Prof. Dr. Inka Bormann zu ihrem virtuellen, internationalen Forschungssemester
Erfahrungen als Gastprofessorin in Finnland, Schweden und Dänemark
Während ihres Forschungssemesters (Oktober 2020 - März 2021) ist Prof. Dr. Inka Bormann (Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der FU) als Gastprofessorin in Finnland, Schweden und Dänemark eingeladen. Aufgrund der Coronavirus-Pandemie können die Aufenthalte nicht vor Ort stattfinden. Viele der geplanten Aktivitäten, wie z.B. Forschungsworkshops, Vorträge und Co-teaching, werden nun stattdessen in Online-Formaten abgehalten. Frau Prof. Dr. Bormann berichtet von den ersten Wochen ihres virtuellen, internationalen Forschungssemesters und gibt interessante Einblicke. Im Interview spricht sie über die Schwerpunkte ihrer Arbeit, aus welchem Grund die Wahl auf genau diese drei Länder fiel und Erfolge und Herausforderungen der ersten Monate.
Was sind die Schwerpunkte Ihres Forschungssemesters und warum haben Sie sich für Finnland, Schweden und Dänemark entschieden? Was bieten diese drei Länder für Ihre Forschung?
Ich möchte in meinem Forschungssemester besonders der Frage nach der Beziehung zwischen Governance-Formen und Vertrauen gegenüber bzw. in Bildungseinrichtungen nachgehen. Vertrauen gilt ja nicht nur im Allgemeinen und in Krisenzeiten im Besonderen als ein wichtiges gesellschaftliches „Schmiermittel“, das das Zusammenleben erleichtert. Speziell in Bezug auf Bildung verweisen Studien darauf, dass vertrauensvolle Beziehungen z.B. zwischen Lehrenden und Lernenden nicht nur gute Leistungen unterstützen oder Burn-Out puffern können, sondern auch dazu beitragen, dass das für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Vertrauen gegenüber Institutionen so wichtige generalisierte Vertrauen entwickelt und gestärkt wird.
Schon seit Jahren können nordische Länder als weltweit führende „Vertrauensnationen“ bezeichnet werden; zurückgeführt wird dies unter anderem auf die politische Kultur in Skandinavien. Gleichzeitig schneiden diese Länder in den internationalen SchülerInnen-Leistungsvergleichsstudien sehr gut ab. Das ist wohl mehr als nur eine interessante Parallele. Mich beschäftigt, was das hohe allgemeine Vertrauen in der Bevölkerung für die Beziehungen zwischen verschiedenen Akteuren im Bildungsbereich bedeutet. In den drei Ländern bin ich an vier Universitäten zwischen einer und drei Wochen als Gastprofessorin eingeladen.
Was hat sich durch die Pandemie an Ihrem ursprünglichen Plan für Ihr Forschungssemester geändert?
Aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie kann ich leider nicht vor Ort sein, da die Universitäten ihren Campus geschlossen haben, das Home Office genutzt werden soll oder Menschen aus Deutschland zwischenzeitlich nicht ins Land gelassen wurden. Das ist natürlich alles nachvollziehbar, aber für mich persönlich wirklich sehr, sehr schade. Zwar haben die KollegInnen und ich das, was sinnvoll und möglich ist, nun in virtuelle Formate verlegt, und ich halte die vorab verabredeten Vorträge, führe Seminare durch, biete Workshops an und nehme an Veranstaltungen teil. Ich bin wirklich sehr dankbar dafür, dass dadurch meine Agenda für das Forschungssemester nicht vollständig obsolet geworden ist.
Es gibt aber ganz klar auch eine Kehrseite: Das, was sich normalerweise in informellen Gesprächen auf dem Flur, beim Kaffee oder in der Pause ergibt, fällt so gut wie ersatzlos aus, also Kontakte zu KollegInnen, mit denen ich bislang noch keinen persönlichen Kontakt hatte oder eine Reihe von Interviews, die ich vor Ort führen und so forschend lernen wollte. Kurz gesagt: Nur das Vorgesehene findet statt, Spontaneität entfällt. Digitale Formate des Austausches sind meines Erachtens recht ergebnisorientiert und bieten weniger Anlässe für zufällige Kreativität und das Ungeplante.
Wie waren die ersten Wochen Ihres Forschungssemesters? Gab es Anlaufschwierigkeiten und wie konnten Sie diese bewältigen?
Dadurch, dass der erste Aufenthalt schon im Mitte September vor Ort hätte stattfinden sollen, sich die Corona-Lage seitdem sehr dynamisch entwickelt hat und die Maßnahmen restriktiver geworden sind, sind die Unwägbarkeiten inzwischen geklärt: kein einziger der bis Dezember geplanten Vor-Ort-Termine kann stattfinden. Es war natürlich ein gewisser Aufwand, die sich rasch verändernde Situation sowie die jeweils geltenden Regelungen hier wie dort im Auge zu behalten und mit den KollegInnen darüber im Austausch zu bleiben, die Unterkünfte und Reisen zu stornieren etc. Aber Schwierigkeiten gab es dabei so gut wie keine. Bei einem der Aufenthalte wollte ich mit Unterstützung durch Mittel des Centers for International Cooperation einen internationalen Workshop durchführen, und zwei der Aufenthalte hätten über Erasmus+ gefördert werden sollen; die MitarbeiterInnen im CIC und im Referat IV B waren sehr unterstützend auch bei der „Rückabwicklung“. Trotz des Aufwands bin ich von der ganzen Situation oder von den Maßnahmen ganz sicher auf keinen Fall besonders hart getroffen, auch wenn ich mir dieses Forschungssemester komplett anders vorgestellt habe.
Auf welche Projekte freuen Sie sich am meisten und warum?
Während meines Forschungssemesters arbeite ich an verschiedenen Vorhaben. Eines davon ist ein Special Issue mit dem Arbeitstitel „Trust in Educational Settings. European Perspectives“, das ich mit meinem Team herausgebe. Auf der Basis eines sehr umfangreichen systematischen Literaturreviews haben wir ein Modell des Vertrauens im Mehrebenensystem des Bildungswesens entwickelt, das neben der direkten pädagogischen Interaktion auch das Vertrauen gegenüber Bildungsinstitutionen berücksichtigt. Die eingeladenen AutorInnen aus sechs europäischen Ländern werden ihre Studien in das heuristische Modell einordnen, so dass das gesamte Special Issue wesentlich dazu beitragen wird, systematisch Bedarfe in der internationalen bildungsbezogenen Vertrauensforschung zu erschließen. Um die Beiträge aufeinander abzustimmen, hat mit allen am Special Issue beteiligten KollegInnen bereits ein Workshop stattgefunden. Weil die Veranstaltung nun nicht kopräsent abgehalten werden konnte, haben wir uns auf ein digitales Format verlegt. Dieser Workshop war mir eine besondere Freude, weil er aufgrund des hohen Commitments der KollegInnen, die sich allesamt auf ein Wiedersehen beim Workshop gefreut hatten, zu sehr guten inhaltlichen Ergebnissen und hoher Klarheit für die künftigen Arbeitsschritte geführt hat.
Ich bin außerdem als Gastprofessorin an der Universität Aarhus (Campus Kopenhagen) eingeladen. In der Forschungsgruppe meiner Kollegin werde ich einen Vortrag halten und gemeinsam mit ihr in einem internationalen MA-Kurs an zwei Tagen ein virtuelles Co-Teaching durchführen. Außerdem arbeiten wir an einem Artikel, der sich mit der Corona-Pandemie im Bildungsbereich befasst.
Was erhoffen Sie sich, aus Ihrem Forschungssemester mitnehmen zu können?
Von meinem Forschungssemester erhoffe ich ganz unabhängig von der derzeitigen Corona-Situation, dass es gelingt, gemeinsam mit den KollegInnen die schon begonnenen sowie neue Forschungs- und Publikationsvorhaben voranzubringen. Ich denke und hoffe, neue Formen der Zusammenarbeit mit den KollegInnen zu etablieren, vielleicht auch in Bezug auf gemeinsame Lehrformate – das wird sich zeigen.
Ich denke, dass die virtuellen Zusammenkünfte künftig noch stärker zur Normalität werden. Nun sehen wir, was doch alles möglich ist. Dennoch halte ich virtuelle Treffen auf Dauer keineswegs für eine Lösung, die persönliche Zusammenkünfte pauschal ersetzen sollten. Die Pandemie-Monate lehren uns alle wohl, genau abzuwägen, zu welchen Anlässen virtuelle oder persönliche Treffen stattfinden sollten – auch unter Berücksichtigung des eigenen „carbon footprint“.
Die Fragen stellte Sophia Marie Schröder.
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