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Viel riskiert und viel gewonnen

Es waren Studenten wie Karol Kubicki, die an einer nicht von der SED kontrollierten Universität lernen wollten

Nr. 017/2008 vom 03.12.2008

Wir mussten nichts einreißen, um etwas aufbauen zu können, wir konnten gleich bauen. Und es war eine gute Sache“, sagt Stanislaw Karol Kubicki, der damals, 1948, als 22-jähriger Student seine Zukunft als Mediziner aufs Spiel setzte. Es waren Studenten wie er, die einiges riskiert haben, um an einer freien, nicht von der SED kontrollierten Universität studieren zu können.

Von Stephan Töpper

Wie Kubicki kamen die meisten Studenten, die 1948 an der Freien Universität als erste Generation ihr Studium begonnen oder fortgesetzt haben, aus dem Krieg, der Kriegsgefangenschaft oder aus Konzentrationslagern. Sie wollten jetzt, da der Krieg vorbei war, nicht erneut kontrolliert werden, sondern frei ihre Meinung äußern dürfen. Im Dezember 1947 wurde der Ruf nach einer neuen, internationalen Universität in der unter amerikanischer Lizenz erscheinenden Studentenzeitschrift „Colloquium“ laut und nachlesbar.

Otto Hess und Joachim Schwarz, die Herausgeber, Otto Stolz und viele andere setzten sich gegen den sowjetischen Einfluss an der Universität Unter den Linden ein – jener Universität im Ostsektor Berlins, an der Kubicki noch eingeschrieben war. „Dass die mich nicht verhaftet haben, habe ich bis heute nicht verstanden.“ Denn Kubicki engagierte sich im vorbereitenden Studentenausschuss der Freien Universität. Ohne die Stadtverordneten Berlins, den ersten Oberbürgermeister Ernst Reuter und die Unterstützung der Amerikaner hätte die Freie Universität nicht am 4. Dezember 1948 offiziell gegründet werden können. Doch noch nie zuvor ist die Gründung einer Universität so sehr von Studenten mitgeprägt worden.

Als die ersten Vorlesungen bereits am 15. November 1948 an der Philosophischen Fakultät in der Boltzmannstraße 3 gehalten werden, ist die Freie Universität noch ein Provisorium. Für 2140 Studenten des ersten Semesters mangelt es selbst am einfachsten Mobiliar. „Die Stühle nahm man zu Anfang immer mit, weil es viel zu wenige davon gab“, sagt Kubicki. In einem Spendenaufruf vom Juli 1948 heißt es: „Jeder kann helfen, wie klein oder groß seine Hilfe auch sein mag. Mit Geld, mit Büchern, mit Möbeln, mit wissenschaftlichem Hilfsmaterial, mit Bereitschaft zur Mitarbeit, mit Lebensmitteln für die Professoren und Studenten.“ Über jeden Spender, ob Privatperson oder Firma, wurde Buch geführt. Dr. von Bergmann spendete zwei Gartenstühle, die Schultheiss AG zehn neue Lokalstühle und Professor Erwin Redslob, der erste geschäftsführende Rektor der Freien Universität, eine Eckbank. Viel Unterstützung kam auch aus den USA, vor allem von der Stanford University, die Kleidung und Sachspenden nach Dahlem schickte. Mit ihr wird seit 1950 ein Studenten-Austausch organisiert.

Der Start der neuen Universität fiel in die Zeit der Blockade, also in die Zeit zwischen dem 24. Juni 1948 und 12. Mai 1949, in der die Sowjetunion dem Westteil Berlins den Strom abdrehte und alle Zufahrtswege sperrte. Die Studenten hatten mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen. Abends saßen sie in den Vorlesungen bei Kerzenschein.

Einen Campus im heutigen Sinn gab es nicht, die wenigen Vorlesungsräume verteilten sich quer über den Westteil der Stadt. Die Geisteswissenschaftler saßen in der Boltzmannstraße 3, wo sich Kubicki als erster Student der Freien Universität in das Immatrikulationsbuch einschrieb. Ein Teil der Vorlesungen fand im Onkel-Tom-Kino statt, in dem abends Filme über die Leinwand liefen. Die Juristen und Wirtschaftswissenschaftler zogen in die Ihnestraße. Längere Wege mussten alle auf sich nehmen, die Mediziner mussten zum Beispiel zwei Mal in der Woche von ihrer Heimstätte, dem Klinikum Westend, bis nach Wittenau zur Karl-Bonnhoeffer-Nervenklinik und nach Britz in die Dermatologie pendeln. Provisorisch ging es auch bei den öffentlichen Verkehrsmitteln zu: Die Mediziner überredeten regelmäßig die Straßenbahnfahrer zu Streckenänderungen, um schneller nach Hause zu kommen.

Einigen Studenten, meist Flüchtlingen aus der Sowjet-Zone, wurde mit dem Erlös aus Studentenbällen unter die Arme gegriffen. „Ein bisschen West- und ein bisschen Ostgeld, das war die Starthilfe“, sagt Kubicki. Schon im ersten Semester gab es studentische Jobs an der Universität. Die Zeitschrift „Colloquium“ berichtet über Studenten wie Christiane R., die bei den Zahnmedizinern für 150 DM im Rektorat hospitiert solange die Freie Universität noch keine Vorklinik hat. Der „studentische Kundendienst Heinzelmännchen“, auf Initiative des Studenten Ulrich Heckert im April 1949 gegründet, vermittelt Boten, Transporthelfer und Schreibkräfte – die Arbeitsvermittlung besteht noch heute. In der Anfangszeit läuft Heckert vormittags mit einem Auftragsbuch von Institut zu Institut und vergibt die Aufträge mittags in der Mensabaracke.

„Wir haben auch gestaunt, dass das Ansehen der Freien Universität so schnell wuchs“, sagt Kubicki. Die starke studentische Beteiligung und das Risiko, das sie auf sich nahmen, hätten viele fasziniert. Sehr früh kamen wichtige Persönlichkeiten als Gastdozenten wie der Philosoph Nikolai Hartmann. Das Provisorium wuchs schnell: Immer mehr Institute entstanden, schon 1951 wurden die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer zu einer eigenen Fakultät. Im selben Jahr wechselte fast die gesamte veterinärmedizinische Fakultät der Humboldt-Universität an die Freie Universität. In den 1950er Jahren stieg die Studentenzahl auf mehr als 12 000.

Waren sich die Studenten damals bewusst, an einer großen Sache beteiligt zu sein? „Als die Universität gegründet war, haben wir alles getan, was wir tun konnten, um sie weiter auszubauen. Wir sind gar nicht dazu gekommen, zu sagen, dass wir darauf stolz sind. Es hat ja auch Spaß gemacht.“

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