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Nachruf auf Joachim Walther

News vom 21.05.2020

Am 18. Mai 2020 ist Joachim Walther nach langer schwerer Krankheit gestorben. Viele schöne und interessante Anregungen sind ihm zu verdanken. Er war ein liebenswerter Kollege, der beharrlich auch gegen Anfeindungen der giftigen Spur das MfS in der literarischen Szene der DDR nachging und das wohl wichtigste Buch zu diesem Thema veröffentlicht hat. Es erschien 1996 unter dem Titel „Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der deutschen Demokratischen Republik“ und enthält auf 887 Seiten eine geballte Ladung gemeiner Verratshandlungen, zu denen sich Dichter und Denker in der DDR hergaben. Die Jahre als freier Mitarbeiter der Gauck-Behörde, in denen er sich durch tausendseitigen MfS-Müll wühlte, um sein Buch über das MfS und die Schriftsteller zu schreiben, müssen eine schwere Zeit für ihn gewesen sein. Er erwähnte diese Jahre auf seiner Internetseite in der dort eingestellten und nachstehend abgedruckten Biografie nicht.

Foto aus der Internetseite von Joachim Walther: „Vom Zahn der Zeit“
                                                                 http://www.taulos.de/fotogalerie.html

„Geboren 1943 in Chemnitz. 1962 Abitur mit Facharbeiterbrief (Maschinenschlosser). 1962/63 Reparaturschlosser und Bühnenarbeiter. 1963-67 Studium Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte, Humboldt-Universität Berlin. 1967/68 Lehrer. 1968-83 Lektor und Herausgeber im Buchverlag Der Morgen Berlin, erzwungene Kündigung wegen Problemen mit der Zensur. 1969-89 Überwachung und „Bearbeitung“ durch die DDR-Staatssicherheit (OV ‚Lektor‘, OPK „Schmetterling“, OV „Verleger“). 1970 erscheint erster Roman. 1972 Mitglied des Schriftstellerverbandes. 1971-74 Arbeiten für die „Weltbühne“. 1976-78 Redakteur der Literaturzeitschrift ‚Temperamente‘, 1978 Entlassung der gesamten Redaktion aus politischen Gründen. Seit 1983 freiberuflicher Schriftsteller. 1984-89 Rückzug nach Mecklenburg. 1990 Vize-Vorsitzender des erneuerten DDR-Schriftstellerverbandes, Mitglied des Bundesvorstandes des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS). 1991 PEN-Zentrum Bundesrepublik Deutschland, 1995 Präsidiumsmitglied, 1996 Vizepräsident und Beauftragter für ‚Writers in prison‘, 1998 Austritt wegen der Übernahme stasi-belasteter Mitglieder bei der Vereinigung der beiden deutschen PEN-Zentren. 1993-97 Kuratoriumsvorsitzender der LiteraturWERKstatt Berlin. 1997-2002 Vorsitz AUTORENKREIS DER BUNDESREPUBLIK. 2004 Gründung des "Archivs unterdrückter Literatur in der DDR" bei der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, ab 2005 Herausgabe der 10-bändigen Edition ‚Die Verschwiegene Bibliothek‘ in der Büchergilde Gutenberg, ausserdem Erstellen der Wanderausstellung ‚Literarische Gegenwelten‘, alles gemeinsam mit Ines Geipel.“

In ihrem Nachruf schrieb Ines Geipel in der Berliner Zeitung: „1975 erschien sein Road-Movie ‚Ich bin nun mal kein Yogi‘. ‚Verdammt nochmal, ich halt das nicht mehr aus, dieses Rumsitzen, ich muss was tun, muss Leute sehen, mit Leuten reden‘, erklärt der Berliner Norman Bilat seiner holländischen Tramp-Freundin auf einer Klippe am Schwarzen Meer bei Sosopol. Der Text wurde an den Theatern der DDR hoch- und runtergespielt. Er hatte das Freiheitsvirus, das den Autor über Nacht zum Kult machte. Ich war fünfzehn und sehr entschieden: Da war jemand, den ich mögen konnte.“ Mit seiner Untersuchung über den „Sicherungsbereich Literatur“ sei Joachim Walther zum öffentlichen Stasiexperten geworden, „was ihn als Literaten faktisch ins Aus katapultierte. Er bemerkte es und sagte, dass es keine Alternative dazu gab. Irgendwann sprach er gar nicht mehr darüber. Es brachte nichts. Die Feindschaften waren da. Sie blieben ihm erhalten.“

Was auch bleibt sind die wundervollen Kinderbücher, die Joachim Walther schrieb, von denen eines der schönsten „Kuddelmuddelkunterbunt und Außerüberordentlich“ heißt. Es erzählt die Liebesgeschichte zwischen einer chaotischen Malerin und einem peniblen Apotheker. Gezeichnet hat es Christa Unzner-Fischer.

Am Ende aber rauften sie sich zusammen und ihre Liebe nahm kein Ende.
Danke Joachim Walther für diese Geschichte und alles andere auch.                             

     Jochen Staadt

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