Institut

Treppenhaus
Treppenhaus Bildquelle: Michael Fahrig
Treppenhaus und Fenster
Treppenhaus und Fenster Bildquelle: Michael Fahrig

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschied im Jahr 2014, dass in Frankreich das Tragen einer Vollverschleierung – beispielsweise einer Burka – in der Öffentlichkeit gesetzlich verboten werden darf und damit keine Grundrechte der Trägerin verletzt werden. Diese Entscheidung veranschaulicht, wie notwendig eine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit islamischer Kultur ist.

Nur aufgrund von Kenntnissen über die vielfältigen Ausprägungen des Islam und die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen er praktiziert wird, kann darüber befunden werden, ob die Intentionen, die der französische Gesetzgeber verfolgte, angemessen umgesetzt wurden, wenngleich damit tief in die Meinungs- und Religionsfreiheit einer strenggläubigen Muslima eingegriffen wird.

Zu Tagesthemen dieser Art wird häufig die Expertise des Instituts für Islamwissenschaft angefragt. Als 1948 die Freie Universität Berlin gegründet wurde, stellten sich solche Fragen kaum. Aber dennoch, so überschaubar die Fächer an der Universität damals waren, wurde schon bald das Religionswissenschaftliche Institut mit islamkundlichem Schwerpunkt ausgestattet.

Zu Beginn bearbeitete Walther Braune (1900–1989), erster Professor und Schüler des durch die Nationalsozialisten ins Exil getriebenen Paul Tillich (1886–1965), noch allgemeine Grundlagen und bot neben Unterricht in Arabisch beispielsweise 1950 eine Veranstaltung mit dem Titel an: „Übung zu Goethes West-Östlichem Divan vom Standpunkt der orientalistischen Forschung“. Nach und nach verlegte Braune sich stärker auf die orientalistische Philologie und versuchte dabei zugleich Verständnis dafür zu wecken, dass dem Orient nichts Exotisches anhaftet, sondern dieser Teil der Weltgemeinschaft ist.

Erst zum Wintersemester 1969/1970, nach der Emeritierung Braunes, etablierte sich die Islamwissenschaft als eigenständiges Institut. Aber schon zuvor, von 1963 an, hatte die islamkundliche Abteilung des Religionswissenschaftlichen Instituts in der ehemaligen Rektorenvilla in der Boltzmannstraße 4 ihr eigenes Domizil gehabt. Hier war eine einladende Atmosphäre entstanden, die nicht zuletzt auch der Professorengattin, der Kunsthistorikerin Gertrud Braune, zu verdanken war.

Der Religionswissenschaftler Klaus Heinrich erinnert sich daran, dass im Treppenhaus sorgsam platziert Abbildungen und Reproduktionen an der Wand hingen, die Tempellandschaft von Segesta, die Stadtmauer von Jerusalem, aber auch Picassos „Guernica“ und Henry Moores „König und Königin“. Die Bibliothek, die sich – abgesehen vom kleinen Hörsaal im Erdgeschoss – über das gesamte Haus erstreckte, habe eher einer Privatbibliothek geglichen.

Hier waren die Bücher noch ohne Signaturen, nur sortiert nach dem Geburtsdatum des Verfassers oder der Verfasserin aufgestellt. Mit zunehmender Erweiterung der Bibliothek musste auch der Keller für die Unterbringung der Literatur hergerichtet werden. Das Institut zog zwischenzeitlich in den Faradayweg 15 um und wurde 1994 in der Altensteinstraße 40 untergebracht.

Der erste Inhaber der Professur Fritz Steppat (1923–2006), ein Schüler Braunes, entwickelte von 1972 an gemeinsam mit Baber Johansen ein neues Lehr- und Forschungsprofil. Das Selbstverständnis der Islamwissenschaft hatte sich im Laufe der Jahre gewandelt. Sie wandte sich nun im Sinne einer vergleichenden Kultur- und Sozialwissenschaft all jenen Gesellschaften zu, die muslimisch geprägt sind oder in denen Muslime lebten und leben.

Der Islam entwickelte sich seit dem 7. Jahrhundert in ganz unterschiedlichen Kulturräumen und war daher vielfältigen Veränderungen ausgesetzt. Seine je spezifischen normativen Traditionen werden analysiert und dokumentiert, Voraussetzung dafür ist die Kenntnis des Koran und der Sunna. Auch die arabische Sprache ist unverzichtbar, um die Varianten der Auslegung im Original untersuchen zu können. Für den Zeitraum bis zum 18. Jahrhundert wird die Forschung und Lehre am Institut auf die Untersuchung der Struktur muslimisch geprägter Gesellschaften fokussiert, insbesondere im Hinblick auf religionsrechtliche, aber auch soziale und kulturelle Aspekte.

Für die sich anschließenden Epochen stehen die Transformations- und Modernisierungsprozesse in den arabischen Gesellschaften im Mittelpunkt. Auf dem Weg in die Neuzeit bildeten sich ganz unterschiedliche Ausprägungen heraus, weshalb sich der Fokus nicht auf den muslimisch beeinflussten Orient beschränkt. In Afghanistan, Pakistan, Indonesien, aber auch in den Gesellschaften Frankreichs, Großbritanniens und Deutschlands haben Muslime eine starke Präsenz. An der Freien Universität Berlin wurde mit der Einrichtung eines Instituts für Turkologie 1993 ein wesentliches Untersuchungsgebiet der Islamwissenschaft ausgegliedert.

Die 45 000 Bände umfassende Freihand-Bibliothek wurde zwischenzeitlich selbstredend mit Signaturen versehen. Sammlungsschwerpunkte sind der Vordere Orient (Neuzeit), alte und moderne arabische Literatur, moderne türkische Literatur, Unterrichtsmaterialien für Arabisch, Persisch und Türkisch, traditionelle islamische Wissenschaftsliteratur sowie osmanische Geschichte und Literatur.

Für Forschung und Lehre wurden neben Fritz Steppat und Baber Johansen, der 1996 nach Paris wechselte und zugleich in Princeton und Harvard lehrte, auch der Wissenschaftler Egon Eichgrün (1930–1997) berufen. Im Jahr 1996 folgte Gudrun Krämer auf die Professur Steppats. Gegenwärtig gibt es am Institut sechs Professuren (hiervon eine in Vertretung), von denen fünf mit Hochschullehrerinnen besetzt sind.

Die in der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder eingeworbene Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies ist ein Doktorandenprogramm, das Promovierende jeweils drei Jahre lang in unterschiedlichen Modulen bei der Forschung und der Erstellung ihrer Dissertation unterstützt. Die mit dem Institut verbundene Einrichtung hat ihren Sitz in der Altensteinstraße 48.