Gebäude

Historische Planzeichnung
Historische Planzeichnung

Die Topographie einer Stadt entwickelt sich aus den Schichten ihrer Vergangenheit. Am Beispiel des Grundstücks Gelfertstraße 45 wird dies exemplarisch deutlich. Heute ist das Grundstück von einem aus mehreren Quadern zusammengesetzten Gebäudekomplex der radikalen Moderne überbaut, besonders markant hierbei die weit auskragende, massiv wirkende Eingangsvorfahrt. Nichts lässt mehr die ursprünglich hier stehende Villa erahnen.

Als der Textilfabrikant Hans Bernstein 1923 das Grundstück von der Domäne Dahlem erwarb, muss es ihm finanziell gut gegangen sein. Er selbst war noch in Charlottenburg wohnhaft. Kleider, Kostüme und Damenmäntel ließ er in der Jerusalemer Straße produzieren, im traditionellen Konfektionsviertel Berlins.

Der Umzug nach Dahlem sollte vermutlich zum Beleg seines wirtschaftlichen Aufstiegs werden, doch es kam anders: Schon 1926 musste Bernstein, der in der Villa mit seiner Ehefrau Ida, geborene Jaffé, gelebt hatte, alles wieder aufgeben – wirklich alles. Er verkaufte nicht nur das Grundstück mit Gebäude und Begas-Brunnen, sondern auch die Innenausstattung und das Zubehör: Der große Teppich im Herrenzimmer, sechs mal sechseinhalb Meter, selbst der Rassehund und die Rassehühner standen mit auf der Inventarliste.

Erwerber war Direktor Max Coenen, der erst zu diesem Zeitpunkt nach Berlin zog und übergangsweise im Adlon logierte. Er bewohnte die Villa mit seiner Ehefrau Johanna, nachdem zusätzlich noch das Nachbargrundstück erworben wurde. Coenen war für die IG Farben AG tätig, die sich nach 1933 in vielfältiger Weise mit dem nationalsozialistischen Regime verband. Was mit dem Voreigentümer Hans Bernstein geschah, der möglicherweise jüdischer Herkunft war, ist nicht bekannt.

Dem Ehepaar Coenen mangelte es an nichts, selbst ein Tennisplatz wurde auf dem großzügigen Grundstück errichtet. Nicht weit entfernt befand sich von 1938 an das Luftkreiskommando der Luftwaffe. Das war vermutlich der Grund dafür, dass auch in Dahlem Bomben der Truppen der Alliierten einschlugen. Die Villa in der Gelfertstraße 45 wurde getroffen und zerstört. Nach Kriegsende wurden die Aktivitäten der IG Farben AG vom Office of Military Government for Germany (O.M.G.U.S.), deutsch: Amt der Militärregierung für Deutschland, intensiv untersucht. Auch zu Max Coenen wurden Unterlagen gesammelt, was allerdings folgenlos für ihn blieb.

Coenen starb 1954, seine Ehefrau trat das Erbe an, und 1956 wurde das Grundstück geräumt. Mittlerweile hatte sich die Freie Universität Berlin in Dahlem etabliert. Die Wohnungsnot war groß, auch für Studentinnen und Studenten. In enger Abstimmung errichtete nun die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg ein Wohnheim und beauftragte die angesehenen Architekten Erich C. Müller und Georg Heinrichs mit der Planung.

Neben unterschiedlichen Wohneinheiten wurde im Bauteil zur Gelfertstraße hin auch ein Gemeindesaal untergebracht. Das exponierte Vordach, getragen von dünnen Rundstützen, lässt sich in seiner ausgeführten Version aus dem Architektenentwurf nicht ableiten.

Nachdem das Land Berlin den gesamten Komplex von der Evangelischen Kirche übernommen hatte, überließ es den größten Teil dem Studierendenwerk, das es weiter als Wohnheim betreibt. Den Instituten für Vorderasiatische Archäologie und Altorientalistik wurden 1997 der große Saal, der an der Gelfertstraße liegt, sowie kleinere Räumlichkeiten zur Nutzung überlassen, um Fundstücke aus Grabungen zu lagern und zu bearbeiten. Die Grabungsprojekte in Syrien, Jordanien, Turkmenistan und Indonesien hatten hier bis zum Auszug des Instituts ihr zweites wissenschaftliches Zuhause; hier fand ein reger Austausch zwischen Forschenden und Studierenden statt.