körper einem Schönheitsideal anzupassen, zu optimieren und zu operieren, sondern sie in heilige Tempel zu verwandeln, in denen ihre asketische Praxis als Opfergabe zu Gott hinaufsteigen sollte. (Alexandra Stellmacher, M.A.)
  • 20.30−21.00 Uhr Vom Opferkult zum Wortgottesdienst − die Reform des Gottesdienstes im frühen Christentum:
    In den antiken Religionen stehen Opfer im Zentrum vieler religiöser Handlungen und Kulte. Das frühe Christentum setzt gewissermaßen neu ein, indem die Opfer abgeschafft wurden und stattdessen ein Wortgottesdienst eingeführt wurde, der aus Gebeten, Gesängen, einer Lesung aus den heiligen Texten und deren Erläuterung in einer Predigt bestand und der ergänzt wurde durch das Abendmahl. Dieser Wortgottesdienst qualifiziert bis heute den Kultus der christlichen Kirchen. Im Vortrag werden die Voraussetzungen dieser Änderung und ihre Folgen dargestellt und erörtert. (Prof.Dr. Hartmut Zinser)
  • 21.00−21.30 Uhr Ein Opfer sprechen/schreiben − das Opfer als Zeichen bei Augustinus:
    „Nimm hin das Opfer meiner Bekenntnisse, das dir meine Zunge darbringt …“. Ausgehend von dieser Textstelle in den Confessiones (Bekenntnissen) des Augustinus wird nach der Bedeutung und der Funktion des Opfers gefragt. Dabei stellt sich nicht zuletzt die Frage, wie Sprache zum Medium eben dieses Opfers werden kann. Im Anschluss folgt eine 30-minütige Pause für informelle Gespräche und Erfrischungen. (Tobias Petry, B.A.)
  • 22.00−22.30 Uhr Being a Monk and his Sacrifice in Buddhism − Two Case Studies in China and Thailand:
    Chujia (出 家) means renouncing one's household life and entering the monastic life. Being a fully ordained monk or nun is signified by shaving one's head, wearing Buddhist robes and Luohan shoes (罗汉鞋) in Mahayana tradition or barefoot walking in Theravada tradition, abandoning one's secular surname and undertaking various precepts. In this talk, the renunciations by monastics before and after entering the Sangha (monastic community) will be presented in reference to the secular understanding of sacrifice in Mahayana and Theravada Buddhism. Im Anschluss folgt eine 30-minütige Pause für informelle Gespräche und Erfrischungen. (Yuanying Wu, M.A. und Robekkah Ritchie, M.A.)
  • 23.00−23.30 Uhr „Wir setzen uns mit Tränen nieder.“ Hans Blumenberg hört Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion:
    Die Passion Gottes und die Sünde des Menschen sind für das moderne Bewusstsein zum Rätsel geworden − ein Rätsel, das sich mit nichts Vertrautem aus dem Horizont unseres Alltags verbinden lässt. Denn ist es heutzutage noch nachvollziehbar, was es bedeutet, einer Ursünde verfallen, einer Erlösung bedürftig zu sein? Sollte das alles eigentlich nicht schon erledigt sein, vor allem nach dem proklamierten Ende Gottes, nach seinem Tod? Sind wir bereit, diesen Gott zu verabschieden? Diese Fragen leiten die Auseinandersetzung Hans Blumenbergs mit dem christlichen Glauben in seinem 1988 veröffentlichen Werk „Matthäuspassion“. Wo die frohe Botschaft unzugänglich geworden ist, dort versucht Blumenberg, wenn nicht die Theologie aus dem Geist der Musik, so doch wenigstens die Passionsgeschichte und ihre mögliche Bedeutung für das glaubensarme Bewusstsein der Moderne zu retten. (Dr. Nicola Zambon)
  • 23.30−0.00 Uhr Opfer und Gewalt in der modernen Kunst − die Künstlerinnen Louise Bourgeois und Marina Abramovic:
    Von der Antike bis in die Gegenwart hinein üben Opfer eine ungebrochene Faszination auf Menschen aus und zwar nicht nur als religiöser, sondern auch als künstlerischer Akt, ja nicht zuletzt als Zerstörung im Dienst der Kunst. Anhand von ausgewählten Installationen, Skulpturen und Performances der Jahrhundert-Künstlerinnen Louise Bourgeois und Marina Abramovic werden künstlerische Strategien präsentiert, die Gewalt und (Selbst-)Opferungen als rituelle Spektakel der Zerstörung thematisieren. (Oliver Wellmann)

Ort: Fabeckstraße 23/25, 14195 Berlin
Hausnr. 7c auf Lageplan
Buslinien: blau, grün
Zeit: 17.00−0.00 Uhr
Infos: www.geschkult.fu-berlin.de/relwiss