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Gründung in Freiheit

Die Freie Universität war eine Reaktion auf Restriktionen an der Universität Unter den Linden

Nr. 015/2008 vom 03.12.2008

Im Mai 1945, als Berlin unter sowjetische Kontrolle geriet, verblich die berühmte Friedrich-Wilhelms-Universität nach 135 Jahren. Diese grundlegende Tatsache war der Sprengsatz für die Berliner Hochschulbildung drei Jahre später. Die sowjetische Militärverwaltung hatte den größten Sektor Berlins einschließlich des Bezirks Mitte unter sich und damit auch die meisten Berliner Institutionen. Als die Amerikaner, Briten und Franzosen im Juli 1945 nach Berlin kamen, wurden sie frostig begrüßt.

von James F. Tent

Sie schlugen vor, dass die Universität unter die Aufsicht aller Alliierten käme, doch die Antwort war Njet! Die Sojwets deuteten an, dass es sich um eine Brandenburgische Universität handele, die durch die von der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland eingesetzten „Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung“ kontrolliert werde. Die Vertreter der Westmächte protestierten mit dem Gegenargument, dass viele der Institute und Forschungseinrichtungen ihren Sitz in den Westsektoren hätten. Die Sowjets ließen diese Einwände nicht gelten.

Die Behörden der Ostzone erließen rasch neue Zugangsregeln für Studenten und entließen – was man ihnen zugute halten muss – den nationalsozialistischen Lehrkörper. Sie schufen dabei eine Kategorie, die sie „Opfer des Faschismus“ nannten, kurz OdF. Den Vorzug für eine Studienzulassung erhielten Personen, die nachweisen konnten, Überlebende einer Widerstandsgruppe zu sein, ferner Kommunisten, Sozialdemokraten und Deutsche jüdischer oder teilweise jüdischer Abstammung. Früheren Mitgliedern nationalsozialistischer Organisationen dagegen wurde die Immatrikulation verwehrt. Im Januar 1946 durften sich schließlich 2800 Studenten einschreiben.

Die neuen Studenten waren wegen des Krieges im Durchschnitt vier Jahre älter als unter normalen Umständen. Die neuen Studenten hatten unterschiedliche politische Einstellungen, waren aber zumeist nach links orientiert. Ein typischer Student für die damalige Zeit war Georg Wrazidlo, ein wegen seines Widerstands gegen Hitler 1944 verhafteter ehemaliger Wehrmachtsoffizier, den die Amerikaner 1945 aus dem Konzentrationslager Buchenwald befreit hatten. Auch Otto Hess war ein ehemaliger Soldat. Weil er einen jüdischen Elternteil hatte, wurde er 1940 aus der Armee entlassen und 1944 in ein Arbeitslager gezwungen. Stanislaw Kubicki (siehe Artikel Seite 6) war Sohn einer deutschen Antifaschistin und eines polnischen Vaters, der dem polnischen Widerstand angehört hatte und 1942 von der Gestapo umgebracht wurde. Eine ähnliche Vergangenheit hatte Helmut Coper, dessen jüdischer Vater ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt wurde, nachdem seine einzige Beschützerin – seine nichtjüdische Mutter – bei einem amerikanischen Luftangriff ums Leben gekommen war. Zugelassen wurde auch der SED-Sympathisant Rudolf Böhm, Überlebender von Stalingrad, der Kommunist geworden war und dem Nationalkomitee Freies Deutschland beitrat. Sie alle waren voller Idealismus und gründeten eine Studentische Arbeitsgemeinschaft, in der sie ehrenamtlich tätig waren.

Ihr Bautrupp beseitigte Trümmer, arbeitete in Zulassungsausschüssen mit, verteilte Stipendien an Kommilitonen, warb um Ermäßigungen in öffentlichen Verkehrsmitteln sowie bei kulturellen Veranstaltungen und organisierte Veranstaltungen für Studenten. De facto wurden sie zu einem Studentenparlament. Gleichzeitig konzentrierten sich sich mit eiserner Disziplin auf ihr Studium.

Am Tag der Arbeit, dem 1. Mai 1946, hängten SED-nahe Studenten Parteiplakate in der Universität auf, während SED-Slogans aus den Lautsprechern plärrten. Dutzende OdF-Studenten sammelten gegen solche Parteiaktivitäten Unterschriften. Dieser vergleichsweise harmlose Vorfall war Vorbote eines Aufeinanderprallens zwischen Studenten und der Verwaltung des Ostsektors. Diese setzten die Zulassungsausschüsse unter Druck, verstärkt Bewerber aus dem SED-Umfeld zum Studium zuzulassen. Vor allem bei Medizinstudenten unter der Dekanin Else Knake rief dies starke Ablehnung hervor, woraufhin die SED sie entlassen ließ. Die Studenten schüchterte das jedoch nicht ein, sie wehrten sich weiterhin. Paul Wandel, Präsident der Zentralverwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone, löste die ehrenamtliche Studentische Arbeitsgemeinschaft auf unter dem Vorwurf, sie sei faschistisch – während ihre Mitglieder in Wirklichkeit Opfer des Faschismus waren. Im Februar 1947 führten die Wahlen für den Studentenrat zu einer überwältigenden Mehrheit für Studenten, die der SED nicht nahe standen. Einen Monat später verhafteten sowjetische Polizeibeamte in Zivil sechs Studenten, darunter Gerda Rösch und den ehemaligen KZ-Häftling Georg Wrazidlo. Sie wurden unter Ausschluss der Öffentlichkeit verurteilt und in ehemalige Konzentrationslager verschleppt. Doch selbst diese stalinistische Nacht-und-Nebel-Aktion vermochte es nicht, die Studenten einzuschüchtern.

Die Studenten waren erbost und suchten neue Verbündete; die fanden sie in einer bereits auf den Plan gerufenen freien Presse in den Westsektoren. Mit stillschweigender Zustimmung der Amerikaner gründeten die Studenten Hess und Schwarz eine neue Zeitschrift, das „Colloquium“, wodurch sich weitere Studenten ermutigt fühlten, für die Sache zu kämpfen. Zuvor hatten die amerikanischen Behörden – verdrossen über den einseitigen Einfluss der Sowjets auf die Universität – geglaubt, dass die Studenten ihnen gegenüber ablehnend eingestellt wären. Deshalb hatte der Stadtkommandant Frank Howley den Studenten Lebensmittelkarten und Aufenthaltsgenehmigungen verweigert. Allerdings erkannten immer mehr Beobachter die Anliegen der Studenten an – wie der Reformpädagoge Fritz Karsen. Kendall Foss, Reporter für „Die Neue Zeitung“, sprach mit den Studenten und zur gleichen Zeit ebenfalls Fritz und Herta Epstein, deutsch-amerikanische Wissenschaftler. Fritz Epstein wertete Dokumente der Außenpolitik für das Außenministerium aus, Herta Epstein stand einem wohltätigen Hilfsprojekt vor – es war allerdings beider Dahlemer „Salon Epstein“, in dem die Studenten ihren Missmut äußern konnten und zugleich die Gründung einer neuen Universität fordern. Im Übrigen aßen die hungrigen Studenten nur zu gern die Partyhäppchen der Epsteins – die Studentin Eva Heilmann nannte die Abende später „Demokratisierung mit Wurst“ – es waren dennoch diese informellen Kontakte, die Früchte trugen.

Im April 1948 schloss die SED die Studenten Hess, Schwarz und Stolz „in Hinblick auf die in ihrer publizistische Tätigkeit liegende Verletzung von Anstand und Würde eines Studierenden“ von der Universität aus. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Eine Woche später jubelten Hunderte Studenten vor dem Hotel Esplanade Otto Stolz zu, als dieser die Gründung einer „freien“ Universität forderte. Acht Monate später war die Geburtsstunde der neuen Universität, gegründet mit entscheidender Hilfe der Amerikaner. Auch 60 Jahre später ist es wert, daran zu erinnern, dass es Berlins Studenten waren, die der Freien Universität Berlin den Weg ebneten.

Der Autor ist amerikanischer Wissenschaftler der University of Alabama at Birmingham. Er schrieb die Chronik „Freie Universität Berlin – 1948 bis 1988“. Aus dem Englischen übersetzt von Kerrin Zielke und Carsten Wette.

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