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Digital*Humanities im Gespräch im Wintersemester 2019/20

7. November 2019: Thorsten Ries: "zum lungen- / schacht wird ich“. Zur Entstehung von Thomas Klings Zyklus Gesang von der Bronchoskopie. Eine festplattenphilologische Spurensuche und Rekonstruktion"

Thomas Kling (1957-2005) schrieb den Zyklus Gesang von der Bronchoskopie als ein poetologisches Kernstück seines letzten Gedicht- und Essaybandes Auswertung der Flugdaten (DuMont, 2005). Der Vortrag wird eine Einführung in die festplattenphilologische, digitalforensische Rekonstruktion des hauptsächlich digitalen Dossier Génétique dieses Schreibprojekts geben und mit der Freilegung der Entwurfsstufen auch die poetologischen Schichten und intertextuellen und textgenetischen Kontextbezüge des Zyklus‘ darstellen.

Literarische Archive von Autor*innen der Gegenwart enthalten immer mehr digitale Dokumente, Archivalien, Arbeitsspuren. Digitalforensische Methoden spielen eine immer größere Rolle bei der Bewahrung, Wiederherstellung und philologischen Analyse von digitalen Materialien in Archiven und Bibliotheken. Der Vortrag wird einen Einblick in die praktische Arbeit mit digitalen literarischen Archiven geben.

5. Dezember 2019: Cosima Wagner: "Digital Humanities und Multilingualität: Herausforderungen und Lösungsansätze im Kontext nicht-lateinischer Schriften"

Aus der Sicht von geistes- (und sozial-)wissenschaftlichen Fachdisziplinen, deren Quellengrundlagen der Forschung in nicht-lateinischen Schriften vorliegen, sind in der Fülle an bereits entwickelten Digital Humanities-Werkzeugen und -Plattformen bislang nur wenige multilingual kompatibel. Oft sind zeit- und kostenintensive Erweiterungen nötig, die jedoch selten publiziert und daher nicht auffind- bzw. nachnutzbar sind. An der Freien Universität Berlin betrifft dies eine Reihe von forschungsstarken, international ausgerichteten Fächern u.a. aus den Bereichen Ostasien und Vorderer Orient.

Anhand von Praxisbeispielen erläutert der Vortrag Problemstellungen und Lösungsansätze im Kontext nicht-lateinischer Schriften und stellt eine internationale Initiative für multilinguale Digital Humanities vor. Zugleich wird nach den daraus erwachsenden Anforderungen an fachspezifische Forschungsinfrastrukturen gefragt.

9. Januar 2020: Barbara Hahn, Ingo Kieslich und Lena-Luise Stahn: "Hannah Arendt. Kritische Gesamtausgabe als Hybrid-Edition"

Die kritische Gesamtausgabe der Werke und des Nachlasses von Hannah Arendt bietet erstmalig alle veröffentlichten und unveröffentlichten Werke der Autorin im Rahmen einer wissenschaftlich gesicherten Textgrundlage. Alle Texte werden digital und im Druck publiziert, wobei die Ausgabe von ihrer digitalen Verfasstheit her konzipiert ist, so dass auch die gedruckten Texte aus der digitalen Infrastruktur hervorgehen. Daher sind Buch und Online-Portal keine bloßen Kopien, sie komplementieren sich vielmehr hinsichtlich eines intuitiven Zugangs zu den edierten Texten und philologischen Informationen.

Vor diesem Hintergrund stellen sich neue Fragen nach den anzuwendenden Werkzeugen und Methoden: Wie kann man bei der Herstellung und Präsentation von Texten Schreib- und Leseerfahrungen gerecht werden, die in der Materialität des Papiers wurzeln, und doch in angemessener Art und Weise die Vorteile digitalen Publizierens nutzen?

6. Februar 2020: Marian Dörk: "Zwischen Betrachtung und Bewegung: Interaktive Visualisierung kultureller Sammlungen"

Vor dem Hintergrund einer fortschreitenden Digitalisierung kultureller Sammlungen ergeben sich transdisziplinäre Forschungsfragen, die an der Schnittmenge zwischen Design, Kulturwissenschaft und Informatik zu verorten sind. Dabei wird der Informationsvisualisierung ein besonderes Potenzial zugeschrieben, die Betrachtung einzelner Artefakte sowie die Bewegung durch gesamte Bestände zu unterstützen. Die Informationsvisualisierung hat sich seit den 1990ern als Unterstützung der Datenanalyse in den Natur- und Ingenieurwissenschaften etabliert. In den letzten fünf bis zehn Jahren provozieren neuere Experimente in den Geistes- und Kulturwissenschaften alternative Formen der Auseinandersetzung mit Daten und Kultur. Ausgehend von unserer Design-Forschung am Urban Complexity Lab der Fachhochschule Potsdam diskutiere ich, wie Visualisierungen es der Betrachterin ermöglichen, zwischen der Untersuchung einzelner Artefakte und der Erforschung ganzer Sammlungen zu wechseln. In diesem Vortrag führe ich eine kleine Bestandsaufnahme des expandierenden Universums der Visualisierung kultureller Sammlungen durch und formuliere Fragen über das kreative und kritische Potenzial der Visualisierung für den Kultursektor.