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Jan Straßburg

Nach einer gescheiterten Fahnenflucht nahm sich Jan Straßburg in einer Arrestzelle der Offiziershochschule Löbau das Leben.

geboren am 23. Dezember 1969 in Halle (Saale)

Suizid nach gescheiterter Fahnenflucht am 21. Juli 1989

Ort des Zwischenfalls: Offiziershochschule Löbau (Sachsen)

In seiner Heimatstadt Halle (Saale) erlernte Jan Straßburg den Beruf eines Elektromonteurs. Er stammte aus einem religiösen Elternhaus. Weil er eine Laufbahn als Berufsoffizier plante, begann er am 1. September 1988 seinen Wehrdienst an einer Hochschulreifeeinrichtung in Zwickau, wo er auf die Abiturprüfungen vorbereitet werden sollte. Am 30. Januar 1989 erbat er jedoch seine Entpflichtung und begründete diese mit seiner religiösen Einstellung. Er wurde daraufhin exmatrikuliert und versah vom 4. April 1989 an seinen Grundwehrdienst als Soldat an der Offiziershochschule „Ernst Thälmann“ in Löbau. Absichtserklärungen Straßburgs, aus der DDR flüchten zu wollen, waren dem MfS durch IM in der Einheit seit längerem bekannt. Aufgrund von rechtsradikalen Äußerungen und Sympathiebekundungen für die westdeutsche Partei „Die Republikaner“ leitete der Staatssicherheitsdienst am 6. April 1989 eine operative Personenkontrolle (OPK „Republikaner“) gegen Straßburg ein.

Als am 27. Juni 1989 die Außenminister Ungarns und Österreichs vor laufenden Kameras ein Loch in den Grenzzaun zwischen ihren Ländern schnitten, muss es für Jan Straßburg kein Halten mehr gegeben haben. Gemeinsam mit Bert R. (20), der einer Disziplinarstrafe wegen unerlaubten Fernbleibens vom Dienst entgehen wollte, vereinbarte er die gemeinsame Flucht. Am Vormittag des 21. Juli 1989 beobachtete ein Offizier, wie Jan Straßburg eine Reisetasche und einen Beutel aus dem Zimmer des Unteroffiziers Bert R. zu einem Fahrzeug brachte und damit begann, sie dort zu verstauen. Der Offizier war im Rahmen des „operativen Zusammenwirkens“ mit dem MfS beauftragt, ein besonderes Augenmerk auf Straßburg zu richten. Als er den Soldaten aufhielt und die mitgeführte Tasche kontrollierte, entdeckte er darin unter anderem Zivilkleidung und persönliche Sachen von Bert R. Auf Befragen gestand Straßburg, dass er gemeinsam mit dem Unteroffizier Bert R. über die ČSSR, Ungarn und Österreich in die Bundesrepublik flüchten wollte. Seine eigenen Sachen hatte er bereits im „Fiat Polski“ des Gefreiten der Reserve Detlef O. (28) verstaut, der vor dem Kasernengelände parkte. Detlef O. leistete gerade seinen Reservedient als Kraftfahrer an der Offiziershochschule. Er hatte sich bereit erklärt, Jan Straßburg und Bert R. an die ČSSR-Grenze zu bringen.

Der Bataillonskommandeur verhängte gegen Jan Straßburg und Bert R. zunächst eine zehntägige Arretierung. Anschließend sollten sie der Untersuchungsabteilung des MfS überstellt werden. Doch es kam anders. Als ein Wachhabender gegen 15.00 Uhr die Tür der Arrestzelle von Jan Straßburg öffnete, lebte der 19-Jährige nicht mehr. Er hatte sich mit einem abgerissenen Streifen einer Wolldecke erhängt. Zuvor hatte er auf Verlangen seiner Vorgesetzten eine „Stellungnahme zum Sachverhalt“ verfasst, in der er sich freimütig zu seiner rechtsgerichteten Gesinnung bekannte, zugleich aber ausdrücklich betonte, „daß ich keinerlei Hetze gegen Ausländer öffentlich äußerte oder nationalistische Parolen in Öffentlichkeit aussprach“. Zur versuchten Fahnenflucht habe ihn „jugendlicher Leichtsinn“ verleitet. Auf Wunsch der Eltern erfolgte Jan Straßburgs Beerdigung in Halle. (Recherche: jk, TP; Autor: jk)