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Stolz und Vorurteil

Wissenschaftler der Freien Universität untersuchen, wie deutsche, türkische und türkischstämmige Jugendliche und deren Eltern Ehre, Scham und Stolz empfinden.

Nr. 011/2008 vom 12.06.2008

Der Exzellenzcluster „Languages of Emotion“ sucht nach einer gemeinsamen Sprache der Natur- und Geisteswissenschaften.

Der Exzellenzcluster „Languages of Emotion“ sucht nach einer gemeinsamen Sprache der Natur- und Geisteswissenschaften.
Bildquelle: fotolia, Barcabloo

Die Welt der Wissenschaft ist geteilt, jedenfalls empfinden das viele so. Zwischen geistes- und naturwissenschaftlichen Disziplinen verläuft ein gefühlter Graben. In einem Exzellenzcluster der Freien Universität jedoch arbeiten Forscher aus beiden Welten zusammen und bündeln ihre Fähigkeiten, um ein Mammut-Vorhaben zu stemmen: Sie wollen die Sprache der Gefühle entschlüsseln. In einem Teilprojekt untersuchen sie, wie deutsche und türkische Jugendliche und ihre Eltern Ehre und Schande empfinden: Wie beschreiben sie Stolz, Scham und Ärger? Wie regulieren sie ihre Emotionen? Und wie stark prägt Kultur das Empfinden?

In Tempelhof an der Oberlandstraße liegen auch Jahre nach der Tat Blumengebinde auf dem Bürgersteig, Trauerflor und ein gemaltes Bild; darauf eine junge Frau mit einem kleinen Jungen. Es sind Hatun S. und ihr Sohn Can, die Opfer eines Verbrechens, das die Berliner schockierte: einem sogenannten Ehrenmord.
Als 16-Jährige musste die junge Kurdin Hatun das Gymnasium verlassen und ihren Cousin in der Türkei heiraten. Zurück in Berlin, suchte sie sich mithilfe einer Jugendberatungsstelle eine eigene Wohnung. Sie war 23 Jahre alt, als ihr jüngster Bruder Ayhan sie auf der Straße erschoss. Der Schütze wurde zu neun Jahren Haft verurteilt; zwei Brüder, die mitangeklagt worden waren, sprach das Gericht aus Mangel an Beweisen frei.
Es sind die extremen Fälle und Probleme, die in Erinnerung bleiben, wenn es um Zuwanderer geht: „Ehrenmorde“ und Zwangsehen, Integrationsprobleme, Sprachbarrieren und Schulabbrecher. Sie sorgen immer wieder für Aufmerksamkeit. Einerseits weiß Deutschland sehr genau Bescheid über die Zuwanderer, die hier leben – vor allem, wenn es darum geht, Probleme und Qualitäten in Schlagzeilen zu quetschen, in Zahlen zu erfassen und in Modellen anschaulich zu machen. Das statistische Bundesamt gibt an, dass in der Bundesrepublik 15,3 Millionen Menschen aus Zuwandererfamilien leben, knapp ein Fünftel der Bevölkerung. Die Markt- und Sozialforschung unterscheidet verschiedene Migrantenmilieus – von den „religiös Verwurzelten“ bis zu den „Hedonistisch-Subkulturellen“. Sie beschreibt, wie die Integrationsbereitschaft mit dem Bildungsgrad zunimmt.

Bildung und Integration

Die Medien und die Werbebranche haben die Kaufkraft der Zuwanderer schätzen gelernt. Die Sozialkassen profitieren, weil jeder Ausländer im Schnitt knapp 2.000 Euro mehr einzahlt als er herausbekommt. Man kennt die Arbeitslosenquote unter Ausländern (23 Prozent), die Anzahl türkischstämmiger Studenten an deutschen Universitäten (30.000) und die der „Ehrenmorde“ in den letzten Jahren (50). Man untersucht die religiöse Prägung, diskutiert die Gewalt- und Leistungsbereitschaft, bemängelt die Sprachkompetenz, erhebt die Kinderzahl.
Aber in Deutschland weiß man andererseits erstaunlich wenig darüber, wie Zuwanderer fühlen – und vor allem, warum sie so fühlen. Zwar versuchen Wissenschaftler und Leitartikler immer wieder, die Ursachen von „Ehrenmorden“ und von Gewaltbereitschaft an Schulen zu ergründen, doch die Emotionen der Zuwanderer bleiben ihnen zumeist fremd. Dabei könnte hier ein Schlüssel zum Verständnis liegen.

Ein bislang einmaliges Projekt

Wissenschaftler der Freien Universität bereiten jetzt ein bislang einmaliges Forschungsprojekt vor: Sie wollen untersuchen und vergleichen, wie deutsche und türkische Kinder, Jugendliche und deren Eltern die Emotionen Scham, Stolz und Ärger erleben und ausdrücken. Das Projekt ist Teil des Exzellenzclusters „Languages of Emotion“, mit dem die Freie Universität im Exzellenzwettbewerb des Bundes und der Länder erfolgreich war und der nun besonders gefördert wird.
„Uns interessieren vor allem Unterschiede zwischen beiden Kulturen in Konzepten der Ehre und Schande und deren Zusammenhang mit Emotionsnormen“, sagt Michael Eid, Professor für Psychologie an der Freien Universität, der das Projekt zusammen mit zwei anderen Wissenschaftlern leitet: Dr. Tanja Lischetzke und Dr. Haci-Halil Uslucan. Den Forschern geht es nicht nur darum, was und wie deutsche und türkische Kinder und Eltern fühlen, sondern vor allem um das Warum von Scham und Stolz. Die drei Leitfragen lauten:

  • Welche Situationen werden als Bedrohung der Ehre erlebt?
  • Welche Situationen rufen Scham, Stolz oder Ärger hervor?
  • Wie wirkt es sich aus, wenn es Diskrepanzen gibt zwischen der eigenen Idealvorstellung vom Erleben und dem Ausdruck solcher Emotionen einerseits und der Wirklichkeit andererseits?

Die Forscher befragen 240 Schüler

Die Forscher werden in einer ersten Teilstudie 240 Schüler im Alter von etwa 14 Jahren und ihre Eltern befragen – je 80 deutsch- und 80 türkischstämmige in vier Berliner Bezirken sowie 80 türkische in Istanbul. Dabei werden die Wissenschaftler qualitative und quantitative Methoden nutzen: In Einzelgesprächen und anhand von Leitfäden und Fragebögen werden den Kindern und ihren Eltern Beispielsituationen geschildert. Die Befragten sollen dann erklären, wie sie sich fühlen und verhalten würden und welches Erleben und Verhalten von ihnen erwartet wird. Dieser situationsbezogene Ansatz sei etwas Neues in diesem Forschungsprojekt, sagt Eid: „Es gibt bisher nur wenige psychologische Studien zu Emotionsnormen, und die erfassen kulturelle Normen oft nur global.“ Hinzu komme, dass es solche kulturellen Vergleiche für den innereuropäischen Raum kaum gebe. Viel besser erforscht seien zum Beispiel Unterschiede im Stolzempfinden von Asiaten und Nordamerikanern.

Kulturen überlappen sich

Der kulturvergleichende Ansatz bringt Herausforderungen mit sich: So müsse die Interviewsituation bei türkischen Gesprächspartnern ganz anders gestaltet werden, um eine Vertrauensbasis zu schaffen. Hier profitiert das Projekt besonders von den Kontakten und Erfahrungen von Haci-Halil Uslucan, habilitierter Psychologe an den Universitäten Magdeburg und Wien, der in der Türkei geboren wurde und bis zu seinem neunten Lebensjahr dort aufgewachsen ist. Seit 1973 lebt er in Berlin. Den Vergleich zwischen drei Gruppen – deutsch, türkisch und türkischstämmig – findet Eid besonders interessant: „Uns interessieren auch die Akkulturationseffekte, also die Art, wie man die eigenen Emotionen an die Kultur anpasst, in der man lebt“, sagt er. „Und natürlich auch die Heterogenität der Kulturen.“ Türkische Kultur und deutsche Kultur seien eben keine homogenen Blöcke, die sich gegenüberstehen, sondern sie überlappen und beeinflussen sich.

Die Alltagssprache analysieren

In einem zweiten Schritt sollen die Erkenntnisse aus der ersten Teilstudie vertieft werden, und zwar mittels weiterer qualitativer Methoden: Die Forscher werden Internetforen auswerten, in denen Jugendliche aus beiden Kulturen kommunizieren; sie werden Feldstudien erstellen, beispielsweise Jugendgruppen in Clubs beobachten, die Alltagssprache analysieren sowie lange und intensive Interviews führen.

Das aufwendige Projekt ist eines der zahlreichen Forschungsvorhaben, die im Rahmen des Exzellenzclusters „Languages of Emotion“ verwirklicht werden. Wie der Name des Clusters andeutet, geht es bei allen Teilprojekten um Gefühle, Sprache und den Zusammenhang zwischen beiden. Bei der zurückliegenden Entscheidung in der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder wurden nur wenige Cluster ausgewählt, an denen geisteswissenschaftliche Disziplinen so maßgeblich beteiligt sind. „Languages of Emotion“ ist somit einer der wenigen Cluster, der die Kluft zwischen Geistes- und Naturwissenschaften überbrücken will. Denn in den Medien und der öffentlichen Wahrnehmung stehen sich Geistes- und Naturwissenschaften immer häufiger diametral gegenüber. Auf der einen Seite die sinnsuchenden Denker, auf der anderen die Laborforscher, die Fakten zusammentragen – so das gängige Bild.

Was ist dran am Klischee?

Wie an vielen Klischees ist auch an diesem durchaus etwas dran. Unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen haben natürlich unterschiedliche Arbeitsweisen, sie stellen unterschiedliche Fragen, gehen unterschiedliche Wege. Der Quantenphysiker Erwin Schrödinger schreibt über das moderne Weltbild seiner Disziplin, der Physik: „Es liefert eine Menge faktischer Informationen, bringt all unsere Erfahrung in eine wundervoll systematische Ordnung. Aber es hüllt sich in tödliches Schweigen über alles und jedes, was unserem Herzen wirklich nahe steht, was uns wirklich etwas bedeutet. Es sagt uns kein Wort über rot und blau, bitter und süß, körperlichen Schmerz und körperliche Lust; es weiß nichts von schön und hässlich, gut und schlecht, nichts von Gott und der Ewigkeit.“
Forscher, die mit naturwissenschaftlichen Methoden arbeiten, reflektieren selten oder nur wenig, wie sehr die Begriffe und Bilder, mit denen sie ihre Befunde formulieren, ja sogar die Fragen, die sie stellen, kulturell geprägt sind. Geistes- und Sozialwissenschaftler hingegen sind zwar Experten für kulturelle Veränderungen und deren Bedeutung. Sie unterschätzen aber oft die genetischen und kulturanthropologischen Grundlagen menschlichen Verhaltens. Außerdem fehlt ihnen häufig experimentelles Know-how.

Keine undurchlässigen Grenzen

Im Exzellenzcluster wollen Wissenschaftler aus geistes- und naturwissenschaftlichen Disziplinen nun von einander profitieren. Gerade beim Thema Emotionen und Sprache lassen sich eben keine undurchlässigen Grenzen ziehen, das Zusammenspiel von Gefühl und Sprache ist komplex, weder „nur Natur“ noch „nur Kultur“.
„Wir wollen die Arme weit ausstrecken zu den anderen Disziplinen“, sagt Winfried Menninghaus , Professor für Literaturwissenschaft und Sprecher des Clusters. Forscher und Denker aus mehr als 20 Disziplinen werden zusammenarbeiten, darunter so unterschiedliche Fächer wie Japanologie und Psychiatrie, Politikwissenschaft und Biologie, Theater- und Tanzwissenschaft und Neuropsychologie.
„Eine der größten Herausforderungen, die wir zunächst angehen müssen, wird sein, eine gemeinsame Sprache zu finden“, sagt Menninghaus. Allein die Begriffsklärung dürfte eine riesige Aufgabe sein: „Emotion“, „Gefühl“ und „Empfindung“ beispielsweise haben umgangssprachlich eine ähnliche Bedeutung.
Die Nuancen jedoch unterscheiden sich von Sprache zu Sprache, von Fach zu Fach, und sie unterliegen auch einem stetigen Wandel. Für diese Begriffe gibt es zum Teil mehr als 100 verschiedene Definitionen – es scheint fast unmöglich, sich auf eine allgemein akzeptierte Terminologie zu einigen.

Der pragmatische Weg

Für die Arbeit im Cluster haben sich die Wissenschaftler daher zunächst für einen pragmatischen Weg entschieden: Der Sprachgebrauch und die gängigen Begrifflichkeiten in jeder Disziplin sollen hinterfragt und kritisch reflektiert werden. Keinem Fach soll eine Deutungshoheit überantwortet werden. Von zentraler Bedeutung ist der Begriff des „Affekts“: Er dient den Wissenschaftlern als Überbegriff, der sowohl Emotionen und Gefühle als auch Stimmungen und Atmosphären umfasst. Gerade beim Erkunden und Refl ektieren solcher Begriffe sieht Menninghaus die Stärken der Geisteswissenschaften mit ihren zum Teil jahrhundertealten Denktraditionen. „Keine Wissenschaft entkommt der Sprache“, sagt er. Aber nicht nur das: Wer, wenn nicht die Literaturwissenschaftler, könnten erkunden, warum uns manche Gedichte zum Lachen bringen und manche zum Weinen? Wer, wenn nicht die Filmwissenschaftler, könnten erklären, warum uns manch eine Szene zu Tränen rührt? „Es ist doch ein mittleres Wunder, wie ein paar Töne uns in eine traurige Stimmung hineinziehen können“, sagt Menninghaus. „Künstler sind dafür ganz besondere Experten.“ Sie könnten dabei helfen zu ergründen, wie mithilfe von Sprache Emotionen ausgelöst werden. Geistes- und Naturwissenschaften auf Augenhöhe – darauf freut sich auch Arthur Jacobs, Professor am Arbeitsbereich Allgemeine und Neurokognitive Psychologie. Er verspricht sich eine „differenziertere Betrachtung“, zum Beispiel von verschiedenen Angstphänomenen. Sein Institut bringt unter anderem experimentelles Knowhow und Hightech-Geräte in den Cluster ein. Darunter sind Kernspin-Tomographen, mit denen sich Hirnaktivitäten abbilden lassen, EEG-Labore, in denen kognitive Prozesse gemessen werden, und Hochgeschwindigkeits- Blickbewegungsmesser, die Augenbewegungen aufzeichnen können. So will Jacobs beispielsweise untersuchen, wie das Gehirn beim Lesen Emotionen verarbeitet: Gibt es affektiv-kognitive Unterschiede bei der Lektüre von Harry Potter und Goethes Faust? „Es wäre vermessen, so etwas ohne Literaturwissenschaftler zu versuchen“, sagt Jacobs.

Mathematik-Asse werden Rechen-Nieten

Untersucht werden soll auch, wie sich die Störung bestimmter Hirnregionen auf Emotionen auswirkt. So ist es möglich, mithilfe elektromagnetischer Felder bestimmte Hirnfunktionen vorübergehend zu stören: Aus Mathematik-Assen werden so kurzzeitig Rechen-Nieten. Was aber passiert, wenn man bei einer Testperson die Fähigkeit zur Empathie ausschalten könnte?
Das alles sind nur wenige Aspekte der großen Themenvielfalt des Clusters „Languages of Emotion“, der in vier Forschungsbereiche unterteilt ist:

  • erstens die Beziehungen von Emotionen und Sprache sowie Ton und Bild
  • zweitens die künstlerischen Poetiken der Affektdarstellung
  • drittens die Beziehungen von emotionaler und sprachlicher Kompetenz sowie deren Störungen
  • viertens Affektmodulierungen auf der Ebene kultureller Codes

– zum letzten gehört auch das Projekt von Michael Eid, das „Ehre und Scham“ in deutsch- und türkischstämmigen Bevölkerungsgruppen untersucht. Zwar sind an diesem Vorhaben keine Naturwissenschaftler beteiligt, interdisziplinär ist es dennoch: Ethnologen, Psychologen und Literaturwissenschaftler arbeiten zusammen, um möglichst umfassende Erkenntnisse gewinnen zu können.