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Ausgrabung mittanischer und assyrischer Gebäudereste am Tell Fecheriye in Syrien
Ausgrabung mittanischer und assyrischer Gebäudereste am Tell Fecheriye in Syrien Bildquelle: Dominik Bonatz
Freigelegte Architektur der mittanischen und assyrischen Siedlung am Tell Fecheriye in Syrien
Freigelegte Architektur der mittanischen und assyrischen Siedlung am Tell Fecheriye in Syrien Bildquelle: Dominik Bonatz

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts für Vorderasiatische Archäologie der Freien Universität widmen sich seit Gründung der Universität 1948 der Suche und Analyse der materiellen Zeugnisse der Kultur des sogenannten alten Orients. Als „alter Vorderer Orient“ wird das Gebiet zwischen Georgien, Armenien und der Türkei im Norden, Afghanistan und Pakistan im Osten, Iran und der arabischen Halbinsel im Süden und Westen bezeichnet, zeitlich umrissen vom Beginn der Sesshaftigkeit des Menschen bis zur islamischen Ära (7. Jahrhundert n. Chr.), was einem Zeitraum von 10 000 Jahren entspricht.

Am Institut werden die Studierenden sowohl in den vielfältigen theoretischen und inhaltlichen Grundlagen des Faches als auch in der archäologischen Feldarbeit vor Ort ausgebildet; sie lernen, anhand von Artefakten die wirtschaftlichen, sozialen, politischen, religiösen sowie geistes- und kunstgeschichtlichen Verhältnisse dieser alten Kulturen zu ergründen.

Neben modernen Sprachen wie Türkisch, Arabisch oder Persisch – Englisch und Französisch werden vorausgesetzt – ist Akkadisch eine der zahlreichen inzwischen ausgestorbenen semitischen Sprachen, die in den Nachbardisziplinen der Vorderasiatischen Archäologie erlernt werden können. Eingebunden in das Netz der Wissenschaften der Alten Welt, ermöglichte bis zum Auszug die mit dem Institut für Altorientalistik gemeinsame Unterbringung in einem Gebäude im Hüttenweg 7 einen intensiven wissenschaftlichen Austausch.

Zunächst war die Vorderasiatische Archäologie – damals noch Institut für Vorderasiatische Altertumskunde genannt – im ersten Hauptgebäude der Freien Universität in der Boltzmannstraße 3 untergebracht. Nach mehr als zehn Jahren zog das Institut in ein eigenes Gebäude um, die neue Adresse: Auf dem Grat 44. Nach rund 20 Jahren wurde noch einmal ein Ortswechsel vollzogen, der sich aus der engen wissenschaftlichen Kooperation mit der Altorientalischen Philologie ergab. Beide Institute sowie die Fachbereichsverwaltung der gesamten Altertumswissenschaften bezogen die große Landhausvilla in der Bitterstraße 8–12.

In dem weitläufigen repräsentativen Gebäude konnten auch auswärtige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untergebracht und Tagungen veranstaltet werden. Als nach mehr als 20 Jahren diese Anlage aufgegeben werden sollte, zog die Vorderasiatische Archäologie, die nun ein eigenes Institut geworden war, wieder gemeinsam mit dem Institut für Altorientalistik in den Hüttenweg 7 ein.

Zur weltweiten Anerkennung beider Institute hat in den frühen Jahren Anton Moortgat (1897–1977) beigetragen, der unmittelbar nach der Gründung der Freien Universität Berlin die Archäologie mit dem Schwerpunkt Altes Vorderasien etablierte. Moortgats Periodisierung der altorientalischen Kunst – in zahlreichen Veröffentlichungen ausgeführt – ist bis heute wegweisend. Auch wenn der von ihm vertretene, stark auf Mesopotamien, dem Gebiet zwischen Euphrat und Tigris bis hin zum Persischen Golf, ausgerichtete Fokus sich inzwischen erweitert hat, wird vom Institut aus in dieser Gegend immer noch Feldforschung betrieben.

Mit Hans J. Nissen kam im Jahr 1970 ein auch international bekannter Wissenschaftler für 30 Jahre als Institutsleiter von der University of Chicago nach Berlin. Er erforschte vor allem die politisch-soziale Entwicklung der altorientalischen Gesellschaften. Sein Forschungsschwerpunkt auf den Zeiten der frühen urbanen Kulturen und der Schriftentstehung führten zu einer engen Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und zur Entschlüsselung der frühesten Systeme von Zahlzeichen sowie der frühesten Schrifttafeln, die aus dem südmesopotamischen Uruk stammen. Hans Nissen leitete auch ein Projekt zur Erforschung frühen Handels im Zagros-Gebirge des Iran, welches derzeit am Institut durch Professorin Susan Pollock weitergeführt wird.

In dem langjährigen Grabungsprojekt Tell Schech Hamad in Nordost-Syrien wurde von 1978 bis 2010 unter Leitungvon Hartmut Kühne nach Artefakten der assyrischen Kultur der mittel-, neu- und nachassyrischen Zeit (13. bis 6. Jahrhundert v. Chr.) geforscht. Durch großflächige Ausgrabungen konnte der von den Assyrern „Dur Katlimmu“ genannte Ort als bedeutender Verwaltungssitz mit ausgedehnten Gebäudekomplexen identifiziert werden.

Der Bürgerkrieg in Syrien hat zu Raubgrabungen und Zerstörungen im Grabungsgelände geführt. Die Ergebnisse und Funde aus den Ausgrabungen einschließlich zahlreicher Keilschrifttexte werden jedoch weiterhin in Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Altorientalistik und anderer Fachsparten ausgewertet und fortlaufend publiziert.

Ein weiteres Beispiel für Feldforschungen des Instituts sind die Arbeiten auf dem Tell Fecheriye im Norden Syriens mit zahlreichen Kooperationspartnern unter Leitung von Dominik Bonatz. Hier befand sich einst ein Zentrum des spätbronzezeitlichen Königreichs von Mittani und dem sich anschließenden mittelassyrischen Reich. Gesucht wird nach den Zeugnissen des sich unter dem Einfluss politischer Systeme wandelnden städtischen Lebens an diesem Ort.

Einblicke in den Lebensalltag sowie in die politische Verwaltung, Wirtschaft und ethnische Vielfalt liefern die annähernd 60 Tontafeln der mittelassyrischen Besiedlung (13. Jahrhundert v. Chr.), die neben der Lehmziegelarchitektur, zahlreichen Bestattungen und bildlichen Zeugnissen zu den bedeutendsten Funden der Ausgrabungen zählen.

Mit der Erweiterung des Forschungsbereichs der Vorderasiatischen Archäologie rücken andere Gegenden des Alten Orients ins Blickfeld; zu ihnen gehören die Levante, aber auch Anatolien sowie weiter östlich gelegene Regionen. So fanden mittlerweile Grabungen in Jordanien, in Qulban Beni Murra und in Ba’ja statt, beide unter Leitung von Hans Georg Gebel mit verschiedenen Kooperationspartnern. Unter der Leitung von Susan Pollock und Reinhard Bernbeck wird seit 2010 der Ort Monjukli Depe des 5. Jahrtausends v. Chr. in Turkmenistan nahe der Grenze zum Iran ausgegraben. Die Siedlung zeichnet sich durch außergewöhnlich gut erhaltene Architektur aus.

Es wurden auch Grabungen und Surveys in Indonesien ausgeführt, etwa die zwischen 2003 und 2009 mit verschiedenen Projektpartnern in Kerinci auf Sumatra sowie bis 2014 in Tanah Datar – jeweils unter Leitung von Dominik Bonatz. In jüngerer Zeit kam ein räumlich wie zeitlich nahes Forschungsgebiet hinzu: das Tempelhofer Flugfeld. In Zusammenarbeit mit dem Landeskonservator wurden hier am Rande des ehemaligen Rollfeldes des Tempelhofer Flughafens, unter Leitung von Reinhard Bernbeck und Susan Pollock, Grabungen in ehemaligen Zwangsarbeitslagern ausgeführt, die sich hier während des Zweiten Weltkrieges befanden.

Der Einfluss des Instituts für Vorderasiatische Archäologie lässt sich daran ablesen, dass frühere Studierende Professuren in vielen Ländern innehaben, von Pakistan über Jordanien, das Westjordanland, Israel, Dänemark und die Schweiz bis nach Kanada. Die derzeit am Institut herausgegebene Zeitschrift Forum Kritische Archäologie hat den Anspruch, fachübergreifende archäologische Themen frühzeitig aufzugreifen und einen Raum für intellektuelle Auseinandersetzung zu bieten.