Springe direkt zu Inhalt

Gefühle aus der Kiste

Ein Präventionsprogramm stärkt Kindergartenkinder gegenüber Gewalt und Drogen.

Nr. 013/2008 vom 20.06.2008

Bei Kindern sehr beliebt: die Geschichte von Paula und ihren Kobolden als Puppentheater.

Bei Kindern sehr beliebt: die Geschichte von Paula und ihren Kobolden als Puppentheater.
Bildquelle: Papilio

Trinkgelage von Zwölfjährigen – Jugendliche prügeln Rentner ins Koma – Kiffer im Kindesalter: Zeitungsschlagzeilen erwecken den Eindruck, Deutschland sei das Land, in dem die wilden Kerle wohnen. Und tatsächlich liegt das Einstiegsalter für Nikotin und Alkohol mittlerweile bei etwa zehn Jahren; Gewaltdelikte von Jugendlichen sind häufig zu beobachten. Die Prävention gegen Sucht und Gewalt ist zu einer dringenden Aufgabe geworden. Hier setzt Papilio an: Das Programm für Kindergärten versucht die sozial-emotionale Kompetenzen von Vier- bis Siebenjährigen zu fördern. Damit sollen die Kinder selbstsicher, aber auch mitfühlend genug werden, um schwierigere Phasen in ihrem Leben auch ohne Drogen und Gewalt zu meistern. Ein Projekt, das Professor Herbert Scheithauer vom Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der Freien Universität Berlin mitentwickelt und evaluiert hat.

Paula ist fünf Jahre alt. Als sie auf dem Dachboden ihrer Großeltern herumstöbert, findet das Kindergartenkind eine rätselhafte Kiste. Zunächst glaubt Paula, der unverschlossene Kasten sei leer, aber dann hört sie leise Stimmen – Koboldstimmen. Die Geschichte „Paula und die Kistenkobolde“ ist eines von drei Angeboten für Kinder aus dem Präventionsprogramm Papilio. Die vier Kobolde, die Paula kennenlernt, verkörpern jeder eines der Basisgefühle Traurigkeit, Wut, Angst und Freude.

Heulibold, Zornibold, Bibberbold und Freudibold

Durch Heulibold, Zornibold, Bibberbold und Freudibold können Kindergartenkinder lernen, diese Emotionen bei sich selbst zu erkennen, zu benennen und an anderen wahrzunehmen. Und dies zu können, ist wichtig für die spätere Entwicklung der Mädchen und Jungen: „Wir wissen aus vielen Studien, die Kinder von klein auf begleitet haben, dass Sucht und Gewalt mit bestimmten, schon früh erkennbaren Verhaltensproblemen einhergehen, beispielsweise Aggression, Hyperaktivität, extreme Schüchternheit oder mangelnde soziale und emotionale Kompetenzen“, erklärt Professor Herbert Scheithauer, Leiter des Arbeitsbereichs „Entwicklungswissenschaft und Angewandte Entwicklungspsychologie“ an der Freien Universität Berlin. Papilio wurde im Jahr 2002 auf Initiative einiger Rotary Clubs vom Augsburger „beta Institut gemeinnützige GmbH“ gemeinsam mit Herbert Scheithauer entwickelt und wird von den Wissenschaftlern der Freien Universität Berlin begleitend evaluiert. Das Präventionsprogramm gegen Sucht und Gewalt setzt auf drei Ebenen an: bei den Kindergartenkindern, den Erzieherinnen und Erziehern sowie den Eltern. Zentrale Vermittlungsperson ist die Erzieherin, die Papilio im Kindergarten einführt und die an die Kinder gerichteten Maßnahmen als alltäglichen Bestandteil der pädagogischen Arbeit nutzt. „Die Erzieherin ist die tägliche Haupt-Ansprechpartnerin ,auf Zeit‘ und stellt mit ihrem eigenen Verhalten deshalb ein wichtiges Modell für das Kind dar“, erklärt Herbert Scheithauer. „Gleichzeitig ist sie die wichtigste Ansprechpartnerin der Eltern in Erziehungsfragen. Deshalb nimmt die Erzieherin bei Papilio eine so zentrale Rolle ein.

Spielzeugfreie Tage

Neben der Geschichte von „Paula und den Kistenkobolden“ entwickelte das Papilio-Team den „Spielzeugmacht- Ferien-Tag“ sowie das „Meins-deinsdeinsunser“- Spiel. Beim erstgenannten Angebot wird an einem festgelegten Tag in der Woche im Kindergarten ohne herkömmliches Spielzeug gespielt. Stattdessen gibt es Kreisspiele, es wird gemeinsam gesungen und musiziert oder gemalt. Die Kinder setzten sich so verstärkt mit ihren Altersgenossen auseinander, gehen neue Beziehungen ein und werden in einem sozial kompetenten Umgang miteinander unterstützt. Beim „Meinsdeinsdeinsunser“- Spiel lernen die Jungen und Mädchen in der Gruppe den spielerischen Umgang mit sozialen Regeln. Regelmäßig wiederkehrend sammeln die Kinder während einer Aktivität, beispielsweise dem gemeinsamen Malen in Kleingruppen, Punkte, wenn sie soziale Regeln befolgen.

Die vier Kobolde auf der Bühne

Im Vordergrund steht dabei die gegenseitige Unterstützung beim Einhalten der vereinbarten Grundsätze und die tatsächliche Bearbeitung und Fertigstellung der gemeinsamen Aufgabe. Besonders beliebt ist bei den Kindern aber vor allem die Geschichte von Paula. Denn die Erzählung von den vier Kobolden und ihren unterschiedlichen Gefühlen kann nicht nur vorgelesen und auf einer CD angehört werden, sie ist auch als Film auf DVD, vor allem aber auf der Bühne erlebbar. Die Figuren sowie eine Reihe von Songs, etwa das „Mutmachlied“ oder das „Koboldlied“, wurden gemeinsam mit Künstlern der Augsburger Puppen kiste entwickelt. Und so touren Paula und ihre Koboldfreunde auch als Marionettentheater durchs Land und besuchen die an Papilio beteiligten Kindergärten. Während die Erzieherinnen im Rahmen einer mehrtägigen Fortbildung auf Papilio vorbereitet und fortlaufend von speziellen Trainern geschult und bei auftretenden Problemen unterstützt werden, richten sich spezielle Informationsabende und ein Club an die Eltern der Kindergartenkinder. Hier haben die Mütter und Väter die Möglichkeit, ihr eigenes Erziehungsverhalten zu reflektieren. Zudem enthält die Buchfassung von „Paula und die Kistenkobolde“ auch einen „Elternteil“, in dem erklärt wird, wie Kinder im Erkennen und im Umgang mit Gefühlen unterstützt werden können. „Es ist wichtig, dass Eltern mit ihren Kindern über Dinge reden und sie zum Nachdenken anregen. Deshalb haben wir im Rahmen von Papilio auch Materialien für den Alltag der Kinder zu Hause bereitgestellt“, sagt Psychologe Scheithauer. Nach der Einführung von Papilio evaluierte das beta Institut zusammen mit dem Wissenschaftler und seinen Mitarbeitern in den Jahren 2003 und 2004 in einer eigenen Studie („Augsburger Längsschnittstudie zur Evaluation des Programms Papilio – ALEPP“) die Anwendung und Wirksamkeit von Papilio.

Start in Augsburg – mit 700 Kindern

In der Region Augsburg wurden 25 Studien-Kindergärten ausgewählt; insgesamt waren rund 700 Kinder, deren Eltern und mehr als 100 Erzieherinnen und Erzieher beteiligt, die möglichst repräsentativ die sozioökonomischen Merkmale der Gemeinden und Stadtteile der Region abbilden sollten. In einer (Interventions-)Gruppe von Kindergärten wurde Papilio eingeführt. Um die Wirksamkeit der Papilio-Maßnahmen untersuchen zu können, wurden die Eltern und Erzieherinnen mit Fragebögen über das Verhalten und die sozialen Fertigkeiten der Kinder sowie über ihre familiäre Situation befragt. Interviewer befragten die Kinder mithilfe von Bildern, um Informationen über ihre Einbindung in die Gruppe ihrer Altersgenossen zu gewinnen. Die Befragungen wurden zu drei Terminen, nämlich vor und nach Umsetzung der Papilio-Maßnahmen sowie zu einem späteren Zeitpunkt durchgeführt, um etwaige Entwicklungsfortschritte im sozialen Verhalten der Kinder zu beobachten. Diese Aussagen der „Papilio-Beteiligten“ wurden verglichen mit den Ergebnissen von Kindergärten, die erst zu einem späteren Zeitpunkt das Programm verwirklichten. Die zentralen Erkenntnisse der ALEPP sind ermutigend für die Fortführung des Programms: Alle Kindergartenkinder verbesserten ihr soziales Verhalten, aber bei den Papilio-Kindern war diese Verbesserung deut-licher ausgeprägt. Verhaltensprobleme gingen bei den Papilio-Kindern deutlich zurück. Speziell aggressives Verhalten sowie Probleme durch Hyperaktivität oder fehlende Aufmerksamkeit wurden deutlich weniger.

Soziale und emotionale Kompetenzen werden besser

Und entscheidend für den Fortbestand des gesamten Projekts: Die Papilio-Aktivitäten konnten so problemlos in den Kindergartenalltag integriert werden, dass alle Erzieherinnen und Erzieher das Programm auch über das Ende der Datenerhebung hinaus weiterführten. „Unsere Studie belegt, dass wir sowohl die Kinder mit ersten Verhaltensproblemen erreichen und sie durch Papilio in ihrer Entwicklung unterstützen können als auch die Kinder ohne Verhaltensprobleme, die durch das Programm verbesserte sozial-emotionale Kompetenzen aufwiesen,“ erklärt Herbert Scheithauer.
Im Juli 2005 wurden die Papilio-Kinder, die im Herbst 2004 eingeschult worden waren, und deren Eltern erneut befragt. Zudem wurden die Lehrer befragt. Einbezogen waren 27 Schulen in der Modellregion. Mit dieser zweiten Studie soll überprüft werden, ob die positive Wirkung des Programms nach einem Jahr noch anhält. Zudem soll geklärt werden, ob Papilio langfristig dazu beitragen kann, dass die Kinder aufgrund verbesserter sozial-emotionaler Kompetenzen den Übergang in die Schule leichter bewältigen, so Herbert Scheithauer: „Wir wollen überprüfen, ob Papilio-Kinder weniger Verhaltensauffälligkeiten aufweisen und sich so besser in die Klassengemeinschaft integrieren oder aufgrund ihrer sozialen Fertigkeiten und verbesserten Aufmerksamkeit bessere Schulleistungen erzielen.“ Die Ergebnisse dieser Nachfolgestudie sowie weitergehende Auswertungen der ALEPP-Daten will Entwicklungspsychologe Scheithauer noch in diesem Jahr veröffentlichen. Jenseits der fortlaufenden wissenschaftlichen Evaluierung im Raum Augsburg wird Papilio inzwischen bundesweit in Kindergärten eingeführt, unterstützt von der betapharm Stiftung sowie der Robert-Bosch-Stiftung. Knapp 1.800 Erzieherinnen und Erzieher konnten bislang von etwa 100 Trainern bei der Umsetzung des Präventionsprogramms begleitet werden. In ihrer Geschichte schenkt Paula den Kistenkobolden zum Abschied das „Mir geht’s heut so“-Lied. Nun wissen Heulibold, Zornibold, Bibberbold und Freudibold, warum sie sich traurig, wütend, ängstlich oder glücklich fühlen. Und die Papilio-Kinder haben gelernt: In jedem Menschen stecken unterschiedliche Gefühle – so wie die Kobolde in der Kiste.

von Ortrun Huber